Von A. Krug und S. Wimmer

Nach mehr als fünfzig Jahren ist John Demjanjuk wieder in Deutschland. In München soll er nun vor Gericht gestellt werden.

Die Operation war lange vorbereitet, doch immer wieder gescheitert. Mehrmals schon war die Überstellung des alten Mannes angekündigt worden, mehrmals war sein Kommen in letzter Minute wieder abgesagt worden. Am Dienstagmorgen um 9.15 Uhr ist es endlich soweit. Auf dem Münchner Flughafen setzt eine Sondermaschine der US-Behörden auf.

Bild vergrößern

John Demjanjuk ist wieder auf deutschem Boden. (© Foto: AP)

Anzeige

An Bord der zweistrahligen, speziell für Krankentransporte ausgerüsteten Gulf Stream IV ist der angeblich schwer kranke 89-jährige John Demjanjuk. Die Maschine mit der Kennung N250LB rollt in einen abgeschirmten Hangar der Lufthansa am äußersten Ende des Flugfelds, wo Polizei, Staatsanwaltschaft und medizinisches Personal den Greis in Empfang nehmen. Für den mutmaßlichen KZ-Wärter ist es das Ende einer langen Reise.

57 Jahre ist es her, dass Demjanjuk das letzte Mal deutschen Boden unter den Füßen hatte. Damals, im Januar 1952, schiffte er sich mit Frau und Tochter in Bremerhaven auf dem amerikanischen Flüchtlingstransporter "General Haan" ein, um sich in den USA eine neue Existenz aufzubauen. Den US-Behörden gab sich der gebürtige Ukrainer als Nazi-Opfer aus, doch das war wohl eine dreiste Lüge.

Lehrgang in Trawniki

Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen vor. Er soll 1943 in Sobibor im heutigen Polen als Wärter Tausende Juden in die Gaskammern getrieben haben. Den Ermittlungen zufolge war Demjanjuk zuvor in einem SS-Lehrgang in Trawniki bei Lublin ausgebildet worden. Den Ermittlern liegt ein Dienstausweis vor, der von Experten des Bayerischen Landeskriminalamts als echt eingeschätzt wird. Nach Sobibor soll er auch noch einige Monate in Flossenbürg als Wärter gedient haben.

Demjanjuk selbst hat die Vorwürfe stets bestritten. Mit immer neuen Anträgen versuchten seine amerikanischen Anwälte, die Überstellung nach Deutschland zu verhindern - letztlich ohne Erfolg.

Am Montagabend wird der bei Cleveland, Ohio, lebende alte Mann zum Flugplatz Burke gebracht. Von dort startet um 19.13 Uhr Ortszeit der Ambulanzflug nach München, von dem Demjanjuk offenbar nicht viel mitbekommen hat. "Er hat fast die ganze Zeit geschlafen", sagt Hans-Jochen Menzel, stellvertretender Leiter der Haftanstalt Stadelheim, in die Demjanjuk nach seiner Ankunft in München gebracht wird.

Kurz vor 11 Uhr fährt der Krankenwagen auf den Osteingang des Stadelheimer Gefängnisses zu. Davor ein schwarzer Kleinwagen, dahinter ein weißer Transporter. Keine Polizeistreifen. Die Eskorte vom Flughafen ist verschwunden. Auf einer Trage im Wagen liegt John Demjanjuk. Die Augen geschlossen, den Kopf wie im Schlaf nach hinten weggestreckt, die Hände über dem Bauch gefaltet, regungslos.

Ein einsamer Weg

Fotografen schießen mit hochgehaltenen Armen über die Milchglasscheibe des Krankenwagens Fotos von ihm. Doch das Osttor von Stadelheim ist wegen Bauarbeiten verschlossen, die Fahrer wenden den Wagen; der rollt langsam wieder davon und taucht dann vor dem Südeingang auf. Hier wird das große Tor geöffnet, John Demjanjuk ist angekommen. In Stadelheim.

Der Verdächtige wird sofort in die Krankenabteilung gebracht. "Er macht einen stabilen Eindruck", sagt ein Gefängnismitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will. Demjanjuk wirke nicht niedergeschlagen und sei ansprechbar, "aber er liegt meistens nur da und hat die Augen geschlossen". Nach einer ersten Untersuchung wird Demjanjuk am Nachmittag der 21-seitige Haftbefehl vom Ermittlungsrichter vorgelesen. Untergebracht ist der 89-Jährige vorerst in einer Krankenzelle im Erdgeschoss. Das etwa 24 Quadratmeter große Zimmer ist speziell für Rollstuhlfahrer ausgerüstet. Für die nächsten Tage sind weitere ärztliche Untersuchungen geplant, um die entscheidende Frage einer Vernehmungs- und Verhandlungsfähigkeit zu prüfen.

Die Staatsanwaltschaft will ihre Anklage noch im Juni fertig stellen. Zuständig für das Strafverfahren ist das Landgericht München II. Ein Prozesstermin noch im Herbst scheint durchaus möglich zu sein. Für Beihilfe zum Mord drohen drei bis 15 Jahre Haft.

Zunächst keine Angaben

Demjanjuks Münchner Anwalt Günther Maull hat seinem Mandanten geraten, vorerst keinerlei Angaben zu machen. Am Dienstagvormittag war der Verteidiger noch zu einer Vernehmung ins Münchner Polizeipräsidium gefahren. Als Zeuge war an diesem Tag Thomas Toivi Blatt, 82, geladen, amerikanischer Buchautor und Überlebender des Aufstandes im Vernichtungslagers Sobibor 1943. Er gehört zu den wenigen Zeugen in diesem Verfahren, die bislang ausfindig gemacht werden konnten.

Blatt hat seinem Anwalt Stefan Schüneman zufolge mit eigenen Augen gesehen, dass es "ureigenste und einzige Aufgabe" der Wachmänner gewesen sei, für den reibungslosen Ablauf des Mordens zu sorgen. Die Wachmänner hätten die Anweisung gehabt, bei jedem Fluchtversuch zu schießen. "Wenn Demjanjuk in Sobibor war, muss er Teil dieser Vernichtungsmaschinerie gewesen sei", sagt Schünemann. Der Anwalt räumte aber ein, dass sein Mandant nicht sagen könne, ob Demjanjuk in dem Lager war: "Er kann sich an ihn nicht erinnern."

Ein anderer wichtiger Zeuge ist bereits verstorben: Der Ukrainer Ignat Daniltschenko hatte schon in den fünfziger Jahren eingeräumt, mit Demjanjuk Dienst im Konzentrationslager Sobibor geleistet zu haben. Gemeinsam hätten sie die nackten Juden in die Gaskammern getrieben, "zögernde Menschen" habe Demjanjuk regelrecht "gestoßen".

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 13.5.2009/vw)