Von Von Tomas Avenarius

Kurz vor der Präsidentenwahl erschüttert der Metro-Anschlag die Russen und bestärkt Amtsinhaber Putin in seiner harten Haltung gegenüber den Tschetschenen.

Nach dem Anschlag fand der Präsident entschlossene Worte: "Russland verhandelt nicht mit Terroristen. Es vernichtet sie."

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Wladimir Putins Reaktion auf das Attentat in der Moskauer Metro kann keinen überraschen: Etwa 40Menschen starben am Freitagmorgen, mehr als 120 wurden verletzt.

Kaum einer zweifelte vom ersten Moment an daran, dass es tschetschenische Selbstmordattentäterinnen waren, die den Sprengstoff im zweiten Waggon eines gerade in einen kilometerlangen Tunnel eingefahrenen Zug zündeten.

Der kreidebleiche Fahrer des Zuges sagte später vor Fernsehkameras: "Ich hörte einen starken Knall, als wir in den Tunnel einfuhren. Es gab aber keine Panik. Die Leute verhielten sich sehr diszipliniert."

Das ist kaum vorzustellen: Nach der Explosion in dem vollen Waggon kam es zu einem Brand, ein Teil der Passagiere floh zu Fuß durch den Tunnel, andere mussten in den anderen Waggons verharren, weil die Türen sich nicht öffneten.

Eine der Reisenden erzählte: "Ich hörte den Knall. Ein Mädchen wurde durch das Fenster hinaus geschleudert."

Und weiter: "In unserem Waggon waren einige Offiziere. Sie sorgten dafür, dass es keine Panik gab. Dann liefen wir eine halbe Stunde durch den verrauchten Tunnel."

Die Bilder der Leichen

Die Mehrheit der Bevölkerung wird Putins harte Tschetschenien-Linie nach dem Anschlag noch stärker unterstützen.

Die Bilder der Leichen und der blutenden Verletzten, die von den Helfern aus dem Schacht getragen wurden, werden den Präsidenten in seiner Argumentation unterstützen, dass Verhandlungen ausgeschlossen sind. Dass die Attentäter Moskaus Metro zu einem Kernziel machen würden, war lange klar.

Die Untergrundbahn ist die Achilles-Ferse im Sicherheitskonzept der Stadt.

Zwar patrouillieren an den Eingängen der Stationen und auf den Bahnsteigen Polizisten. Zu den Stoßzeiten sind aber selbst die Rolltreppen in den U-Bahn-Stationen überlastet:

Lange Schlangen stehen vor den Aufgängen, die Wagen der im Zwei-Minuten-Rhythmus abfahrenden Züge sind brechend voll.

Die riesigen U-Bahn-Stationen fungieren zugleich als billige Einkaufspassagen voller Kioske und fliegender Händler, zwischen denen Bettler und Trinker herumstehen.

Eine Bombe im Zug oder in einer Station kann eine verheerende Wirkung entfalten. Die Attentäter hatten offenbar zwischen ein und zwei Kilogramm TNT bei sich, als sie in den in Richtung Innenstadt fahrenden Zug einstiegen. Angeblich war der Sprengstoff in einem Koffer.

Gepäck fällt an dieser Linie nicht auf: Sie führt über den Paweletzkij-Bahnhof, von dort pendelt ein anderer Zug zu einem Flughafen.

Die Linie ist eine der befahrendsten unter den elf Moskauer Metro-Linien: Der Zug fuhr von der Station "Automobil-Fabrik" ab. Nahe der Haltestelle steht eine der wichtigsten russischen Autofabriken.

Niemand hat sich bisher zu der Bluttat bekannt. Doch der Tschetschenienkrieg wird längst auch in Moskau geführt:

Zwar ist das kaukasische Kriegsgebiet 2000 Kilometer entfernt. Aber in Moskau hat es in den vergangenen Jahren mehrere Anschläge tschetschenischer "Märtyrerinnen" mit Dutzenden von Toten gegeben. Auffällig ist der Zeitpunkt:

Russland befindet sich im Wahlkampf. Am 14. März wird der Präsident gewählt. Die Wiederwahl Wladimir Putins steht fest, seine Gegenkandidaten streiten untereinander um etwa zwanzig Prozent der Stimmen.

Putins Namen aber ist eng mit Tschetschenien verbunden. 1999, noch zu seiner Zeit als Premierminister unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin, hatte er den Einmarsch nach Tschetschenien befohlen. Das war der Beginn des zweiten Kaukasuskriegs.

Entgegen Putins Versprechen, die Ordnung in der abtrünnigen Muslim-Republik rasch wiederherzustellen, dauert der Krieg bis heute an.

Der offene Krieg gegen die Truppen der damals de-facto-unabhängigen Republik war nach wenigen Monaten vorüber, aus dem Konflikt wurde ein Untergrundkampf.

Täglich explodieren dort Bomben, geraten Soldaten der 70 000 Mann starken russischen Streitmacht in Hinterhalte, sterben Russen und Tschetschenen.

Ein Teil der Rebellen ist von kaukasischen Nationalisten zu überzeugten Islamisten geworden. Arabische und andere muslimische "Internationalisten" kämpfen an ihrer Seite.

Araber spielen zunehmend eine Rolle

Präsident Putin stellt den Krieg daher als russischen Beitrag zum "Kampf gegen den Terror" dar. Dennoch geht es der Mehrheit der Tschetschenen um Unabhängigkeit von Moskau und nicht um einen Islamisten-Staat, wie ihn Osama bin Laden im Sinn hat.

Fakt aber ist, dass die "Araber" zunehmend eine Rolle spielen im Tschetschenienkonflikt:

Das Geld für Waffen und Dynamit kommt zwar zum Teil aus der großen tschetschenischen Gemeinde in Moskau, der Arabischen Welt und der Türkei.

Ein anderer Teil stammt aber aus weltweiten Islamisten-Quellen. Der Krieg wird also andauern - und der Terror auch. Eine Frau, die das Attentat in der Moskauer U-Bahn überlebt hat, sagte:

"In diesem Moment fürchtete ich mich nicht zu sterben. Aber ich hatte das Gefühl, dass es am besten wäre, dieses Land zu verlassen."

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(SZ vom 7.2. 2004)