Mythos Eva Perón Melange aus Märchen und Tragödie

Huldigungen an die Huldvolle: Eva Perón und ihr Mann, der Präsident, 1950 in Buenos Aires.

(Foto: AP)

War Argentiniens First Lady Eva Perón eine Volksverführerin? Eine neue Biographie erhebt "Evita" zum Lehrstück für das Handeln heutiger Populisten.

Von Friederike Bauer

Als Eva Perón starb, bekam sie eine Trauerfeier mit allen militärischen Ehren: Zehn Tage blieben die Fahnen auf Halbmast in Argentinien; Tausende Menschen defilierten an ihrem gläsernen Sarg vorbei.

Es war die Trauer um eine First Lady, die längst selbst zu einer politischen Figur geworden war. Die bereits beim Ableben den Status einer Märtyrerin, für manche gar einer Heiligen hatte. Damals gelobten ihre Anhänger, sie werde weiterleben, ihr Geist werde herrschen, mächtiger denn je. Das war im Jahr 1952.

Repräsentativ sein für ein Neues Argentinien

Und tatsächlich lebt dieser Mythos auch mehr als ein halbes Jahrhundert später noch fort. Nicht nur im Namen der Peronisten, die sich immer noch so nennen, obwohl die Partei längst "Partido Justicialista" heißt, sondern vor allem als historische Referenz.

Als Bezugsgröße für eine Politik, die angibt, für Gerechtigkeit und den Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu stehen. Die diese Woche scheidende argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hat sich in ihrer achtjährigen Amtszeit jedenfalls ganz offen zu Eva Perón bekannt - zu "Evita", wie die Argentinier sie noch heute liebevoll nennen.

Deren Autobiografie "Der Sinn meines Lebens" gehöre seit Kindesbeinen zu ihren Lieblingsbüchern. Vor einigen Jahren ließ sie an einem Hochhaus in Buenos Aires sogar ein riesiges, stilisiertes Porträt aus Stahl anbringen: Eine wunderschöne Eva Perón lächelt milde zu ihren argentinischen Landsleuten herab. Deutlicher kann eine Huldigung kaum ausfallen.

Warum Eva Perón zu einer Legende wurde und bis heute die Fantasie vieler Menschen beflügelt, dieser Frage widmet sich die Amerikanistik-Professorin Ursula Prutsch in einer neuen, deutschsprachigen Biografie. Dabei zeichnet sie die Stationen von Peróns Lebens nach, ohne ihrer Faszination zu erliegen, aber ihr Wirken andererseits auch nicht als reinen Populismus abzutun.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

So entsteht das differenzierte Bild einer Frau, die von den einen übermäßig verehrt und von den anderen als Verführerin der Massen betrachtet wird. Genau diesen Unterschied herauszuarbeiten zwischen Mythos und Macht, zwischen Märchen und Machwerk, ist der Autorin gut gelungen. Voyeuristen allerdings mag die Lektüre enttäuschen, denn Prutsch legt keine seichte Lebensgeschichte, sondern eine anspruchsvolle politische Biografie vor.

Die Legende beginnt bereits mit María Eva Duartes Herkunft: Sie kommt als uneheliches fünftes Kind 1919 in einem unbedeutenden Ort namens Los Toldos etwa 200 Kilometer von Buenos Aires zur Welt. Als der Vater die finanziellen Zuwendungen an seine Geliebte einstellt, rutscht die Familie "rasch in die Armut ab".

Die wirtschaftliche Unsicherheit, verbunden mit ihrem minderwertigen Status prägen Evita ein Leben lang. Auch später, als sie längst in Wohlstand lebt, reich behängt und elegant gekleidet, wird sie immer darauf verweisen, dass sie sehr gut wisse, wie sich Armut anfühle.