Muslime in Deutschland Je gläubiger, desto toleranter

Religiös: ja, fanatisch: keineswegs. Muslime in Deutschland sind einer Studie zufolge weltoffener als landläufig angenommen.

Der Großteil der Muslime in Deutschland ist laut einer Studie religiös, aber dabei viel toleranter als landläufig vermutet. Für Offenheit gegenüber allen Religionen hätten sich 86 Prozent der Muslime ausgesprochen, ergab die Sonderstudie "Religionsmonitor 2008 - Muslimische Religiosität in Deutschland", die die Bertelsmann-Stiftung am Freitag in Berlin vorstellte.

Die Befragung habe ergeben, dass die Religiosität der meisten Muslime mit einer großen Toleranz gegenüber anderen Religionen einhergehe, erklärte der Leiter des Programms Geistige Orientierung der Bertelsmann-Stiftung, Martin Rieger. So bejahten gut zwei Drittel der befragten Muslime die Auffassung, dass jede Religion einen wahren Kern habe. Unter den Hochreligiösen lag die Zustimmungsrate mit 71 Prozent sogar noch etwas höher. 31 Prozent waren der Meinung, dass vor allem Muslime zum Heil gelangten.

Kopftuch zweitrangig

Bekleidungsvorschriften wie das Kopftuch der Frauen bewerten Muslime als nicht so wichtig, wie häufig angenommen: Eine Mehrheit von 53 Prozent lehnt das Kopftuchtragen ab, 33 Prozent sprechen sich dafür aus. An das Verbot, Schweinefleisch zu essen, halten sich dagegen 86 Prozent der Befragten, 58 Prozent verzichten vollständig auf Alkohol.

Unmittelbare Auswirkungen hat der Glaube bei der Mehrheit der Muslime auf Einstellungen zu Kindererziehung, Umweltschutz und den Umgang mit Krankheit und Lebenskrisen. Nur für einer Minderheit spiele der Islam hingegen eine wichtige Rolle bei der Wahl des Ehepartners, bei Sexualität und der politischen Einstellung.

"Diese neuen Ergebnisse des Religionsmonitors brechen viele Klischees auf", sagte die ehemalige Bundestagspräsidentin und frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats für Zuwanderung und Integration, Rita Süssmuth (CDU). So sei bislang die Religiosität von Muslimen als sehr politisch wahrgenommen worden; tatsächlich aber spielten bei den Muslimen Politik und die politische Einstellung nur "eine sehr untergeordnete Rolle".

Insgesamt sind der Studie zufolge 90 Prozent der Muslime hierzulande religiös, 41 Prozent von ihnen sogar hochreligiös. Zum Vergleich: In der gesamtdeutschen Bevölkerung bezeichnenten sich nur 70 Prozent als religiös und 18 Prozent als hochreligiös.

Für die Studie waren im Sommer dieses Jahren gut 2000 in Deutschland lebende Muslime befragt worden. Um eine möglichst repräsentative Umfrage zu gewährleisten, wurden die Fragen nicht nur auf Deutsch formuliert. Die Teilnehmer konnten auch in ihren Muttersprachen wie Arabisch, Türkisch und Farsi antworten.