Von Matthias Drobinski

Warum es so schwer ist, die Berufung eines Milli-Görüs-Vertreters zum Sprecher der Muslime uneingeschränkt positiv zu sehen.

So einen wie Ali Kizilkaya stellen sich die meisten Deutschen vor, wenn sie an einen ordentlich integrierten Muslim denken. Kizilkaya, Jahrgang 1963, lebt seit 1972 in Deutschland, er spricht besser Deutsch als viele germanische Ureinwohner, und seine Frau hat ihn ganz freiwillig geheiratet. In Interviews sagt er, dass er Gewalt, Rassismus und Antisemitismus verabscheue und dass er dafür sei, dass Imame häufiger auf Deutsch predigen; er sagt, dass der Koran Frauen das Kopftuch vorschreibe, aber Frauen die Freiheit haben sollten, es nicht zu tragen. Wenn so einer am 28. März Sprecher des Koordinierungsrates der Muslime (KRM) wird, dürfte niemand Diskussionsbedarf sehen, sollte man meinen.

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Es wird aber Diskussionen geben. Ali Kizilkaya ist Vorsitzender des Islamrats in Deutschland. Und er ist Mitglied bei Milli Görüs, jener Organisation, die den Islamrat dominiert. Und die der Verfassungsschutz beobachtet, weil er die Ideologie des Milli-Görüs-Führers Necmettin Erbakan für islamistisch hält und so manche Äußerung aus den Reihen der Bewegung für aggressiv und antisemitisch. Das seien Einzelfälle, sagt Kizilkaya und verweist auf die junge Führungsriege von Milli Görüs, die mit den Hardlinern der ersten Generation nichts mehr zu tun hätten.

Für die Fachjournalistin und Islamwissenschaftlerin Claudia Dantschke ist das bestenfalls die halbe Wahrheit: "Es gibt junge, offene und gebildete Leute bei Milli Görüs", sagt sie, "aber es gibt keine Distanzierung von Erbakans Ideologie und keine Trennung von der Mutterpartei in der Türkei." Auch blieben die Finanz- und Besitzverhältnisse rund um die Organisation im Unklaren.

Zu groß zum Ignorieren

Und manche der jungen Mitglieder seien besonders radikal - einzelne seien sogar in Tschtschenien im Dschihad gestorben. Auch manchem KRM-Mitglied graut vor dem Tag, von dem an der Milli-Görüs-Mann Kizilkaya ein halbes Jahr lang für sie spricht. Andererseits ist die straff geführte Organisation, die schätzungsweise 70.000 Menschen erreicht, zu groß und zu mächtig, um sie zu ignorieren.

Vor allem, weil die anderen Verbände ähnliche Probleme mit den Fundis in den eigenen Reihen haben. Der Zentralrat der Muslime hat in Aiman Mazyek einen dialogfähigen Generalsekretär und in Axel Ayyub Köhler einen netten Vorsitzenden - im Vorstand sitzt aber auch Ibrahim Farouk al-Zayad, Chef der Islamischen Gemeinschaft Deutschland (IGD), die der Verfassungsschutz für die größte Organisation der Muslimbrüder in Deutschland hält.

Al-Zayad verlor gegen Köhler die Wahl zum Vorsitzenden, aber er bleibt mächtig: Seine Firma ist angeblich an mehr als 100 Moscheebauprojekten in Deutschland beteiligt, er hat die Nichte von Necmettin Erbakan geheiratet und von daher beste Kontakte zu Milli Görüs. In der zweiten Islamkonferenz saß er als Gast - zum Ärger der liberalen Muslime. Auch der Verein Islamischer Kulturzentren (VIKZ) ist umstritten - seine Bildungsarbeit gilt als integrationsfeindlich.

Der größte Verband des KRM, der türkisch-staatliche Moscheeverein Ditib, ist da vergleichsweise transparent - allerdings auch immer abhängig von der Politik der Türkei. Davon, eine unabhängige Vertretung der Muslime in Deutschland zu sein, ist der Koordinierungsrat noch weit entfernt, mit dem Amtsantritt Kizilkayas wird das deutlich zutage treten. Wobei ein Eklat wohl ausbleiben wird: Die nächste Islamkonferenz wird es erst im Herbst geben. Dass Innenminister Wolfgang Schäuble mit einem Milli-Görüs-Mann auf dem Podium sitzen muss, ist unwahrscheinlich.

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(SZ vom 13.3.2008/mako/grc)