Die katholische Kirche steht vor Ostern in der moralischen Insolvenz: Die Missbrauchsskandale haben ein Grundvertrauen in ein Grundmisstrauen verwandelt - sie sind die Dornen in der Dornenkrone. Das lässt sich mit Beten nicht ändern.
In der Mathematik gibt es das Rechnen in der Klammer: Entscheidend ist nicht, was in der Klammer geschieht, ob man also dort addiert, subtrahiert oder multipliziert. Entscheidend ist, welches Vorzeichen vor der Klammer steht, ob es sich um ein Plus oder ein Minus handelt. Der ganze Wert verwandelt sich ins Gegenteil, wenn aus dem Plus ein Minus wird. Das ist der katholischen Kirche in den vergangenen Monaten passiert.
Die katholische Kirche steht in der moralischen Insolvenz. Sie hat furchtbares Leid zugefügt und sie leidet an sich selbst. (© Foto: AP)
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Die nationalen und die globalen Missbrauchsskandale haben ein Grundvertrauen in ein Grundmisstrauen verwandelt. Nicht nur eine Vielzahl von Einzelnen steht in der Kritik, sondern die Kirche als solche. Nicht nur eine Vielzahl von Priestern hat gesündigt, sondern die Institution als solche hat gefehlt - weil sie das Leid der Opfer zu lange verdrängt, weil sie erst geschwiegen und dann abgewimmelt hat. Die katholische Kirche ist in einer Systemkrise, auch deswegen, weil sie sich der Frage nach den Fehlern im System nicht stellt.
In der Politik gibt es die Vertrauensfrage: Wenn das Vertrauen in die Regierung wankt, dann stellt sie im Parlament die Vertrauensfrage, um es auf diese Weise wieder zu stabilisieren. In der Kirche gibt es keine Vertrauensfrage. Gäbe es sie, die katholische Kirche würde ein höllisches Desaster erleben. Weit mehr als die Parteien, als Politik und Wirtschaft, weit mehr als jeder andere Beruf, als jede andere Einrichtung, weit mehr als Verwaltung, Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit lebt die Kirche aber vom Vertrauen der Menschen zu den Personen, die sie ihnen als Vertrauenspersonen vorstellt.
Priester, Menschen also, die im Namen Gottes aufgetreten sind, haben diesen Namen missbraucht. Der Missbrauch ist ein doppelter: Die Priester missbrauchen ihre Opfer und sie missbrauchen die Aura des Vertrauens, die ihnen gegeben ist. Die katholische Kirche steht daher in der moralischen Insolvenz. Sie hat furchtbares Leid zugefügt und sie leidet an sich selbst. Das ist die Situation der katholischen Kirche vor Ostern 2010.
Die Passions- und Karfreitagsliturgie erhält diesmal ihre ganz eigene Bedeutung - noch schärfer als sonst, noch anklagender. Das berühmteste Passionslied formuliert diese Anklage. Es schildert das zerschlagene Haupt des Jesus Christus mit Wörtern, die wie Schläge sind: Das Gesicht ist verwundet, blutbespritzt, dornengekrönt, geschlagen, bespuckt, entstellt. Der Leib ist geschändet, das Gesicht zum Schandgesicht verunstaltet; es ist ein "Haupt voll Blut und Wunden". Dieses Lied, der berühmte lateinische Hymnus, eingedeutscht von Paul Gerhardt im Jahr 1656, gesungen von allen Konfessionen, beschreibt nicht nur das Leid, das sich in diesem Gesicht zeigt; das Lied stellt auch fassungslos die Frage, wer dieses Leid angerichtet hat - bis es dann in der vierten Strophe diese Frage beantwortet. Und diese Antwort ist eine äußerst erschreckende Antwort.
Sie überspringt das historische Ursachengefüge, sie spricht nicht von den Hohepriestern, nicht von Pontius Pilatus, den Schriftgelehrten und Henkersknechten. Sie spricht nicht von der Vergangenheit, sondern von der Gegenwart. Sie lässt keine Ausreden zu. Nicht die Umstände, nicht die Zeitläufte, nicht die Anderen - der Fragende, der Betrachter des Gekreuzigten, der Betende selbst muss sich schuldig bekennen: "Schaut her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat."
Es ist eine Zeile, die die katholischen Würdenträger, die dieses Lied am Karfreitag anstimmen, verstummen lassen muss. Ist es denn nicht die Kirche selbst, "die Zorn verdienet" hat? Weil sie den tausendfachen sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester so lange verheimlicht und verharmlost hat; weil sie geglaubt hat und manchmal immer noch glaubt, sie müsse sich nur ducken, bis der Sturm vorübergeht; weil sie immer wieder die Schuld auf andere schiebt oder darauf verweist, dass sich auch andere, nicht nur Priester, schuldig gemacht haben; weil sie zur radikalen Umkehr bisher nicht fähig ist.
Änderungen im System Kirche
Die Kirche kann sich nicht mit dem Hinweis aus der Verantwortung ziehen, dass sich neunzig Prozent aller Missbrauchsfälle außerhalb der Kirche ereignen, im familiären Umfeld vor allem. Sie muss fragen, wie sie selbst Schuld an den Missbrauchsskandalen trägt - weil sie das menschliche Verlangen nach reifer Intimität so radikal negiert. Es hat sich gezeigt, dass viele Priester, die Minderjährige missbrauchen, in ihrer sexuellen Entwicklung auf der Stufe eines 13-Jährigen stehengeblieben sind. Das lässt sich nicht mit Beten ändern; das verlangt Änderungen im System Kirche.
Sexueller Missbrauch ist Marter, sexueller Missbrauch ist Schändung. Die Missbrauchsskandale sind die Dornen in der Dornenkrone. Sie sind die Spucke im Angesicht dessen, den die Christen als Gott verehren. Die Kirche muss also mit sich selbst ins Gericht gehen. Sie muss sich selbst schuldig bekennen - und sich dann aus dieser Schuld zu befreien versuchen. Ein konstruktives Misstrauensvotum wie in der Politik, mit dem die Gläubigen die schuldig gewordene Hierarchie abwählen und durch eine neue ersetzen könnten, gibt es in der Kirche nicht. Es gibt nur den Glauben an den Ostersonntag. Aber dieses Ostern der Kirche, die Auferstehung des Vertrauens, kommt nicht von selbst.
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(SZ vom 01.04.2010/segi)
Analyse des DFB-Kaders
Der Artikel ist nicht schlecht.
Aber es fällt trotzdem auf, dass die über die Kirche immer äußerst kritisch schreiben und z. B. über den Islam peinlich devot.
Woher kommt dieses Ungleichgewicht?
Der gute Herr Prantl! Erklärt die kath. Kirche kurzerhand für moralisch insolvent. Bankrott schreibt er nicht, aber genau das meint er. Wegen der Missbrauchsfälle muss die Kirche also Bankrott anmelden, behauptet Herr Prantl. Bei wem eigentlich? Bei der obersten Instanz etwa? Bei dem, der nach christlichem Glauben die Kirche gegründet hat? Dem sind solche Milchmädchen-Rechnungen wohl zu einfach. Der schaut wahrscheinlich viel genauer hin als Herr Prantl. Und vermag gerechter zu urteilen.
Fakt ist, dass die Kirche Schuld auf sich geladen hat, allen voran die Geistlichen, die Kinder missbraucht haben. Die Kirchenoberen, die Bischöfe und ihr Verwaltungspersonal, die nicht scharf genug durchgegriffen haben. Die Kirche hat allen Grund, Buße zu tun. Herr Prantl müsste allerdings wissen, dass mittlerweile die gesamte Kirche als Verbrecherorganisation diffamiert wird. Er ignoriert aber geflissentlich, dass manche eine Art Sippenhaftung einführen und die moralisch insolvente Kirche moralisch hart bestrafen wollen.
Wenn nun die Kirche versagt hat, wer sind dann die moralisch glaubwürdigen Institutionen und Personen? Die forsche Bundesjustizministerin etwa, die für den Missbrauch innerhalb der kath. Kirche und das Verhalten der Bischöfe scharfe Worte gefunden hat? Hat sie sich ebenso deutlich in Sachen Odenwaldschule geäußert? Hat sie auch die Kinder, die in Sportvereinen missbraucht worden sind, in Schutz genommen und die Verantwortlichen zur Ordnung gerufen? Davon habe ich in der Presse nichts gelesen.
Fakt aber ist: Wenn es um eine Sperre von Kinderpornographie im Internet geht, erweist sich diese Dame als höchst handlungsunwillig. Angeblich geht es ihr darum, diese schändlichen Seiten ganz zu löschen, wohl wissend, dass sie als Vertreterin des deutschen Staates gar nicht die Macht hat, all den kinderpornographischen Schund im WorldWideWeb zu löschen. Und was hat Frau Leutheusser bisher unternommen, damit sie diesem Ziel auch nur einen einzigen Schritt näher kommt? Bis sich die Staaten auf ein gemeinsames Vorgehen geeignet haben, muss man wohl auf den St. Nimmerleinstag warten. Also bleibt alles beim Alten. Und das soll moralisch integer sein?
Herr Prantl hat natürlich das Recht, die kath. Kirche zu kritisieren. Er hätte aber auch die Pflicht gehabt, die gesamtgesellschaftliche Situation kritisch zu beleuchten. Das jedoch hat er unterlassen. Weil es da nichts zu kritisieren gibt?
Noch ein bißchen Mathematik.
Wenn die Kirche relativiert, daß nur 10% der Mißbrauchsfälle in kirchlichen Gemeinschaften / Einrichtungen passieren und 90% im familiären Umfeld, dann ist das sehr erschreckend!
Es gibt 9 Milliarden Menschen, d.h. ca. 900 Millionen "familiäre Umfelder" / Familien. Dann passieren 1% der Fälle in 10 Millionen "Familien".
Schätzen wir die kirchlichen Internate / Schulen etc. weltweit auf 1 Million, dann passieren 1% der Fälle in 100 Tausend Einrichtungen. Also 1*10^7 / 1*10^5 = 1*10^2 oder 100.
Das bedeutet, daß die Wahrscheinlichkeit für ein Kind mißbraucht zu werden, in einer kirchlichen Einrichtung 100 mal so groß ist, wie die im familiären Umfeld.
Die Relativierung auf 10% kling beruhigend wenig, aber wenn man das mathematisch ausdrückt, bedeutet es ein 100 faches Mißbrauchsrisiko, das Kinder in einer kirchlichen Einrichtung, verglichen mit einer Familie, in Wirklichkeit eingehen und das ist unerträglich hoch.