Morde der Zwickauer Terrorzelle Ein Angriff, der uns allen gilt

Mit einer Schweigeminute wird der zehn Opfer der Zwickauer Terrorzelle gedacht. Doch dieses gefühlvolle Zeichen alleine reicht nicht aus. Deutschland muss nach den Morden der Neonazis endlich über ein offensichtliches Problem diskutieren: den wachsenden Rassismus, der immer mehr Menschen ganz normal vorkommt.

Ein Gastbeitrag von Naika Foroutan

Naika Foroutan, 40, leitet an der Humboldt-Uni Berlin ein Forschungsprojekt zu europäisch-muslimischen Identitäten. Sie wurde unter anderem durch ihre Kritik an Thilo Sarrazin bekannt.

An diesem Donnerstag trauert die Bundesrepublik um die zehn Opfer der Nazi-Mordserie. Parallel dazu trauern die Opfer der Nazimorde - und das sind all jene Bürger, die unter der Beharrlichkeit des rechten Gedankenguts leiden - um die Bundesrepublik. Diese Republik, die sich so schwertut mit ihrem Wandel zu einem pluralen Deutschland, das doch längst Realität ist, schafft es nicht, über ein offensichtliches Problem offen zu debattieren: Über den seit einiger Zeit zunehmenden Rassismus, der sich vom Rand zur Mitte bewegt und sich dort als Normalität breitmacht.

"Ihr seid dafür auch eher sensibilisiert", sagte kürzlich ein Freund zu meinem Mann und unserem Trauzeugen, als die beiden die Nazi-Morde als Schande für das Land bezeichneten: "Ihr"! Mein Mann, weil er mit einer "Ausländerin" verheiratet ist und unser Trauzeuge, weil er in den Augen des Betrachters selbst zu den "Ausländern" zählt. Ist es also keine Schande für jemanden, der nicht mit "denen" liiert ist? So als ob es sich hierbei um eine auswärtige Affäre handelte und nicht um Bürger Deutschlands, die ermordet wurden und so, als ob der Angriff auf sie nicht alle Bürger gleichermaßen beträfe. Keine Schande für unser Land also, sondern nur eine neue Befindlichkeit der ewig überreagierenden "Ausländer"?

Es hat ja durchaus einen Moment des Schocks gegeben - einen Moment von Scham und Erschrecken. An diesem Punkt, Mitte November 2011, kamen die Morde durch einen Zufall ans Licht und eine grausige Erkenntnis schien das Land zu überrollen, nämlich die, dass der Verfassungsschutz einige seiner Bürger offensichtlich nicht so zu schützen vermag wie andere - sowie die Erkenntnis, dass der Rechtsextremismus in Teilen unseres Landes wie ein Elefant im Raum steht und trotzdem nicht gesehen wird.

Während die Rede von einer "Braunen Armee-Fraktion" verdeutlichte, dass es hier um einen Angriff auf unsere Demokratie ging, auf uns alle als Bürger, rückte plötzlich ein anderes Thema in den Vordergrund, welches auch den Tag der Trauerfeier zu überragen droht: die Diskussion über den Bundespräsidenten.

Ganz so, als ob in einem Familienverbund jahrelang verschwiegene Fälle von Kindesmissbrauch aufgedeckt worden wären und just als man anfängt, sich zu fragen, warum das den Eltern und Verwandten nicht aufgefallen ist oder wer da mitbeteiligt gewesen sein mag, wer es gedeckt und wer es verschleiert hat, echauffiert sich die Familie plötzlich ungleich stärker über die Tatsache, dass ein Familienmitglied einen DVD-Rekorder geklaut hat. Nicht, dass Diebstahl etwas wäre, worüber man in der Familie nicht debattieren müsste. Selbstverständlich auch, dass die Familienangehörigen sich dafür schämen, und ihre Grundsätze in Frage gestellt sehen - aber eigentlich hat doch die Familie Schlimmeres, das aufzuarbeiten wäre.

Es ist ein schales Gefühl, wenn man beobachtet, mit welch gefühlter Ehrenkränkung und welchem Eifer wochenlang in einem Land über Übernachtungen, Kredite und Partys des Bundespräsidenten debattiert wurde, in einem Land, das gerade über zehn Morde an Menschen zu debattieren gehabt hätte, die deshalb geschahen, weil diese Menschen anders aussahen.

Statt einer offenen Diskussion gibt es Stellvertreterdebatten

Und weil mit diesem Aussehen seit geraumer Zeit Wörter und Denkmuster einhergehen, die eine soziale Ausbeutung der Volkswirtschaft durch diese Andersaussehenden suggerieren und damit einen erheblichen Schaden für unser Land. Integrationsverweigerung, kulturelle Inkompatibilität und Unfähigkeit des Bildungsaufstiegs werden als unveränderbare Merkmale dieser Andersaussehenden offen diskutiert.

Wir müssen über Rassismus sprechen in unserem Land. Wir müssen ihn als Realität anerkennen, als Bedrohung für uns alle - nicht nur für Menschen mit Migrationshintergrund. Stattdessen führen wir beharrlich Stellvertreterdebatten. Thilo Sarrazin sagte in einem Interview: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung."

Statt dieser offen in der Mitte der Gesellschaft platzierten rassistischen Äußerung mit einer offen geführten Diskussion über Rassismus zu begegnen, sprechen wir monatelang über Integration und die Rolle des Islam in Deutschland. Zehn Menschen werden von Nazis hingerichtet, der Verfassungsschutz ermittelt in die entgegengesetzte Richtung, die Mörder werden von einem breiten Umfeld gedeckt - und, statt über Rassismus zu reden, reden wir neun Wochen lang über Christian Wulff.

Wieder wurde eine Gelegenheit verpasst, in der wir über die zentrale deutsche Frage hätten sprechen können. Über die Gründe für die Ängste eines großen Teils der Bevölkerung vor "Überfremdung", die jetzt kulturelle Unvereinbarkeit heißt, über die emotionale Weigerung, Deutschlands Vielfalt anzunehmen. 47 Prozent der Menschen in Deutschland sind laut repräsentativen Umfragen der Meinung, es leben zu viele Ausländer hier. "Taten statt Worte" lautet der Leitspruch der Rechtsradikalen. Diese Szene hat offensichtlich das Gefühl, sie vollstrecke das, was sich ein Großteil der Bevölkerung wünsche, aber nicht traue: den "Ausländern" klarzumachen, dass dies nicht ihr Land ist!

Offen über die Gefühlslage der Nation sprechen

Damit sind nicht nur die fast sieben Millionen Ausländer gemeint, sondern Millionen Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund, die laut oder leise ihr Land als ein plurales, neues Deutschland begreifen. Dieses Gefühl der Nazis können wir nur als falsch entlarven, wenn wir über die Gefühlslage der Nation offen sprechen und dazu gehören rassistische, abwertende und zersetzende Gefühle.

Arbeitgeber und Gewerkschaften haben für diesen Donnerstag, zwölf Uhr, zu einer Schweigeminute aufgerufen - ein klares, ein gefühlvolles, ein schönes Signal. Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kiliç, Yunus Turgut, Ismail Yasar, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Theodoros Boulgarides standen für die erste Generation der Migranten, die zu uns kamen. Sie waren Arbeiter. Auch die Polizistin Michèle Kiesewetter wird als Arbeitende geehrt.

Die Schweigeminute ist ein gefühlvolles Zeichen. Vielleicht schafft es auch Angela Merkel an diesem Donnerstag, ein solches Zeichen zu setzen, jenseits aller Integrationsgipfel. Das Problem unseres Landes ist ein afghanisches: Wir müssen Herzen und Köpfe der Deutschen für das Zusammenwachsen gewinnen. Strukturen zur Integration allein reichen nicht - das zeigen uns die Nazi-Morde.