Ein Kommentar von Kurt Kister

Franz Müntefering ist alles andere als ein perfekter Politiker, aber mit seinem Rücktritt verschwindet ein ganzer Politikertypus: der Vertreter der guten alten SPD.

"Jeder Mensch ist ersetzbar." Dieser Satz gehört zu den Phrasen, die man immer wieder hört, wenn einer geht oder gar stirbt. Er stimmt, soweit man das auf den Beruf bezieht. Positionen werden meistens wieder besetzt, mal besser, mal schlechter. Aber der Satz ist gleichzeitig grundfalsch, und zwar dann, wenn man jemanden verliert, den man liebt.

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Weil der Privatmann Müntefering fürchtet, dass er vor so einem Verlust steht, hört der Politiker Müntefering nun auf. Es ist dies ein radikaler, überraschender Entschluss, der sicher durch das Verhalten von Kurt Beck und Angela Merkel begünstigt wurde.

Müntefering macht nicht den Lafontaine

Beck hat Müntefering gedemütigt, Merkel hat sein Vertrauen getäuscht. Aber Müntefering hätte nicht hingeworfen, wäre seine Frau nicht so krank, wie sie es leider ist. Franz Müntefering ist wahrlich kein Mensch, der so einen Grund vorschieben würde, um etwas Politisches zu vertuschen.

Und, weil diese Assoziation bei der SPD naheliegt: Müntefering macht nicht den Lafontaine. Der nachmalige Mini-Chávez aus dem Saarland warf 1999 Regierungsamt und Parteiwürden nieder, weil er sich gegen Gerhard Schröder nicht durchsetzen konnte. Er gab den Konflikt verloren, bevor er ihn richtig ausfocht. Müntefering dagegen stritt auch öffentlich gegen Beck, und wenn er den Lafontaine hätte machen wollen, dann wäre er vor dem Hamburger Parteitag zurückgetreten.

Beck, der Situations-Opportunist

Beck war zuerst gegen die verlängerte Auszahlung des Arbeitslosengeldes I und sprach sich später hopplahopp dafür aus. Der Arbeitsminister aber blieb bei seiner über die Jahre in einem schwierigen Prozess gewachsenen Überzeugung, dass gerade die kürzere Anspruchsdauer ein wichtiger Teil jenes Forderns ist, das der Agenda 2010 ("Fördern und Fordern") zugrunde liegt.

Kurt Beck erwies sich nicht nur in dieser Frage als Situations-Opportunist. Er stellt sich relativ schnell auf eine Situation ein und verhält sich dann so, wie es ihm als richtig oder zumindest als nützlich erscheint. Das trifft auf das Arbeitslosengeld zu, aber auch auf den Hamburger Parteitag, bei dem Beck angeblich die SPD mit ihr selbst versöhnt hat.

In Wirklichkeit trat Beck dort so auf, als sei er Kanzler und Oppositionsführer zugleich, was dem Gefühl vieler SPD-Funktionäre entspricht, die regierende Opposition zu sein. Beck ist jetzt nicht als Nachfolger Münteferings ins Kabinett eingetreten, weil selbst er nicht zugleich Vizekanzler und Oppositionschef sein kann.

Franz Müntefering ist alles andere als ein perfekter Politikermensch. Er hat als Fraktionschef die Leute geschurigelt, er hat als Geschäftsführer und Generalsekretär getrickst und selten auch mal gelogen. Er lebte mit Gerhard Schröder, bewunderte Willy Brandt und verehrte Herbert Wehner, den Machtorganisator mit einem Hang zum Autoritarismus.

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