Kampfstoffe So entwickelte die Sowjetunion die Nowitschok-Nervengifte

Die Untersuchungen im englischen Salisbury, wo der mutmaßliche Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter vergiftet worden sein sollen, dauern an.

(Foto: Getty Images)
  • Der britischen Regierung zufolge wurden der Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter durch ein Mittel aus der Gruppe der Nowitschok-Kampfstoffe vergiftet.
  • Spätestens seit Mitte der Achtzigerjahre arbeiteten die Sowjetunion und später Russland an der Entwicklung dieser Nerven-Kampfstoffe, um dem amerikanischen Nervengift VX etwas entgegenzusetzen.
  • Damit sollten gängige Schutzmaßnahmen der Nato und die Regelungen der Chemiewaffenkonvention unterlaufen werden.
Von Paul-Anton Krüger

Am 10. Oktober 1991 veröffentlichte Wil Mirsajanow in der in Moskau erscheinenden Zeitung Kuranty einen Artikel unter dem Titel "Inversion". Es war eine Anspielung auf einen Prozess, bei dem sich die Eigenschaft der Produkte einer chemischen Reaktion gegenüber den Ausgangsstoffen ins Gegenteil verkehren.

Mirsajanow bezog sich auf eine neue Generation binärer chemischer Kampfstoffe: Zwei an sich ungiftige Ausgangsstoffe verwandeln sich in ein tödliches Nervengift, wenn sie zusammengefügt werden. Der promovierte Chemiker enthüllte das geheime Nowitschok-Programm der Sowjetunion, ohne dessen Namen zu erwähnen - der übersetzt etwa "Neuling" oder "neuer Typ" bedeutet.

Mutmaßlich seit den Siebzigerjahren, gesichert von Mitte der Achtzigerjahre an arbeitete die Sowjetunion und nach deren Zusammenbruch Russland daran, extrem giftige Chemiewaffen zu entwickeln und herzustellen. Ziel war es, dem amerikanischen VX etwas entgegenzusetzen. Die Stoffe sollten die gängigen Detektions-, Schutz- und Abwehrmaßnahmen der Nato-Armeen unterlaufen - und später auch die Regelungen der Chemiewaffenkonvention. Das war, so schreibt es Mirsajanow in seiner Biografie, einer der entscheidenden Punkte für ihn, an die Öffentlichkeit zu gehen.

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Zwischen der Sowjetunion und den USA herrschte zwar vor allem in den Armeen und den Geheimdiensten weiter ein Klima des Misstrauens, allerdings gab es pragmatische Ansätze zur Zusammenarbeit. Die Amerikaner wollten verhindern, dass Knowhow und gefährliche Substanzen aus den sowjetischen Waffenlabors meistbietend an dunkle Regime verkauft werden. Die Sorge galt vor allem den Atomwaffen, Nordkorea hat sich offenbar zu dieser Zeit Raketenantriebe verschafft, Iran einen Wissenschaftler aus einer Atomwaffenschmiede angeheuert.

Offiziell aber standen Rüstungskontrolle und Abrüstung auf der politischen Agenda. Michail Gorbatschow und nach ihm auch Boris Jelzin hatten angekündigt, die sowjetischen Chemiewaffen aufzugeben und der Chemiewaffen-Konvention beizutreten. Eine entsprechende Willenserklärung war bereits 1990 zwischen Russen und Amerikanern in Wyoming unterzeichnet worden.

Grenzwerte um das Dutzendfache überschritten

Das stand im direktem Gegensatz zu dem, was Mirsajanow aus seiner Arbeit im Staatlichen wissenschaftlichen Forschungsinstitut für organische Chemie und Technologie wusste, ein harmlos klingender Tarnname für ein Chemiewaffenlabor: Er war dort 1985 zum Leiter der Abteilung für technische Spionageabwehr aufgestiegen. Er sollte sicherstellen, dass niemand durch Nachweise in der Umgebung von Chemiewaffen-Einrichtungen Rückschlüsse über die Aktivitäten dort ziehen konnte - deswegen erhielt er Zugang zu allen Unterlagen, auch über geheime Entwicklungsprojekte. Er musste ja wissen, wonach er suchen sollte.

Bei seinen Messungen außerhalb der Anlagen stellte er aber mittels Gaschromatografie fest, dass die Grenzwerte toxischer Substanzen um das Dutzendfache überschritten wurden - auch bei solchen Anlagen, die an Nowitschok-Kampfstoffen arbeiteten. Auch das bewog ihn, seine Erkenntnisse zu publizieren.