Von Thorsten Denkler, Berlin

Schäfer-Gümbel, der neue Mann der Hessen-SPD, will für einen Generationenwechsel stehen. Dabei bleibt eigentlich alles beim Alten. Das hat einen einfachen Grund, sagt er.

Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit. Nur noch 69 Tage. Dann ist Wahl in Hessen. Um "Kleinigkeiten" müssen sich da andere kümmern, sagt Thorsten Schäfer-Gümbel, 39, seit Samstag Spitzenkandidat der Hessen-SPD. Zum Beispiel um den Partei- und Fraktionsvorsitz. Das macht Andrea Ypsilanti weiter. Um ihn zu unterstützen. Ihn, den bis vor wenigen Tagen selbst Kenner der hessischen Politik nicht auf dem Schirm hatten.

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(© Foto: dpa)

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An diesen Vormittag im Willy-Brandt-Haus. Parteichef Franz Müntefering stellt den neben ihm stehenden neuen Versuch vor, in Hessen die Regierungsmehrheit zu bekommen. Ein großgewachsener Mann ist dieser Thorsten Schäfer-Gümbel. Seinen Parteichef überragt er um einen halben Kopf. Er trägt diese Brille mit dem schwarzen Gestell, die gerade Iris und das Weiße im Auge zu bedecken scheint. Dazu: schwarzer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Kein Mann, der auffallen würde auf einer Wahlparty. Jetzt muss er auffallen.

Was zunächst auffällt: Müntefering und Schäfer-Gümbel lassen die Hände auf den Rücken. Ein Zeichen von Unsicherheit, wissen Forscher, die sich mit Körpersprache auskennen. Bei Schäfer-Gümbel verständlich. Es ist sein erster Auftritt in Berlin. Dann auch noch neben Müntefering. Schäfer-Gümbel war bis zur vergangenen Woche bestenfalls das, was in der Politik als Hinterbänkler bezeichnet wird. Aber eben ein Ypsilanti treuer, ein ihr ergebener Hinterbänkler.

Nur nicht an Weihnachten

Müntefering scheint der Mann neben ihm noch nicht ganz Geheuer zu sein. Klar, die Partei werde alles tun, damit der Wahlkampf erfolgreich wird. Er werde helfen, so gut es geht, versichert er. "Nur nicht am ersten und zweiten Weihnachtstag."

Schäfer-Gümbel hat da ja klare Vorstellungen artikuliert. Personal und Geld will er - und Spitzenpolitiker der SPD auf den hessischen Marktplätzen. Und von allem möglichst viel. In einem Zeitungsinterview hatte er von der Bundespartei "uneingeschränkte Solidarität" gefordert.

Trotzdem dürfte es nach Lage der Dinge ein aussichtloser Kampf werden. Schäfer-Gümbel hat selbst in Hessen einen kaum messbaren Bekanntheitsgrad. Und in Umfragen ist die SPD um zehn Prozentpunkte abgesackt. Vielleicht hätte Schäfer-Gümbel besser uneingeschränktes Mitleid gefordert.

"Ich kann mich nicht um alles kümmern"

Der Wahlausgang dürfte auch für die Bundes-SPD nicht ohne Bedeutung sein. Ein unverhoffter Sieg könnte die Partei beflügeln, eine bittere Niederlage der Beginn einer neuen Depression sein.

Die Chance für Ersteres stehen schlecht. Ein Zählkandidat sei dieser Schäfer-Gümbel, sagen einige. Warum sonst ist er nur Spitzenkandidat mit den denkbar schlechtesten Startvoraussetzungen? Warum ist er eben nicht auch Partei- und Fraktionschef? Wegen der "Kleinigkeiten", antwortet Schäfer-Gümbel. Und wegen der fehlenden Zeit. "Ich kann mich nicht um alles kümmern."

Müntefering redet der Hessen-SPD erst mal ins Gewissen. Jetzt sei "Selbstkritik" gefragt. Die Hessen-SPD habe "einiges aufzuarbeiten". Es sei ein Fehler gewesen, erst eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei auszuschließen, um sie nach der Wahl anzustreben. Er hält aber auch seine Kritik an den drei Abweichlern aufrecht, denen er vorwirft, ihr Gewissen doch reichlich spät entdeckt zu haben. Und er sagt auch, wie jetzt zu Handeln sei: "Erst das Land, dann die Partei." Es wird ihm nicht unrecht sein, wenn sich da vor allem Andrea Ypsilanti angesprochen fühlt.

Wieder so eine Stichelei gegen Ypsilanti

Der alte Wahlkämpfer Müntefering verspricht aber: "Wir werden besser da herauskommen, als sich das manche heute so in einer schalen Vorfreude vorstellen." Roland Koch habe man "in der Geschichte schon einige Male mit Kreide im Mund erlebt. Im Moment hat er die Backen dick voll davon. Aber ich weiß nicht, ob er das aushält bis zum Ende der 69".

Vorraussetzung sei, dass die Hessen-SPD einen "ernsten, ehrlichen und verantwortungsvollen" Wahlkampf führen werde. Wieder so eine Stichelei gegen Ypsilanti, die ja nicht nur mit dem Wortbruch im Rest der Partei aneckte, sondern auch mit ihren wirtschaftspolitischen Vorstellungen.

Schäfer-Gümbel will das alles abschütteln. Die Inhalte bleiben. Seine Kandidatur aber sei "ein Generationenwechsel", sagte er. Verbunden mit dem Signal: "Wir haben aus diesem Fehler gelernt." Über ein mögliches Parteiausschlussverfahren gegen die vier Abweichler nur so viel: Er habe keine Zeit sich damit zu befassen. Die vier seien für ihn "Geschichte".

Wenn er viel Glück hat, dann sehen das die Wähler ähnlich.

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(sueddeutsche.de/lala)