Mitgliedervotum Angst vor den Kuckuckseiern

Die SPD feiert 24 000 Parteieintritte. Doch sie befürchtet auch, unterwandert zu werden.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Vor dem Mitgliedervotum über eine Neuauflage der großen Koalition erlebt die SPD eine Eintrittswelle. "Wahnsinn!", twitterte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil am Dienstagabend. "Seit Neujahr sind 24 339 Neumitglieder in unsere Partei eingetreten. Damit hat die SPD am Stichtag für das Mitgliedervotum 463 723 Mitglieder." Allein dem Berliner Landesverband der SPD sind seit Januar 2290 Mitglieder beigetreten, in Hannover waren es 1167. Und selbst in Sachsen, nicht eben sozialdemokratisches Kernland, traten 842 Neue der SPD bei. Das entspricht einem Fünftel des gesamten Landesverbandes.

"Die Jusos nehmen gerne einen SPD-Toaster für besondere Verdienste um die Mitgliederentwicklung unserer Partei entgegen", schrieb Kevin Kühnert. Der Juso-Chef, der mit der Kampagne No-Groko die SPD-Regierungsbeteiligung verhindern will, sieht im Parteizuwachs ein Signal für die Ablehnung der großen Koalition.

Ein Möchtegern-Neumitglied in Berlin-Treptow hatte im Netz AfD-Reden geteilt

In SPD-Ortsverbänden macht sich aber auch Skepsis breit. Die SPD freue sich über neue Mitstreiter, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Fritz Felgentreu. In seinem Wahlkreises in Berlin-Neukölln traten in zwei Monaten teils so viele Mitglieder ein wie sonst im Jahr. Unter SPD-Freunde und Groko-Gegner könnten sich aber auch Rechtsextremisten gemischt haben. "Ich finde es nicht abwegig, da misstrauisch zu werden", sagt Felgentreu. In Neukölln, das eine starke rechte Szene hat, ist die SPD dazu übergegangen, Namen von Neumitgliedern im Netz auf AfD- und NPD-Kontakte zu überprüfen. Für eine persönliche Vorstellung reicht wegen der bevorstehenden Mitgliederbefragung oft die Zeit nicht.

Im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick stieß die SPD per Netzrecherche auf ein Möchtegern-Mitglied, das Reden des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke teilte. Auch in Berlin-Rixdorf fand sich ein AfD-Verehrer unter SPD-Bewerbern. Man teilte ihm mit, er sei unerwünscht. "Es ist natürlich ein komisches Gefühl, dass plötzlich so viele kommen", sagt Ortsverbandchef Marko Preuß. "Ich hoffe, dass es beim Mitgliederentscheid am Ende nicht an 10 000 Stimmen hängt." Gleichzeitig wolle er Neue aber auch nicht pauschal verdächtigen.

Die Kuckuckseier bleiben die Ausnahme, so sieht das auch die sächsische SPD. "Wir sind in einer Ausnahmesituation", sagt ihr Sprecher. Die Mitarbeiter kämen beim Bearbeiten kaum hinterher. Hinweise auf gezielte Unterwanderung von rechts sehe er nicht. "Die Leute wollen einfach mitentscheiden." Wer am Ende wirklich bei der SPD bleibe, wisse man dann nächstes Jahr.