Haiti musste in den vergangenen Jahrhunderten viele Invasoren erdulden - jetzt, da der Alltag zurückkehren soll, sind die fremden Soldaten willkommen.
Das Studio steht jetzt draußen, ein Tisch mit Mikrofonen im Kies zwischen Palmen, drinnen will seit dem 12. Januar fast niemand mehr arbeiten. Vorher hatte Radio Metropóle ungefähr 50 Mitarbeiter, der Kanal aus Pétionville hoch über Port-au-Prince war der Meinungsführer im Land.
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Szenen wie im Krieg: Durch die Ruinen der Hauptstadt Port-au-Prince, vorbei an Leichen, irren Überlebende auf der Suche nach Hilfe. (© Foto: dpa)
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Das fürchterliche Beben erschütterte dann auch dieses journalistische Zentrum der Nation, die meisten Reporter und Techniker verloren Frauen, Kinder, Verwandte, Freunde. Einem Nachrichtensprecher starb der Sohn, einem Musikmoderator die Tochter, ihre Häuser stürzten ein.
Dieser Flachbau blieb stehen, die Antenne ragt nur leicht windschief in den Himmel. Sechs Tage nach der Erschütterung ging Radio Metropóle am Montag wieder auf Sendung, die erste Redaktionssitzung begann mit einer Schweigeminute. Chefredakteur und Besitzer Richard Widmaier schaut in die Zukunft seiner zerstörten Heimat und überlegt, was wie zu retten sein könnte.
Der Nachkomme eines deutschen Auswanderers saß in seinem Büro, in dem er trotz allem weiterhin die Besucher empfängt, als der Boden von unten nach oben und von links nach rechts zu schwanken begann. Er rannte ins Zimmer seiner Frau nebenan. Die rief, sie würden es nicht schaffen ins Freie, sie stellten sich unter den rettenden Türrahmen. Später raste Widmaier mit dem Auto durch die Trümmerstadt, er suchte seine drei Kinder, und weil kein Durchkommen war, joggte er zur Schule und fand sie, lebend.
"Ein Marshallplan"
Sein Team hatte nach Gesprächen mit Seismologen vor Erdstößen gewarnt, doch diese Verwüstung konnte niemand voraussehen. Das hunderttausendfache Schreien und Weinen werde er nie vergessen, sagt Widmaier, ein besonnener Mann von 54 Jahren. "Es war wie das Ende der Welt." Und er weiß, dass nur die Welt seine Heimat vor dem Ende bewahren kann.
Seine Regierungen hielt der Kritiker schon ohne diese Katastrophe für überfordert, unfähig und korrupt. "Unsere Politiker konnten nicht mal die Basics sichern, nicht mal Strom, Wasser, Gesundheitsversorgung", trotz der vielen Spenden. "Wie sollen die eine solche Tragödie in den Griff kriegen?"
Der Palast von Präsident René Préval ist zerfallen, Ministerien sind zusammengebrochen und Minister tot. Es patrouillieren Blauhelme aus Brasilien, Peru, Nepal und von den Philippinen, einer UN-Mission, deren Anführer ebenfalls tot sind, haitianische Polizisten, inzwischen auch die ersten US-Marines. Amerikaner wollen mitbestimmen, Brasilianer, Vereinte Nationen, alle möglichen Gönner versprechen Milliarden.
Eine Woche nach dem Zusammenbruch herrscht ein babylonisches Durcheinander zwischen Ruinen, und Widmaier fordert: "Alle müssen zusammenhelfen, das ist unsere einzige Chance. Ein Marshallplan wäre nicht schlecht."
"Dämlicher Nationalismus"
Protektorat Haiti? "Warum nicht", sagt Widmaier, der in Puerto Rico studiert hat, einem mit den USA frei assoziierten Staat, wie man das nennt. Der mächtige Nachbar war schnell da, erst mit den Stars von CNN, Larry King spricht jeden Abend über Haiti, man sieht das auf den wenigen Fernsehschirmen.
Nun landen wieder US-Truppen, wie bei den Invasionen von einst, 11000 Soldaten, vor Port-au-Prince liegen Flugzeugträger und Fregatten in der türkisfarbenen Karibik. Den Flughafen hat die US-Army sofort übernommen, sie ordnet die Hilfsflüge nach ihrer Art. Das missfällt den UN, Paris, Brasilia.
Und manche Haitianer befürchten, dass ihre stolze Hälfte der Insel Hispaniola 200 Jahre nach dem Triumph über Napoleon und die Sklaventreiber wieder zur Kolonie verkommt. Widmaier sagt: "Wir müssen diesen dämlichen Nationalismus beiseitelassen."
Froh, dass die Amerikaner kommen
Mit Haiti ging fürs Erste auch der Chauvinismus unter. Deshalb sind die meisten Landsleute froh, dass die Amerikaner kommen, von Unabhängigkeit kann eh keine Rede mehr sein. Trotz des schwierigen Verhältnisses zur Großmacht, die so oft einfiel.
Eine Million Haitianer leben in den USA, ihre Überweisungen sind lebenswichtig. Kulturell fühlen sich viele Einwohner trotzdem Europa näher und Afrika, dem Kontinent der Vorfahren und ihrer Mystik, die den Voodoo speist. "Wir sind anders als schwarze Amerikaner", sagt Widmaier.
Der Radio-Chef sinkt in den Sessel, es ist alles unfassbar. "Ein Albtraum, ein Fluch liegt über Haiti", aber es muss weitergehen. Also berichtet Radio Metropóle auf FM100,1 Stereo über die Haitianer, die in langen Staus in die Dominikanische Republik flüchten und die Ausländer, die in langen Schlangen einfallen.
Obwohl viele Kollegen verschwunden sind und kaum mehr Benzin für die Autos da ist, geschweige denn Geld von werbenden Firmen. Obwohl sich Risse durch die Wände ziehen. Ein Geologe erzählte seinem Team, weitere schwere Beben seien möglich, aber solche Meldungen bringt Radio Metropóle mit Vorsicht unters ängstliche Volk.
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(SZ vom 20.01.2010/lmne)
Protest gegen dritte Startbahn
Das Erdbeben hat das Elend der Bevölkerung Haitis nicht verursacht, sondern enorm vergrößert. Die Ursache des Elends ist die jahrhunderte lange koloniale Ausbeutung, vor allem durch Frankreich. 1802 erhoben sich 400 000 Sklaven gegen 30 000 weiße Besitzer. 1804 wurden die französischen Interventionstruppen, die die alten Besitzverhältnisse wiederherstellen sollten, von der Insel vertrieben. Frankreich verhängte 1814 mit anderen europäischen Mächten ein totales Embargo und zwang das Land 1825 in die Knie. Das Land mußte die damals gigantische Summe von 150 Millionen Goldfranken als Entschädigung anerkennen. Das Geld wurde aus der Bevölkerung bis 1883 herausgepreßt. Seit dem kam das Land nie mehr eigenständig hoch. Und jetzt nutzen die USA die Lage für eine militärische Besetzung auf Dauer. Was würde wohl Herr B. schreiben, wenn Venezuela und Kuba Truppen nach Haiti geschickt hätten?
das würde ich an Ihrer Stelle auch tun, denn Ihnen gehen einfach die Argumente aus.
Die andere Seite besteht darin, dass die haitianischen Verbraucher weniger für den Importreis ausgeben mussten als für den einheimischen - der Importreis war schließlich günstiger.
...genau das ist das neoliberale Modell. Das mit Millionen suventionierte Agrobusiness der USA und der EU zerstören auf diese Weise die Subsistenzwirtschaft der Länder der dritten Welt mit der Folge der Verarmung der Menschen dort, die sich von einem Dollar am Tag dann den angeblich günstigen Reis nicht mehr leisten können, der sie vorher ernährt hat.
Da Sie beschlossen haben, den Bereich höflicher Kommunikation zu verlassen - Stichwort "schwafeln" - breche ich unser Gespräch an dieser Stelle ab. Nur ein letzter Hinweis: Ich habe die Situation in Haitit nach der Unabhängigkeit mit derjenigen in Simbabwe verglichen.
Dort wurden produktive, auf den Export ausgerichtete Farmen...
Für wen produktiv, das ist die entscheidende Frage........genau das ist nämlich das Modell der Kolonialisten, die das fruchtbare Land in Händen weniger weisser Eliten konzentriert und sich einen Dreck um die Ernährung der eigenen Bevölkerung kümmert. Genau das geschah in Simbabwe auch. Ohne eine Rückgabe der im Zuge der Kolonialisierung von den Weissen im grossen Massstab enteigneten Ländereien ist in der Tat eine Entwicklung der Wirtschaft zugunsten der Masse der Bevölkerung nicht zu bewerkstelligen. Um solche grundlegenden Einsichten zu entwickeln, muss man kein Mugabeanhänger sein.
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