Von Von Hans-Jörg Heims, Reymer Klüver und Johann Nitschmann

Die Ausbilder in der Coesfelder Kaserne schütteten gefesselten Soldaten Wasser in den Rachen und hielten ihnen die Nase zu. So sollten die Rekruten auf Auslandseinsätze vorbereitet werden. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Mit Feldfernsprechern, wie sie die Bundeswehr benutzt, kann man eine elektrische Spannung bis zu 70 Volt erzeugen. Da schmerzt ein Stromstoß. Besonders wenn die Drähte an empfindliche Körperstellen gehalten werden, den Hals oder den Leistenbereich zum Beispiel.

Coesfelder Bundeswehr-Kaserne, ddp

21 Ausbilder sollen in der Coesfelder Kaserne junge Soldaten misshandelt haben. (© Foto: ddp)

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Bei der 7. Ausbildungskompanie des Instandhaltungsbataillons 7 im westfälischen Coesfeld haben sie das getan. Als Teil einer realitätsnahen Ausbildung, wie sie zu ihrer Rechtfertigung offenbar sagten. Einer Ausbildung, wie sie selbst in den neuen, einsatznahen Regeln für die Grundausbildung nicht wirklich vorgesehen ist, die seit dem 1.Oktober gelten.

Die Ausbilder, meistens Feldwebel, haben auch gefesselten jungen Soldaten die Nase zugehalten und Wasser in den Rachen geschüttet. Auch das sollte angeblich auf Situationen vorbereiten, in die Bundeswehr-Soldaten bei einem Auslandseinsatz geraten können: wenn sie in Geiselhaft kommen und psychisch und physisch misshandelt werden. Bisher ist das, glücklicherweise, noch keinem deutschen Soldaten widerfahren.

Stiefelbeutel über dem Kopf

Misshandlung und entwürdigende Behandlung Untergebener wird 21 Ausbildern vorgeworfen, unter ihnen der Kompaniechef, ein Hauptmann. Fünf der Beschuldigten sollen zum harten Kern gehören, der sich bei den Misshandlungen besonders hervorgetan hat.

Seit Mitte Oktober hat die Staatsanwaltschaft Münster von den skandalösen Vorgängen in Coesfeld Kenntnis. Aufgrund der laufenden Disziplinarverfahren sei die Staatsanwaltschaft über mögliche Straftaten "vorschriftsmäßig informiert" worden, sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer. Der Bataillons-Kommandeur habe die rechtswidrigen Nachtmanöver detailliert geschildert und "nicht versucht, etwas zu vertuschen".

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft Münster sind die jungen Soldaten zwischen Juni und September dieses Jahres insgesamt vier Mal bei Nachtmärschen in einem Hinterhalt überfallen, mit Kabelbindern gefesselt und auf Lastwagen in die Kaserne transportiert worden.

"Eingenmächtige Anordnung"

Dabei wurde ihnen angeblich auch Stiefelbeutel über die Köpfe gezogen. Anschließend hätten in der Kompanie auf "eigenmächtige Anordnung" der beschuldigten Unteroffiziere so genannte Geiselbefragungen stattgefunden. Bislang hätten die Strafermittler sämtliche Akten aus den Disziplinarverfahren gesichtet.

In diesen Tagen wolle die Staatsanwaltschaft den Beschuldigten "rechtliches Gehör" gewähren und mit der Zeugen-Vernehmung der Geschädigten beginnen. Diese Ermittlungen gestalten sich laut Schweer "schwierig", weil die etwa 90 Rekruten der Coesfelder Ausbildungskompanie inzwischen auf Kasernen im gesamten Bundesgebiet verteilt seien.

Schweer widersprach Presseberichten, wonach seine Behörde angeblich belastendes Foto- und Filmmaterial von den "Geiselbefragungen" sichergestellt habe. Aufgrund eines am vergangenen Freitag beim Amtsgericht Unna erwirkten Durchsuchungsbeschlusses sei in der Kaserne aber eine CD-Rom beschlagnahmt worden, auf der "möglicherweise" Dokumente abgespeichert sind, die in Zusammenhang mit den Misshandlungen stehen könnten.

Code-Wort vereinbart

Der Dortmunder Anwalt Thomas Buchheit, der zwei der Beschuldigten vertritt, sieht bei seinen Mandanten kein Fehlverhalten vorliegen: "Die Rekruten hätten die Übung jederzeit abbrechen können. Zu diesem Zweck gab es ein Code-Wort."

Zudem seien die Soldaten auf die Übung vorbereitet gewesen. Beispielsweise mussten sie vor der Übung Brillen und Uhren abnehmen, so der Anwalt.Das Losungswort hat sich offenbar keiner zu verwenden getraut. Ebenso bewegt die Frage, weshalb 90 junge Männer, die den Übergriffen ausgeliefert waren, sich nicht beklagt haben.

Beim Wehrbeauftragten des Bundestags, Willfried Penner, ist jedenfalls keine einzige Eingabe aus Coesfeld eingegangen, und das, obwohl die Soldaten ihr Eingaberecht inzwischen nach den Worten Penners "noch und nöcher" wahrnehmen.

"Wie funktioniert das eigentlich mit der Dienstaufsicht?"

Herausgekommen ist alles nur durch einen Zufall. Einer der Soldaten wurde nach der Grundausbildung ins Heerestruppenkommando nach Koblenz versetzt. Und dort fragte er, in aller Unschuld, beim Kaffeetrinken, ob so etwas inzwischen eigentlich gang und gäbe sei. Immerhin gaben Offiziere, die das Gespräch mitbekommen hatten, die Sache sofort weiter.

Penner sagt, einen solchen Fall habe er in seiner bisher viereinhalbjährigen Amtszeit noch nicht erlebt. Es sei nicht damit getan, nur die genauen Umstände der Vorfälle aufzuklären. Die Bundeswehr müsse sich nun selbstkritische Fragen stellen. "Wie funktioniert das eigentlich mit der Dienstaufsicht?", sei so eine. Zum anderen müsse tatsächlich geklärt werden, ob sich nicht doch etwas "unmerklich im Verhalten der Bundeswehr verändert hat, wo man gegensteuern müsste".

Auch der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, will die "Dienstaufsicht" überprüft sehen, warnt zugleich aber davor, "mit Kanonen auf Spatzen zu schießen". Er sei überzeugt, dass es sich um einen Einzelfall handele. Das finden sie im Verteidigungsministerium auch. "Die Tatsache", sagte der stellvertretende Sprecher Hannes Wendroth, "dass so ein Missstand aufgedeckt wird, ist doch ein Erfolg an sich."

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(SZ vom 23.11.2004)