Missbrauchsskandale Leiden an der Kirche

Die katholische Kirche steht vor Ostern in der moralischen Insolvenz: Die Missbrauchsskandale haben ein Grundvertrauen in ein Grundmisstrauen verwandelt - sie sind die Dornen in der Dornenkrone. Das lässt sich mit Beten nicht ändern.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

In der Mathematik gibt es das Rechnen in der Klammer: Entscheidend ist nicht, was in der Klammer geschieht, ob man also dort addiert, subtrahiert oder multipliziert. Entscheidend ist, welches Vorzeichen vor der Klammer steht, ob es sich um ein Plus oder ein Minus handelt. Der ganze Wert verwandelt sich ins Gegenteil, wenn aus dem Plus ein Minus wird. Das ist der katholischen Kirche in den vergangenen Monaten passiert.

Die nationalen und die globalen Missbrauchsskandale haben ein Grundvertrauen in ein Grundmisstrauen verwandelt. Nicht nur eine Vielzahl von Einzelnen steht in der Kritik, sondern die Kirche als solche. Nicht nur eine Vielzahl von Priestern hat gesündigt, sondern die Institution als solche hat gefehlt - weil sie das Leid der Opfer zu lange verdrängt, weil sie erst geschwiegen und dann abgewimmelt hat. Die katholische Kirche ist in einer Systemkrise, auch deswegen, weil sie sich der Frage nach den Fehlern im System nicht stellt.

In der Politik gibt es die Vertrauensfrage: Wenn das Vertrauen in die Regierung wankt, dann stellt sie im Parlament die Vertrauensfrage, um es auf diese Weise wieder zu stabilisieren. In der Kirche gibt es keine Vertrauensfrage. Gäbe es sie, die katholische Kirche würde ein höllisches Desaster erleben. Weit mehr als die Parteien, als Politik und Wirtschaft, weit mehr als jeder andere Beruf, als jede andere Einrichtung, weit mehr als Verwaltung, Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit lebt die Kirche aber vom Vertrauen der Menschen zu den Personen, die sie ihnen als Vertrauenspersonen vorstellt.

Priester, Menschen also, die im Namen Gottes aufgetreten sind, haben diesen Namen missbraucht. Der Missbrauch ist ein doppelter: Die Priester missbrauchen ihre Opfer und sie missbrauchen die Aura des Vertrauens, die ihnen gegeben ist. Die katholische Kirche steht daher in der moralischen Insolvenz. Sie hat furchtbares Leid zugefügt und sie leidet an sich selbst. Das ist die Situation der katholischen Kirche vor Ostern 2010.

Die Passions- und Karfreitagsliturgie erhält diesmal ihre ganz eigene Bedeutung - noch schärfer als sonst, noch anklagender. Das berühmteste Passionslied formuliert diese Anklage. Es schildert das zerschlagene Haupt des Jesus Christus mit Wörtern, die wie Schläge sind: Das Gesicht ist verwundet, blutbespritzt, dornengekrönt, geschlagen, bespuckt, entstellt. Der Leib ist geschändet, das Gesicht zum Schandgesicht verunstaltet; es ist ein "Haupt voll Blut und Wunden". Dieses Lied, der berühmte lateinische Hymnus, eingedeutscht von Paul Gerhardt im Jahr 1656, gesungen von allen Konfessionen, beschreibt nicht nur das Leid, das sich in diesem Gesicht zeigt; das Lied stellt auch fassungslos die Frage, wer dieses Leid angerichtet hat - bis es dann in der vierten Strophe diese Frage beantwortet. Und diese Antwort ist eine äußerst erschreckende Antwort.

Sie überspringt das historische Ursachengefüge, sie spricht nicht von den Hohepriestern, nicht von Pontius Pilatus, den Schriftgelehrten und Henkersknechten. Sie spricht nicht von der Vergangenheit, sondern von der Gegenwart. Sie lässt keine Ausreden zu. Nicht die Umstände, nicht die Zeitläufte, nicht die Anderen - der Fragende, der Betrachter des Gekreuzigten, der Betende selbst muss sich schuldig bekennen: "Schaut her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat."

Es ist eine Zeile, die die katholischen Würdenträger, die dieses Lied am Karfreitag anstimmen, verstummen lassen muss. Ist es denn nicht die Kirche selbst, "die Zorn verdienet" hat? Weil sie den tausendfachen sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester so lange verheimlicht und verharmlost hat; weil sie geglaubt hat und manchmal immer noch glaubt, sie müsse sich nur ducken, bis der Sturm vorübergeht; weil sie immer wieder die Schuld auf andere schiebt oder darauf verweist, dass sich auch andere, nicht nur Priester, schuldig gemacht haben; weil sie zur radikalen Umkehr bisher nicht fähig ist.

Änderungen im System Kirche

Die Kirche kann sich nicht mit dem Hinweis aus der Verantwortung ziehen, dass sich neunzig Prozent aller Missbrauchsfälle außerhalb der Kirche ereignen, im familiären Umfeld vor allem. Sie muss fragen, wie sie selbst Schuld an den Missbrauchsskandalen trägt - weil sie das menschliche Verlangen nach reifer Intimität so radikal negiert. Es hat sich gezeigt, dass viele Priester, die Minderjährige missbrauchen, in ihrer sexuellen Entwicklung auf der Stufe eines 13-Jährigen stehengeblieben sind. Das lässt sich nicht mit Beten ändern; das verlangt Änderungen im System Kirche.

Sexueller Missbrauch ist Marter, sexueller Missbrauch ist Schändung. Die Missbrauchsskandale sind die Dornen in der Dornenkrone. Sie sind die Spucke im Angesicht dessen, den die Christen als Gott verehren. Die Kirche muss also mit sich selbst ins Gericht gehen. Sie muss sich selbst schuldig bekennen - und sich dann aus dieser Schuld zu befreien versuchen. Ein konstruktives Misstrauensvotum wie in der Politik, mit dem die Gläubigen die schuldig gewordene Hierarchie abwählen und durch eine neue ersetzen könnten, gibt es in der Kirche nicht. Es gibt nur den Glauben an den Ostersonntag. Aber dieses Ostern der Kirche, die Auferstehung des Vertrauens, kommt nicht von selbst.