Möglicher israelischer Angriff auf Iran USA in der Glaubwürdigkeitsfalle

Die USA haben ein Problem: Einerseits wollen sie den Druck auf Iran aufrechterhalten, andererseits aber Israel von einem Militärschlag abhalten. Doch in der angespannten diplomatischen Lage verschlechtert sich das Verhältnis zwischen der Führung in Washington und Israels Regierungschef Netanjahu zusehends.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Einer gegen alle - so sieht derzeit die Frontstellung im Streit über das iranische Atomprogramm aus. Der eine ist Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, der während einer Kabinettssitzung in Jerusalem nun gleich die ganze Welt ins Visier nahm. "Ich denke, wir sollten die Wahrheit aussprechen", polterte der Premier, "die internationale Gemeinschaft zieht keine klare rote Linie für Iran." Die Laxheit der Weltmächte machte er dafür verantwortlich, dass Teheran unbeirrt an seinen Nuklearplänen festhalte. "Iran darf nicht in den Besitz von Atomwaffen gelangen", schloss Netanjahu - und die Adressaten dieser Drohung waren ganz eindeutig nicht nur die Mullahs in Teheran, sondern auch die Mächtigen in Washington.

Netanjahu macht Druck, denn er sieht den Sanktionen zum Trotz überall zusätzliche Anzeichen dafür, dass die Zeit drängt für einen Militärschlag.

(Foto: Getty Images)

Netanjahu macht Druck, denn er sieht den Sanktionen zum Trotz überall zusätzliche Anzeichen dafür, dass die Zeit drängt für einen Militärschlag. Neue Argumente lieferte ihm der jüngste Quartalsbericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), der belegt, dass die Iraner in den vergangenen Monaten ihr Atomprogramm weiter beschleunigt haben. In der unterirdischen Urananreicherungsanlage von Fordow sind demnach mittlerweile bereits 2000 Zentrifugen installiert worden, das sind doppelt so viele wie noch im Mai.

In Jerusalem wird das so interpretiert, dass die Zeit der Entscheidung näher rückt, da sonst das Atomprogramm zumindest mit israelischen Mitteln kaum noch aufzuhalten sei. Die Schlussfolgerung daraus lautet also: Entweder die Israelis greifen bald an, oder es wird für jeden deutlich, dass sie sich ganz in die Obhut der USA begeben haben, die mit ihrer überlegenen Militärmacht auch noch zu einem späteren Zeitpunkt die Initiative gegen Teheran ergreifen könnten.

Es fällt den Israelis jedoch enorm schwer, den amerikanischen Zusicherungen zu glauben, dass auch die Regierung von Präsident Barack Obama "mit allen Mitteln" Teheran am Bau der Bombe hindern werde. Tatsächlich steckt Washington mittlerweile in einer diplomatischen Glaubwürdigkeitsfalle: Einerseits müssen die USA Iran mit einem Militärschlag drohen, anderseits müssen sie Israel von einem Militärschlag abhalten. Aus dieser doppelten Botschaft eine schlüssige Politik abzuleiten ist - zumal in den aufgeheizten Zeiten des Präsidentschaftswahlkampfs - fast unmöglich.

Verärgerung in Israel

Verärgerung in Israel löst vor allem der amerikanische Generalstabschef Martin Dempsey aus, der seit Langem offen vor einem israelischen Alleingang warnt. Nun erklärte er unverblümt, dass er im Falle eines israelischen Angriffs auf Iran nicht "mitschuldig" werden wolle. In israelischen Medien wird bereits das böse Gerücht verbreitet, Washington habe über Drittstaaten die Botschaft an das Regime in Teheran übermittelt, dass sich die USA aus einem Waffengang heraushalten würden, solange Iran nicht die amerikanischen Streitkräfte im Golf attackiert. Das klingt nach Verrat.

Passend dazu macht nun auch noch ein Militärmanöver negative Schlagzeilen, mit dem die USA und Israel eigentlich ihre unverbrüchliche Partnerschaft demonstrieren wollten. Im Oktober sollten 5000 amerikanische Soldaten zum größten gemeinsamen Manöver aller Zeiten nach Israel kommen.

Auf dem Übungsplan steht aus gegebenem Anlass die Abwehr von Raketenangriffen, doch plötzlich werden nur noch 1000 bis 1500 Soldaten sowie weit weniger Material erwartet. In den USA wird dies mit Kostengründen erklärt. Doch das Magazin Time meldete bereits, die Reduzierung sei das Resultat der Differenzen über den Umgang mit Iran.

Seemanöver soll Iran abschrecken

Doch bevor sich die Atomstrategen in Teheran nun beruhigt zurücklehnen können, lässt Washington auch ihnen eine paar Mahnungen zukommen. Die New York Times veröffentlichte mutmaßliche Pläne der Obama-Regierung, wie unterhalb der Kriegsschwelle die amerikanische Entschlossenheit demonstriert werden könne.

Dazu zählt unter anderem ein Seemanöver im Persischen Golf noch in diesem Monat, bei dem insgesamt 25 Staaten zur Minenräumung ausziehen - eine Warnung ist dies vor einer Blockade der Ölrouten durch die Straße von Hormus. Zudem würden in den nächsten Monaten auch weitere verdeckte Cyberkrieg-Operationen geplant und ein neues Radarsystem in Katar installiert werden.

Mit all dem soll vor allem Zeit gewonnen werden für eine diplomatische Lösung. Doch aus Iran kommen bisher keinerlei Zeichen der Entspannung. Wie sehr dagegen die Spannungen zwischen den USA und Israel wachsen, zeigt ein Bericht des Massenblattes Jedioth Achronoth. Demnach soll es kürzlich zu einem lautstarken Wortgefecht zwischen Premier Netanjahu und dem amerikanischen Botschafter in Israel, Dan Shapiro, gekommen sein. Netanjahu warf Obama darin vor, statt auf Iran nur noch Druck auf seinen Partner Israel auszuüben.