Die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen beschäftigen sich mit dem Rücktritt Jürgen Möllemanns und der Situation der FDP.

"Südkurier" (Konstanz):Die FDP kann aufatmen. Sie ist einen der größten Egoisten in ihren Reihen los.

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"Berliner Morgenpost":Der begnadete Selbstdarsteller und in guten Zeiten erfolgreiche Politiker ist an sich selbst, an seinem Ehrgeiz und seiner Selbstüberschätzung gescheitert. Die FDP aber wird noch lange an den Folgen leiden.

"Pforzheimer Zeitung":Der Mister 18 Prozent wirft hin. Typisch Möllemann: Sogar den eigenen Rücktritt inszeniert er wie ein Melodram. Die FDP sollte nicht frohlocken. Los ist sie ihn nicht.

"Neue Osnabrücker Zeitung":Das bitter-böse Spiel ist aus - so scheint es auf den ersten Blick ... Doch die erleichtert wirkende FDP-Spitze sollte sich nicht täuschen. Der hartgesottene Münsteraner hat der Partei nicht mehr als eine Atempause verschafft. Seine halb wehleidige, halb aggressive persönliche Erklärung war so sehr mit Vorwürfen und Verdächtigungen gegen die Bundespartei gespickt, dass sie wie eine Kampfansage wirkt.

"Bremer Nachrichten":Die Liberalen sollten sich nicht zu früh freuen. Schon oft schien das Schicksal des Steh-auf-Männchens Möllemann besiegelt - und genauso oft schaffte dieser wieder den Sprung zurück auf die politische Bühne. (...) Nicht zuletzt auch deshalb beeilte sich die FDP-Spitze gestern zu versichern, dass der Spendenskandal mit dem Rücktritt noch lange nicht vom Tisch sei. Sollte sich dabei eine ernsthafte Verfehlung Möllemanns herausstellen, könnte man seiner politischen Karriere endgültig den Garaus machen: Mit dem Rauswurf aus der FDP.

"General-Anzeiger" (Bonn): Jetzt hat der Fallschirmspringer doch noch im letzten Moment die politische Reißleine gezogen und ist der drohenden Abwahl durch seine Landespartei zuvor gekommen. Doch ein würdiger Abschied ist es nicht, wenn er denjenigen FDP-Führungsmitgliedern, die sich gewissenhaft um die Aufklärung der Spendenaffäre bemühen, ein "zerstörerisches Verhalten für die FDP" vorwirft. Dabei hat gerade Jürgen Möllemann durch seine den Antisemitismus ermutigende Kampagne maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die FDP nach der Bundestagswahl nicht in der Regierung, sondern erneut in der Opposition wiederfindet und dass ihr neben dem politischen wahrscheinlich auch großer finanzieller Schaden entsteht. Möllemann ist oft das politische Ende vorhergesagt worden, doch immer wieder hat er wie ein Stehaufmännchen seine Widersacher widerlegt. Doch diesmal dürfte für ihn, einen der wirkungsvollsten Wahlkämpfer im Lande, Schluss sein - jedenfalls in der FDP. Er hat sich selbst ins Abseits gestellt und war für seine Partei am Ende mehr Last als Hilfe.

"Rheinische Post" (Düsseldorf):Man könnte seiner Entscheidung sogar Respekt entgegenbringen. Schließlich ist Möllemann einer, der Politik zum Beruf erkoren hat und sich wohl selbst am wenigsten im politischen Ruhestand vorstellen kann. Doch Möllemann verwirkt in dieser für ihn bittersten Stunde jede Anteilnahme durch die Art, wie er seine Widersacher verunglimpft. Menschenjagd lastet er ihnen an, auf einen Herzkranken obendrein. Das ist perfide, schon weil es eigene Schuld völlig ausblendet.

"Hamburger Morgenpost": Jürgen W. Möllemann ... ist durch den entschlossenen Satz aus dem FDP-Flugzeug seinem Rauswurf als Landeschef zuvorgekommen. Und das war sein letzter Hüpfer. Nun hätte das auch ziemlich würdig aussehen können, aber ein rechthaberischer Fallschirmer ist schlimm: Natürlich hat er zunächst einmal als unschuldig zu gelten, aber da liegen so fette Indizien auf dem Tisch, dass er jetzt nicht aus seinem (offenbar komfortablen Schmerzenslager auf Gran Canaria) gegen Parteifreunde keifen sollte, die angeblich seine zarte Gesundheit zunichte machen wollen. Er sollte jedenfalls nicht wagen, das faule Stück von Kohl zu wiederholen, dass Spender "ehrenworthalber" nicht genannt werden, obwohl jener von seiner Partei weiter als Ehren-Schwabbel-Buddha vorgeführt wird. Na, deren Sache.

"Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung" (Essen):Auch in der dunkelsten Stunde seiner immerhin 30-jährigen politischen Karriere bleibt sich der umtriebige Münsteraner treu: Schuld sind immer die anderen.

"Rhein-Neckar-Zeitung" (Heidelberg):Die Partei wird noch lange brauchen, um sich von ihrem Medien-Strategen zu erholen und von ihrer eigenen Dummheit, diesem politischen Rattenfänger gefolgt zu sein. Der Geschasste selbst macht derweil auf die Mitleidstour. Natürlich, um von der dubiosen Flugblatt- Finanzierung abzulenken. Hierbei erschreckt eines besonders: Man kann offensichtlich Menschen im Wahlkampf stigmatisieren, wenn man diesen Schmutz nur korrekt finanziert. Da stimmt doch etwas nicht.

Kölner Stadt-Anzeiger":Seinen Sturz hat sich Möllemann selbst zuzuschreiben. Er war nicht mehr haltbar für seine Partei. Zumindest das scheint er erkannt zu haben, auch wenn er es nicht zugibt. Sein tiefer politischer Fall erinnert fatal an das politische Ende Helmut Kohls. Beide sind Politiker mit Verdiensten, beide haben aber letztlich ihr Streben nach persönlichem Erfolg über alles gestellt. Es spricht für unser Gemeinwesen, dass solche Politiker damit auf Dauer nicht durchkommen.

Weser-Kurier" (Bremen):Diesmal stürzte der passionierte Fallschirmspringer ungebremst ab. Bei seinen unsäglichen Ausfällen gegen Israel und in seinem Privatkampf gegen Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland verließ ihn sein politischer Instinkt. Und versunken ist er schließlich im Sumpf von Spenden. In der FDP wird niemand mehr auch nur einen Cent auf Möllemann wetten. Aber das muss nicht heißen, dass er tatsächlich von der Bühne verschwindet. Vielleicht plant der Rekonvaleszent bereits in diesem Augenblick ein Comeback durch die Hintertür. Wie sich gezeigt hat, gibt es leider genügend Zeitgenossen, die auf die lästerlichen Reden dieses Schwadroneurs hereinfallen. Und hat nicht Möllemann selbst schon erste Hinweise gegeben, wie das aussehen könnte? Ein Haider in Deutschland - das könnte er werden, es sei denn, die Deutschen hindern ihn daran.

"Kölnische Rundschau": Wenn gestern Bundesschatzmeister Günter Rexrodt von einem Befreiungsschlag für die Liberalen sprach, dann ist das blauäugig. Man kann auch sagen verharmlosend: Denn die Liberalen sind längst tief in eine Parteispendenaffäre geschlittert. Die Partei ist am vorläufigen Tiefpunkt seit Lambsdorffs Spendenaffäre angekommen. Zu Möllemanns Trickserei mit schwarzen Konten um die Flugblattfinanzierung kommen Meldungen über einen undurchsichtigen Millionen-Kredit der Bundestagsfraktion an die Partei. Guido Westerwelle, der junge Parteichef, der jetzt schon so alt aussieht, hat ein großes Problem. Er ist bei der Aufklärung der Sache auf Gedeih und Verderben darauf angewiesen, dass Möllemann mitspielt. Das wird der aber nicht.

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": Für Guido Westerwelle gibt es wieder nichts zu gewinnen. Monatelang sah er hilflos zu, wie ihm die von Jürgen Möllemann angezettelte Antisemitismus-Debatte über den Kopf wuchs. Kreidebleich stand er am Rande, als Möllemanns Spendenaffäre ans Licht kam. Und jetzt war es Möllemann selbst, der der Affäre Möllemann ein Ende setzte. Die Vorgänge der vergangenen Monate haben nicht nur der gesamten FDP geschadet. Auch Westerwelle persönlich ist beschädigt, seine Führungskraft angekratzt.

"Süddeutsche Zeitung":Die FDP ist paralysiert. Zusammen mit dem dubiosen Möllemann fällt auch ihre 18-Prozent-Fassade um, zeigt sich der potemkinsche Charakter der FDP; nur wegen Gewerbesteuer und Spitzensteuersatz werden nicht allzu viele FDP wählen. Die Grünen haben also mit einer Politik, die den Wirtschaftsliberalismus ökologisch fortentwickelt und zugleich Bürgerrechte und Rechtsstaat stärkt, die historische Chance, die FDP überflüssig zu machen. Sie haben die Chance, die FDP-Erbmasse zu übernehmen.

(sueddeutsche.de/dpa)

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