Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ein 88-Jähriger zum rassistisch motivierten Mörder wird. Doch der Mann, der in Washington tötete, passt in das Muster, das die fanatische rechte Szene gefährlich macht.
Sie hatten ihn im Auge. Lange schon. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Sie wussten, dass James von Brunn ein Antisemit ist, ein unbelehrbarer Judenhasser, einer, der Schwarze verabscheut und hinter allen persönlichen Fehlschlägen das Wirken einer großen Verschwörung wittert, die nichts anderes im Sinn hat, als ihn und seinesgleichen klein zu halten.
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Ermittler sichern Spuren im Holocaust-Museum. (© Foto: AFP)
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Wer allerdings erwartet von einem 88-Jährigen noch, der sich mit Malen über Wasser zu halten versucht, dass er seinen Tiraden Taten folgen lässt - selbst wenn er schon mal damit geprahlt hatte, "mit den Stiefeln voran" aus dem Leben scheiden zu wollen?
Am Mittwoch aber schritt dieser hasserfüllte Greis zur Tat, wie er es wohl geplant hatte, zur letzten Tat seines Lebens, um an einem Mahnmal des Leides neues Leid über trauernde oder auch nur der Opfer von Hass und Gewalt gedenkende Menschen zu bringen.
Es ging rasend schnell
Es war zwanzig vor eins am Mittwoch, die umtriebigste Zeit im Holocaust Museum, der Gedenkstätte für die Judenverfolgung durch Nazi-Deutschland, als ein roter Kleinwagen vor dem Eingangsatrium des Museums an der 14. Straße in Washington hielt. Fast in Sichtweite des Weißen Hauses. In zweiter Reihe parkte das Auto, das war schon ungewöhnlich. Aber als ein hagerer, weißer, alter Mann aussteigt, muss man sich eigentlich nicht weiter Gedanken machen. Vielleicht will er nur schnell jemanden abholen. Dann geht es rasend schnell. In Sekunden ist alles vorbei und zwei Menschen liegen in ihrem Blut.
Van Brunn stürmt in die Sicherheitsschleuse am Eingang, wo Museumsbesucher wie im Flughafen auf Waffen untersucht werden. Er hat ein Kleinkalibergewehr in der Hand, feuert aus nächster Nähe auf einen Wachmann - einen Schwarzen. Stephen Johns, ein großer Mann und deswegen von Kollegen Big John genannt, bricht in der Brust getroffen zusammen. Er wird wenig später im Krankenhaus sterben. Zwei seiner Kollegen schießen sofort zurück und verhindern so vielleicht ein Blutbad. 2000 Menschen, so schätzt der Direktor, sind zu der Stunde im Holocaust Museum, viele im Bereich der Eingangshalle, es ist Lunch-Zeit.
Im Auto des Attentäters finden Beamte des sofort herbeigerufenen, schwarz-uniformierten Sondereinsatzkommandos der Polizei eine Liste mit zehn weiteren Adressen in Washington, Orten mit symbolhafter Bedeutung, an denen tagsüber zu jeder Zeit sich Menschen in großer Zahl aufhalten, unter anderem die National Cathedral. Sofort fahren auch dort Streifenwagen vor, werden die Gebäude auf Bomben abgesucht. Doch nichts wird gefunden.
Sehr schnell wird klar, dass es sich um die Tat eines Einzelgängers handelt. Lone Wolves nennen die Experten in Amerika solche Typen, einsame Wölfe. Sie sind, wie die ehemalige Anti-Terror-Beraterin von Präsident George W. Bush, Fran Townsend, am Donnerstagmorgen im Fernsehen sagt, die "gefährlichste Tätergruppe" der Terrorszene. "Es ist so schwer, auf die Spur eines solchen einsamen Wölfen zu kommen. Das ist mehr eine Kunst als eine Wissenschaft."
Klare Warnsignale
Hinterher ist man immer klüger. Aber es gab doch Warnsignale, dass dieser Mann des Hasses es noch einmal wissen wollte. Und es gibt unübersehbare Anzeichen dafür, dass die Saat der rechten Hassprediger in den USA in letzter Zeit im großen Stil aufgegangen ist. Dass die rechte Szene in Amerika enormen Zulauf findet, weil es der Wirtschaft schlecht geht, weil ein Schwarzer Präsident geworden ist und überhaupt, weil immer mehr Leute rechte Parolen verbreiten.
Noch in der Nacht nach dem Anschlag versuchten sich die Behörden ein Bild von dem greisen Attentäter zu machen, der nun mit lebensgefährlichen Schusswunden im Krankenhaus der George Washington University liegt, dem Hospital, in das einst auch Präsident Ronald Reagan nach dem Schusswaffenattentat auf ihn eingeliefert wurde.
Vor allem suchten sie fieberhaft nach der Herkunft des Kleinkalibergewehrs, das Brunn bei dem Anschlag benutzte. Klar ist, dass ihn die Behörden nicht unter Beobachtung hatten - wie auch. Grantelnde Anti-Semiten gibt es in den USA zuhauf, auch solche, die wie Brunn ihre Ansichten im Internet verbreiten wollen.
Aber ganz und gar nicht klar ist, wie dieser Mann zum Wiederholungstäter hat werden können. Denn aufgefallen ist Brunn schon einmal. So sehr, dass er dafür sogar mehrere Jahre im Gefängnis saß.
James von Brunn unterhielt oder belieferte zumindest eine Website unter dem Namen Holy Western Empire. Sie wurde in der Nacht zum Donnerstag aus dem Internet genommen. Auf der Website warb er für sein Traktat "Kill the Best Gentiles", tötet die herausragenden Heiden, wobei er den jüdischen Begriff für Nicht-Juden aufgriff. Darin beklagte er die "Bräunung" Amerikas, womit er die Zunahme der nicht-weißen Bevölkerung in den USA meinte, und machte eine jüdische Verschwörung aus, die den "weißen Genpool zerstören" wolle.
"Der arische Genpool stirbt unbeweint, ungeehrt und unbesungen", schwafelte er. Das Übliche eben, was anti-semitische Verschwörungstheoretiker verbreiten. Das war nachzulesen und ekelhaft. Aber solche Sachen gibt es seit Jahrzehnten. Und solche Ansichten hat Brunn in der Tat seit Jahrzehnten verbreitet.
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