Attentäter von Toulouse Wer war Mohammed Merah?

Mohammed Merah starb nach einer schweren Schießerei mit Eliteeinheiten der Polizei. Zuvor hatte er sich 30 Stunden in seiner Wohnung verschanzt. Der mutmaßliche Todesschütze von Toulouse und Montauban hatte behauptet, als "Mudschahed" für das Terrornetzwerk al-Qaida zu kämpfen. Was über Merah bekannt ist.

Von Lilith Volkert und Friederike Zoe Grasshoff

Es gab keine Anschläge wie in New York, Madrid oder London, keine Sauerlandgruppe, die Bomben bastelte und Attentate plante, wie in Deutschland: Bis vergangene Woche schien Frankreich eine al-Qaida-freie Insel der Seligen zu sein. Doch dann wurden innerhalb von neun Tagen drei Soldaten, drei jüdische Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule in der Region um die südfranzösische Stadt Toulouse erschossen. Und der mutmaßliche Täter Mohammed Merah behauptete, für al-Qaida zu kämpfen.

Jetzt ist Merah tot. Nachdem er sich mehr als 30 Stunden in seiner Wohnung in Toulouse verschanzte, starb der 23-Jährige nach einer schweren Schießerei mit Eliteeinheiten der Polizei.

Dass der Mann Verbindungen zu al-Qaida hatte, wurde inzwischen bestätigt, auch wenn sich das locker organisierte Terrornetzwerk bisher nicht zu den Attentaten bekannt hat. Innenminister Claude Guéant hat mitgeteilt, dass der Verdächtige sich mehrfach in Afghanistan und Pakistan aufgehalten hatte. Er soll unter anderem im Grenzgebiet beider Länder gewesen sein, das als Hochburg von al-Qaida gilt.

So soll er von dem Terrornetzwerk in Waziristan, einer Bergregion im nordwestlichen Pakistan an der Grenze zu Afghanistan, trainiert worden sein. Das bestätigte der Pariser Staatsanwalt Francois Molins.

In der südafghanischen Stadt Kandahar sei der 23-Jährige einmal vorübergehend festgenommen worden, heißt es aus Ermittlerkreisen. Der Direktor des dortigen Gefängnisses sagte, der Mann sei wegen Bombenlegens in Kandahar zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Im Juni 2008 sei er bei einem Massenausbruch der Taliban entkommen. Die Regionalregierung in Kandahar sowie der Anwalt des mutmaßlichen Täters haben diesen Angaben jedoch widersprochen. Der französische Anwalt Christian Etelin, erklärte, sein Mandant habe vom Dezember 2007 bis September 2009 wegen bewaffneten Raubes in einem französischen Gefängnis gesessen.

Nach Informationen der französischen Tageszeitung Le Figaro ist Merah in der Vergangenheit auch bei der Polizei in Toulouse wegen unterschiedlicher Delikte aktenkundig geworden, darunter einige Gewalttaten. Drei Mal soll der mutmaßliche Attentäter in Polizeigewahrsam gewesen sein. Der Pariser Staatsanwalt Francois Molins teilte zudem mit, dass Merah seit seiner Kindheit ein "gewaltätiges Profil" aufweise und die "Verhaltensauffälligkeiten in seiner Jugend mit der extremen Gewalt der Taten" zusammenpasse.

Was also bestimmte das Handeln des mutmaßlichen Attentäters? Der Mann bezeichnete sich gegenüber den Polizisten der Einheit RAID (vergleichbar der deutschen GSG 9) als "Mudschahed", als Gotteskrieger. Er sei in einer "salafistischen Gruppe" in Toulouse radikalisiert worden, die etwa ein Dutzend Mitglieder, aber keinen Namen habe, sagte der Innenminister, der zwischendurch am Einsatzort war. Mit seiner Tat habe Merah palästinensische Kinder rächen wollen, an deren Tod seiner Meinung nach die französische Armee mit schuld sei.

Vergeblich bei Armee und Fremdenlegion beworben

Möglicherweise hatte der mutmaßliche Todesschütze aber auch ein anderes Motiv für die Anschläge auf vier Soldaten. Der Nachrichtensender Europe 1 berichtet, Merah habe im Jahr 2010 versucht, selbst eine militärische Laufbahn einzuschlagen. Demnach bewarb er sich sowohl bei der Armee als auch bei der Fremdenlegion. Wegen Vorstrafen und psychischer Instabilität sei er jedoch abgelehnt worden.

Der langjährige Anwalt des Verdächtigen zeigte sich vollkommen überrascht, dass Merah ein islamistischer Serien-Attentäter sein soll. Der junge Mann sei immer "höflich" gewesen, sagte Christian Etelin dem Sender BFM. Er hat ihn in einer Reihe von Strafsachen seit 2004 oder 2005 vertreten, vor allem wegen Diebstahls. Der Anwalt beschreibt seinen mittlerweile verstorbenen Mandanten als eine Person mit einem "weichen Verhalten". Auch Cédric Lambert, ein Nachbar des mutmaßlichen Attentäters, gab zu Protokoll, der 23-Jährige sei freundlich gewesen und habe ihm im vergangenen Jahr sogar geholfen, ein Sofa in eine Wohnung zu tragen.

Am Telefon stellte er sich als Mörder vor

In der Nacht zum Mittwoch soll Merah bei Ebba Kalondo, einer Journalistin des Senders France 24, angerufen und sich als der Mörder von Montauban und Toulouse vorgestellt haben. Der stellvertretende Leiter des afrikanischen Dienstes von France 24 beschreibt den Anrufer als höflichen und sehr ruhig wirkenden jungen Mann, der seine Taten als Beweis für seine Behauptung detailliert beschrieben habe. Er habe mit den Morden gegen das Burkaverbot in Frankreich, den Einsatz der französischen Armee in Afghanistan und die Situation in Palästina protestieren wollen. "Er hat immer wieder gesagt, dass das erst der Anfang war und es weitere Angriffe geben werde", fügte der Journalist hinzu. Außerdem habe der mutmaßliche Täter gesagt: "Entweder gehe ich hocherhobenen Hauptes ins Gefängnis oder mit einem Lächeln in den Tod."

Le Figaro zufolge arbeitete Merah als Mechaniker in einer Autowerkstatt. Zwei seiner Freunde haben ihn demnach als respektvollen jungen Mann beschrieben, der "nie einen Bart getragen" und "nie antisemitische Äußerungen" von sich gegeben habe.

Als "unauffällig" wurde der mutmaßliche Attentäter von einem seiner Nachbarn beschrieben, als einer, "der nie etwas Außergewöhnliches" gemacht habe. Merah sei ein Mann von "schmaler Statur, ungefähr 1,70 Meter groß".

Wie französische Medien berichten, wurden die zwei Brüder des mutmaßlichen Attentäters von der Polizei festgenommen. Nun werde untersucht, inwieweit die beiden in die Morde von Toulouse verstrickt seien. Nach Angaben des französischen Innenministeriums ist einer "dafür bekannt, radikale Überzeugungen zu haben".

Dem Nachrichtenportal der Zeitung Le Point zufolge fand die Polizei mehrere Hundert Gramm Sprengstoff in der Wohnung eines Bruders. Wie der mutmaßliche Attentäter soll auch er beim französischen Geheimdienst erfasst sein, da er einer salafistischen Gruppe angehören soll.

Und auch Merahs Mutter soll festgenommen worden sein. Sie lebt nach Angaben von Le Figaro im Toulouser Stadtteil Mirail und stehe bereits seit längerer Zeit wegen ihrer Nähe zu radikalen Salafisten unter Beobachtung.

Der Verdächtige wurde jahrelang beobachtet

Merah sei seit den Angriffen auf die Soldaten in Toulouse und Montauban im Visier der Ermittler gewesen, heißt es. Er habe zu jenen unter Beobachtung stehenden Franzosen gehört, deren Aufenthalt in Afghanistan dem Inlandsgeheimdienst DCRI bekannt war und Sorgen machte. Doch obwohl der Mann jahrelang beobachtet worden war, habe man nie ein Anzeichen dafür entdeckt, dass er ein Verbrechen planen könnte, sagte Innenminister Claude Guéant.

Der Geheimdienst vermutet, dass es einige wenige von al-Qaida ausgebildete Männer in Frankreich gibt. Die Zahl der Dschihad-Schüler, die nach Afghanistan oder Pakistan reisten, gehe aber in den letzten Jahren und vor allem seit dem Tod Osama bin Ladens im Mai 2011 stark zurück.

Trotzdem wird man in Frankreich in Zukunft wohl äußert sensibel auf tatsächliche und vermeintliche Islamisten reagieren. "Das Risiko, das vom Fundamentalismus ausgeht, wurde unterschätzt", sagte die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen dem Fernsehsender i-Télé. Bisher könnten sich politisch-religiöse Gruppen dank einer "gewissen Laxheit" entwickeln. Man müsse gegen Fundamentalisten einen "Krieg führen".

Präsident Nicolas Sarkozy warnte hingegen vor Rachegedanken und einer Verquickung von Religion und Terrorismus. Auch der Rektor der Großen Moschee in Paris, Dalil Boubakeur, erinnerte vorsichtshalber daran, dass man Menschen wie den mutmaßlichen Attentäter nicht in einen Topf werfen dürfe mit dem muslimischen Glauben, der "zu 99 Prozent friedlich, gewaltfrei und gut integriert" sei.