Nach dem Missbrauchsskandal Guter Rat, zu teuer

Seit der Missbrauchsskandal im vergangenen Jahr die Öffentlichkeit aufwühlte, melden sich immer mehr Opfer bei Beratungsstellen. Doch denen geht das Geld aus: Trotz vieler Versprechen der Politik sind die Konten leer.

Von Susanne Höll

Ein Jahr ist es nun her, dass der systematische sexuelle Missbrauch von Jungen und Mädchen publik wurde und für Entsetzen in Deutschland sorgte. Politiker versprechen seither, alles zu tun, um solche Verbrechen zu verhindern und sich der Opfer anzunehmen.

Der Missbrauchsskandal in Kirchen und Internaten sorgte für Entsetzen - leider aber nicht für einen Ausbau der Opferhilfe.

(Foto: AP)

Doch die Beratungsstellen, oft einziger Anlaufpunkt dieser gebrochenen Menschen, haben von diesen Verheißungen bisher nichts gemerkt. Sie sind finanziell genauso katastrophal ausgestattet wie eh und je, obgleich 2010 die Nachfrage nach Hilfe durch die Debatte über Missbrauchsskandale stark gewachsen ist; insbesondere von Jungen und Männern.

In Deutschland gibt es nur etwa ein halbes Dutzend solcher Anlaufstellen für Männer. Bei einer von ihnen, der Einrichtung "Tauwetter" in Berlin, meldeten sich von 2007 bis 2009 jährlich etwa 100 missbrauchte Jugendliche und Erwachsene. 2010 waren es plötzlich 221. "Tauwetter" hat nur drei feste, schlecht bezahlte Mitarbeiter. Mehr könne man sich nicht leisten, sagt Gründer Thomas Schlingmann.

Für die "Tauwetter"-Selbsthilfegruppen zahlt der Berliner Senat 7000 Euro; die übrige Beratung wird aus Spenden oder von Stiftungen bezahlt. Schlingmann hat schon weitere 130.000 Euro beim Senat beantragt. Doch die volle Summe, glaubt er, wird er nicht erhalten.

Darlehen von Mitarbeitern

Berlin hat, wie viele andere Städte auch, kaum Geld, dafür viele Schulden. Und für die Finanzierung von Beratungsstellen sind die Kommunen und Länder zuständig. Letzere ebenfalls notorisch klamm. Das könne so nicht weitergehen, sagt Schlingmann: "Wir brauchen einen Geldtopf, in den alle Institutionen einzahlen, in denen Missbrauch geschah oder geschieht, und auch der Bund."

Das fordern auch Einrichtungen, die Mädchen und Frauen helfen. Sie sind, wie sie selbst sagen, verglichen mit "Tauwetter" besser ausgestattet - und trotzdem noch weit davon entfernt, die Hilfe anbieten zu können, die nötig wäre.

"Wir Mitarbeiterinnen geben unserer Einrichtung selbst oft zinslose Darlehen, damit die Löhne und die Miete gezahlt werden können", sagt Maren Kolshorn vom Frauennotruf Göttingen. Trotz steigender Anfragen ratsuchender Frauen sei bisher kaum konkrete finanzielle Hilfe bei den Beratungsstellen angekommen.

Ein ähnliches Fazit zieht Iris Hölling von der Frauen- und Mädchen-Beratungsstelle "Wildwasser" in Berlin. Die Bitte um zwei weitere Stellen wurde vom Senat abgelehnt, obgleich die Verwaltung eigentlich gern helfen würde. "Aber die Stadt muss sparen, und das merken wir auch", sagt sie.

Immerhin gibt es in Berlin und anderen Städten überhaupt Hilfsangebote. Auf dem Land ist die Lage schlechter. "In der Fläche muss sich der Bund engagieren. Kommunen und Länder bekommen das nicht hin", sagt Hölling.

Doch die Bundesregierung wird solche Hoffnungen nicht erfüllen. Die Finanzierung der Beratungsstellen sei Ländersache, heißt es zutreffend aus dem Bundesfamilienministerium. Drei Millionen Euro werde Ministerin Kristina Schröder in den nächsten vier Jahren für Fortbildungen von Mitarbeitern in Kinder- und Jugendeinrichtungen zum Thema sexuelle Gewalt zur Verfügung stellen. Darüber hinaus seien keine Zahlungen geplant.