München Die Brühe danach

Die Bewohner der bayerischen Landeshauptstadt jagten so viele Raketen und Böller in die Luft wie nie zuvor - das Spektakel hat einiges angerichtet.

Von Thomas Anlauf

Eine trübe, milchige Suppe ist es, die über München liegt. In der Silvesternacht begrüßten die Münchner zwar das neue Jahr wie immer mit Raketen, Krachern und Böller, sie jagten sogar so viel in die Luft wie nie zuvor. Doch richtig zu sehen bekam das gigantische Feuerwerk fast niemand. Und dann wollte der Pulverdampf, den Hunderttausende in der Silvesternacht produziert hatten, nicht mehr weichen. Am Neujahrstag und auch noch am Tag danach hing über der Landeshauptstadt eine Wolke aus Feinstaub. Die Feinstaubkonzentration stieg zum Teil auf fast 1350 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft an der Messstation am Stachus in der Münchner Innenstadt. Der Tagesgrenzwert, der laut Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Bundes-Immissionsschutzverordnung bei 50 Mikrogramm liegt, wurde aber nicht nur an der Münchner Feiermeile um ein Vielfaches überschritten. Auch an den anderen Messstationen in der 1,5-Millionen-Metropole lagen die Feinstaubwerte an diesem Neujahr extrem hoch.

Während in Stuttgart wegen schlechter Luft regelmäßig Feinstaubalarm ausgelöst wird, gibt es in Bayern eine derartige Warnung an die Bürger nicht. "Das ist eine Stuttgarter Spezialität, um die Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen", sagt Alois Maderspacher vom Münchner Referat für Gesundheit und Umwelt. Es sei jedoch "eine individuelle Entscheidung", ob man angesichts der hohen Schadstoffkonzentrationen das Haus verlässt, um zu feiern. Besonders Asthmatiker und Allergiker können unter dichten Feinstaubwolken wie an Silvester leiden.

Böller-Berge vor dem Siegestor: So viel Feuerwerk wie in diesem Jahr haben die Münchner noch nie in die Luft geschossen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wenig Wind bedeutet in den Städten stets reichlich Pulverdampf

Schon Tage vor dem Jahreswechsel hatten Meteorologen davor gewarnt, dass angesichts der ruhigen Wetterlage mit wenig Wind an Silvester und deshalb auch mit reichlich Pulverdampf in den Städten zu rechnen sei. Dass es München in diesem Jahr besonders stark getroffen hat, hing mit einer Inversionswetterlage zusammen. Mildere Luft lag wie ein flacher Deckel über der kalten Bodenschicht. Dieser verhinderte, dass die dicke Luft am Boden nach oben entweichen konnte. Die Inversionsglocke über München war nach Angaben von Guido Wolz, einem Meteorologen beim Deutschen Wetterdienst, in München "sehr, sehr niedrig". Je niedriger aber die Dunstglocke hängt, desto höher ist die Schadstoffkonzentration darunter. So lag auch die Feinstaubkonzentration zu Jahresbeginn selbst im Vorort Johanneskirchen im Nordosten Münchens ähnlich hoch wie in der Stadtmitte, wo die meisten Menschen feierten. Dazu haben die Münchner selbst beigetragen. Bis zum Montag räumte die städtische Straßenreinigung 50 Tonnen Silvestermüll von Straßen und Plätzen, zehn Tonnen mehr als im Vorjahr nach Silvester.

Am Montagnachmittag kündigte sich Erleichterung an: Von Nordwesten her zogen Schneewolken heran, der erste Schnee im neuen Jahr dürfte den Münchnern auch wieder deutlich bessere Luft bescheren. "Die Wetterlage stellt sich komplett um", verspricht Meteorologe Wolz. Die Schneeflocken werden die Dunstglocke über München reinigen. Und sollte das nicht reichen, wird der für die kommenden Tage erwartete Wind das Übrige tun: "Es wird eine reichliche Durchmischung der Atmosphäre geben."