Missglückte Geiselbefreiung in Algerien Blutiger Alleingang einer angeschlagenen Nation

Gasanlage in Amenas (Archivbild): Die missglückte Befreiungsaktion algerischer Sicherheitskräfte erzürnt den Westen.

(Foto: dpa)

Trotz westlicher Hilfsangebote versuchten Algeriens Sicherheitskräfte, die Geiselnahme auf dem Gasfeld im Osten des Landes eigenhändig zu beenden. Das Fiasko zeigt, wie sehr Algier fremden Einfluss fürchtet - und wie der Mali-Konflikt die Region destabilisiert.

Von Johannes Kuhn

Als der britische Premierminister David Cameron am Donnerstagvormittag zum Telefon griff, um das weitere Vorgehen im algerischen Geiseldrama zu besprechen, war es bereits zu spät: "Eine militärische Operation läuft bereits", teilte ihm sein algerischer Amtskollege Abdelmalek Sellal englischen Medienberichten zufolge mit. Ähnlich ging es Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der Algerien noch um Zurückhaltung im Geiseldrama gebeten hatte, sowie offenbar auch Vertretern der US-Regierung.

Eine Rücksichtslosigkeit, die nun Teil eines blutigen Desasters ist: Der Versuch der algerischen Sicherheitskräfte, die Geiseln in einer Erdgasanlage in der Sahara zu befreien, könnte Dutzende der sich in den Händen der islamistischen Terrorgruppe befindenden Ausländern das Leben gekostet haben. Genaue Informationen über mögliche Opfer gibt die algerische Regierung noch nicht heraus - und verstärkt damit die Wut des Westens über den Alleingang.

Schon in den ersten Stunden der Erstürmung der Anlage hatten US-Medien zufolge die USA und Großbritannien Algerien angeboten, Spezialkräfte zu entsenden, um die Geiseln zu befreien. Doch darauf wollte die algerische Regierung offenbar nicht warten.

Die Sicherheitskräfte erhielten den Befehl zum Einsatz, als die Islamisten freies Geleit forderten, um mit den Geiseln das Land zu verlassen, berichtet France24 unter Berufung auf algerische Sicherheitskreise. "Gestern, heute und morgen gilt: Es wird keine Verhandlungen geben, keine Erpressung, keinen Rückzug im Kampf gegen den Terrorismus", rechtfertigte sich Kommunikationsminister Mohand Said Oubelaid später.

Archivbild von Mitgliedern einer Sondereinsatztruppe in der Oasenstadt Biskra im Norden Algeriens.

(Foto: REUTERS)

"Sie wollen Dinge alleine erledigen"

Für Kenner der Gegend kommt der rücksichtslose Alleingang nicht überraschend. "So arbeiten sie. Sie wollen die Dinge alleine erledigen", sagte Rudolph Atallah der New York Times. Atallah war im Pentagon sechs Jahre lang Anti-Terror-Beauftragter für Afrika.

Algerien ist die stärkste Militärmacht in der Region, das harte Vorgehen gegen Islamisten hat Tradition: Während des blutigen Bürgerkriegs in den neunziger Jahren gingen Geheimdienst und Militär in ihrem "schmutzigen Krieg" rücksichtslos gegen mutmaßliche und vermeintliche Terroristen vor, begingen Anschläge in falschem Namen, folterten die Verhafteten und ließen Schätzungen zufolge bis zu 18.000 Menschen verschwinden.

Seit lokale Dschihadisten sich in den vergangenen Jahren den Markennamen al-Qaida gaben und sich durch Geld aus Entführungen und Waffen aus dem libyschen Bürgerkrieg professionalisierten, hat auch der umstrittene Präsident Abdelaziz Bouteflika unter dem Druck des Militärs den Kampf gegen den Islamismus publikumswirksam verstärkt. Obwohl er dabei die Unterstützung des Westens hat, ist vor allem das Verhältnis zu Frankreich distanziert, das sich auch unter Präsident Hollande nicht für seine Kolonialvergangenheit entschuldigen möchte.

Wieso kannte sich das Terrorkommando so gut aus?

Dass Bouteflika Paris vor wenigen Tagen zögernd Überflugrechte für den Mali-Einsatz gewährt hat, ist einzig der monatelangen Lobbyarbeit französischer und amerikanischer Außenpolitiker zu verdanken - das Volk ist davon alles andere als begeistert.

Der französische Militäreinsatz in Mali

Schon ob der innenpolitischen Konsequenzen dürfte Algerien der Einsatz von US-Drohnen und die mögliche Einreise britischer Spezialkräfte ungelegen kommen. Doch spätestens mit dem Befreiungs-Debakel wird deutlich, dass die Ausweitung des Mali-Konflikts kaum aufzuhalten ist - und auch die algerische Regierung vor lange verdrängte Probleme stellt. "Sie fürchten, dass sich der Konflikt auf lokale Völker wie die Tuareg ausbreitet", sagte die Sicherheitsexpertin Stephanie Pezard dem Christian Science Monitor. Diese könnten sich angestachelt fühlen, im Süden einen eigenen Staat zu fordern.

Vorerst aber muss Algier erst einmal erklären, wie das Terrorkommando die Gasanlage so problemlos einnehmen konnte. "Es ist außergewöhnlich, dass die Terroristen in die Gasanlage eindringen konnten, weil sie vollständig gesichert war", wunderte sich der französische Nordafrika-Experte Matthieu Guidère in einem Radio-Interview. Selbst während des Bürgerkriegs habe man die Ölproduktion vor Angriffen schützen können. Le Monde zitiert einen Augenzeugen mit der Aussage, die Dschihadisten hätten sich auf dem Gelände überraschend gut ausgekannt.

Mitarbeit: Rudolph Chimelli und Nakissa Salavati