Eine, die zwar ein Ohr für alle, aber längst keine mütterlichen Gefühle hat: Angela Merkel, seit zehn Jahren CDU-Vorsitzende, hat sich gewandelt. Madame Merkel ist salonfähig geworden.
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Im Bild: Angela Merkel im Jahr 2000 und im Jahr 2010. Fotos: AP. Grafik: sueddeutsche.de
In jenen Tagen, als die DDR zusammenbrach, stieg eine Frau auf, die im sozialistischen Deutschland weder zu den Oppositionellen noch zu den aktiven Parteigängern gehört hatte. Angela Merkel wollte einfach Karriere als Physikerin machen, absolvierte die nötigen Marxismus-Leninismus-Lehrgänge und war im Übrigen bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) als Kultursekretärin für Agitation und Propaganda zuständig.
Zwar scheiterte der Demokratische Aufbruch (DA), für den sich Merkel nach dem Fall der Mauer engagierte, bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 eklatant - aber da die Ost-CDU, der Partner in der Allianz für Deutschland, siegte, war auch Angela Merkel bei den Gewinnern. Sie wurde in der Regierung des Lothar de Maizière stellvertretende Sprecherin.
Die Frau mit der Topffrisur, die an den Haarschmuck männlicher Internatszöglinge erinnerte, fiel dem großen Helmut Kohl auf, dem Einheitskanzler, der fähige Kräfte aus dem Osten brauchte.
Und so wurde Angela Merkel von der Partei DA, die bei der wärmenden CDU unterschlüpfte, zu Kohls "Mädchen". So wurde das politische Talent, am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren, gerne genannt.
Sie wurde Bundesministerin für Jugend und Familie, und wer Angela Merkel in jenen Tagen in ihrer Bonner Amtsstube besuchte, der bekam viel mit von einem unverbrüchlichen Gestaltungsoptimismus und der gleichzeitigen Angst, im Machtbetrieb am Rhein auf der falschen Seite zu stehen.
Ihre Karriere führte sie bekanntlich über das Bundesumweltministerin zum CDU-Generalsekretariat, immer fest an der Seite von Mentor Kohl, von dem sie sich freilich in der Parteispendenaffäre klug, mit der gebotenen Pietät, distanzierte. Aus der Topffrisur wurde langsam eine sorgsam gestaltete Haarpracht, und der textile Ost-Intellektuellen-Look sollte sich in den Kostümglanz der Berliner Republik wandeln.
Neider aus der Männerriege
Am 10. April, also vor zehn Jahren, wurde die Wendegewinnerin in Essen zur CDU-Vorsitzenden gewählt - ein Amt, das ihr mancher aus der Männerriege der Christenpartei ganz unchristlich neidete, das ihr aber doch keiner ernsthaft streitig machen konnte, weder Roland Koch noch Christian Wulff.
Und dann wurde sie 2005 Bundeskanzlerin und vertraute in dieser Position erst recht nur sich selbst und vielleicht ein paar getreuen Helferinnen. Angela Merkel moderierten sich erst durch die große Koalition und ließ dann in der schwarz-gelben Regierung vom Herbst 2009 an die wild boys der FDP erst einmal toben und randalieren.
Aus dem "Mädchen" war in der politischen Welt nun "Mutti" geworden - jemand, der zwar ein Ohr für alle, aber längst keine mütterlichen Gefühle hat. Auf ihr Erscheinungsbild legt sie seit den ersten Kanzlerinnentagen besonderen Wert.
Der nötige gesellschaftliche Glanz
Glücklich ist sie, wenn Hausfotografin Laurence Chaperon sie abbildet, Anna Thalheim Oberbekleidungsratschläge gibt und ansonsten die vielen guten Berliner Freundinnen den nötigen gesellschaftlichen Glanz verleihen.
Madame Merkel ist salonfähig geworden - und doch glaubt man ihr, dass sie wahres Glück nur im Häuschen in der Uckermark findet, bei irgendeinem deftigen Essen. Wahrscheinlich wird sie die Republik und die CDU noch einige Jahre an der Spitze begleiten. Allen Skandalen und Minderleistungen zum Trotz sind ihre Popularitätswerte unangefochten.
Mutti hält durch.
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(sueddeutsche.de/pfau)

Reiseknigge: Türkei
Unangefochten? Das läßt sich ändern: Unkritisch und ohne entsprechende Sachkenntnis übernimmt Hans-Peter Schütz in seinem Portrait der eisernen Kanzlerin deren vollmundige Selbsteinstufung als kopfgesteuert. Und einer ihrer couragierten Hofschranzen, die nicht einmal den Mumm haben, ihren Namen zu nennen, behauptet sogar: Sie kann denken. Zu ihrer Entlastung müssen wir aber hoffen, daß sie gerade das nicht kann. Denn könnte sie es, hätte sie als Physikerin bemerkt, daß die Lorentz-Transformation im allgemeinen Falle nichtkollinearer Geschwindigkeiten hinsichtlich des Realteils eines Weltpunktes überhaupt nicht transitiv ist, was ihrer Daseinsberechtigung jede Grundlage entzieht, und daß die Relativitätstheorie das ist, was der Nobelpreisträger Frederick Soddy bereits am 30. Juni 1954 in Lindau einen pretentious humbug, also einen anmaßenden Schwindel nannte. So etwas kann doch unmöglich übersehen werden, wenn Schütz mit seiner Behauptung recht hat: Sie denkt die Dinge von allen denkbaren Ende her. Täte sie es nämlich tatsächlich, griffe seine andere Einschätzung: Ausgeprägt konfliktbereit war Merkel ohnehin noch nie. Und das bedeutete im Klartext, daß Merkel aus Feigheit und Opportunismus schwiege, was wiederum nicht zu einer eisernen Kanzlerin paßte. Auf keinen Fall gehen gehen bei ihr, wie laut Friedemann Diederichs Barack Obama meint, Weisheit und Aufrichtigkeit zusammen. Da ist es noch am verzeihlichsten, wenn es ihr an ersterer mangelt. Wenn dann allerdings eine derartige Koryphäe von Bildung faselt, weiß sie natürlich nicht, wovon sie spricht. Jedenfalls ist der erste Teil ihrer Aussage, die sie am 17. Januar 2010 in der PHOENIX-Reihe Zeitzeugen gegenüber der WDR-Intendantin Monika Piel auf deren Frage, ob sie die Relativitätstheorie verstehe, machte: Ich hab' sie mal ganz gut verstanden. Wenn ich sie Ihnen jetzt erklären müßte, hätte ich Mühe die Unwahrheit, da man diese Theorie gar nicht verstehen, sondern nur durchschauen kann. Hoffen wir also in ihrem eigenen Interesse, daß mangelnde Intelligenz die Ursache dieser Falschaussage war. Denn sonst stünde die Kanzlerin als Lügnerin da, was freilich bei Politikern auch wieder nicht so ungewöhnlich ist. Das Gespräch zwischen der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und der WDR-Intendantin Monika Piel, die schon mal einiges verwechselt, ist nachzuhören unter http://www.bundesregierung.de/nn_670562/Content/DE/AudioVideo/2010/Video/2010-01-17-Interview-Phoenix/2010-01-17-interview-phoe