Missbrauchsskandal "Unbedeutendes Geschwätz dieser Tage"

Der Vatikan ist überraschend vom üblichen Ablauf der Ostermesse abgewichen, um sich mit dem Missbrauchsskandal auseinanderzusetzen. Allerdings war die Botschaft eine andere als von den Opfern erwartet.

Während der Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche die Osterpredigten in Deutschland bestimmte, hat Papst Benedikt XVI. zu dem Thema geschwiegen. Der Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, wich dagegen vom Protokoll ab, um sich hinter den Papst zu stellen, der wegen des Skandals mehrfach persönlich angegriffen worden war.

"Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit Dir und wird sich nicht von dem unbedeutenden Geschwätz dieser Tage beeinflussen lassen", sagte Angelo Sodano unter dem Jubel der Anhänger des Papstes, die trotz des regnerischen Wetters auf den Petersplatz gekommen waren.

Benedikt selbst sprach in seiner anschließenden Osterbotschaft diverse politische Konflikte an, bevor er seinen traditionellen Segen "Urbi et Orbi" spendete. Zu den Missbrauchsvorwürfen äußerte er sich aber wie schon bei den vorangegangenen Osterfeierlichkeiten nicht.

Der ungewöhnliche Auftritt Sodanos zeigt, wie sehr der Vatikan den Druck durch den Skandal spürt. Die katholische Kirche steckt in einer ihrer schwersten Krisen, seitdem in zahlreichen Ländern, darunter auch Deutschland, immer mehr Vorwürfe der Misshandlung und des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kirchenvertreter laut werden. Bereits zuvor hatte der Vatikan die Kritik an Papst Benedikt XVI. mit scharfen Worten zurückgewiesen und die öffentliche Berichterstattung in der Vatikan-Zeitung Osservatore Romano als "Diffamierungskampagne" bezeichnet.

Die Leiterin des US-Opferverbands SNAP, Barbara Blaine, bezeichnete Sodanos Rede als beleidigend. Den Opfern gehe es um Trost und Heilung. Ihre Aussagen sollten nicht als "unbedeutendes Geschwätz" abgetan werden.

"Menschen sind beschädigt worden"

In Deutschland dagegen bestimmte das Thema Kindesmissbrauch die Inhalte der Osterpredigten. In Augsburg rief Bischof Walter Mixa zu Umkehr und Erneuerung auf. Es müsse ein neuer Weg eingeschlagen werden, sagte der Bischof im Augsburger Dom. "Über der Bischofskonferenz lag so etwas wie eine Bleidecke", sagte er. "Die ganze Kirche ist bedrückt."

Besonders erschütternd bei den Missbrauchfällen an Kindern in und außerhalb der Kirche sei, dass "gerade die kleinsten unter den Menschen" nicht geachtet worden seien. "Menschen sind beschädigt worden, man hat ihnen Böses angetan", sagte Mixa. "Es ist Buße zu tun."

Jeder Mensch müsse geachtet werden, "in körperlicher, geistiger und seelischer Hinsicht". Eine Umkehr und Erneuerung sei dringend notwendig. Dies sei möglich durch Jesus Christus.

Mixa nahm in seiner Predigt nicht Stellung zu den Misshandlungsvorwürfen gegen seine Person. Mehr als ein halbes Dutzend ehemalige Heimkinder hatten Mixa vorgeworfen, sie in seiner Zeit als Stadtpfarrer im bayerischen Schrobenhausen von 1975 bis 1996 geschlagen zu haben.

Auch der evangelische Landesbischof Markus Dröge ging in seiner Osterpredigt im Berliner Dom ausführlich auf die Missbrauchsfälle ein. Laut einer vorab verbreiteten Mitteilung zeigte sich der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz darüber "entsetzt, wie viele Schweigekartelle es gegeben hat und immer noch gibt".

Allerdings sei in den Enthüllungen der jüngsten Zeit nun eine österliche Hoffnung zu erkennen, denn die Opfer würden Mut finden. Dröge sagte: "Die Opfer fühlen sich nicht länger gezwungen, ihr Leiden zu verdrängen. Sie gewinnen Selbstvertrauen und Selbstachtung zurück."

Es seien immer neue Fälle bekanntgeworden, "wo Erwachsene Kinder missbrauchen für die Befriedigung ihrer eigenen Triebe". Über das Ausmaß menschlicher Verfehlungen sei man in diesen Wochen erschüttert. Aber, so führte Dröge weiter aus, "das Unrecht muss nicht länger im Verborgenen die Seele bedrücken".

"Verabscheuungswürdige Verbrechen"

Die Täter müssten konsequent verfolgt werden, forderte auch der amtierende Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider. Die Interessen der Opfer müssten mehr in den Mittelpunkt rücken.

Der katholische Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, bezeichnete die sexuellen Übergriffe durch Priester und Ordensleute als "verabscheuungswürdige Verbrechen". Die bekanntgewordenen Fälle müssten ein Impuls sein, erneut aufzustehen für unversehrtes Leben und die Heilung verletzter Seelen, sagte Fürst in Stuttgart in seiner Osterpredigt.

Als "besonders abscheulich" verurteilte der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich den Missbrauch von Kindern. Diese schrecklichen Taten wögen noch schlimmer, wenn sie in der Kirche geschähen, weil die Menschen mit Recht erwarteten, dass die Kirche Kinder als Gottes geliebte Geschöpfe achte und ihr Leben schütze, sagte der Bischof in München. Er versprach konsequente Aufklärung. Zugleich appellierte er an alle Christen, sich für die Menschenwürde von Kindern zu engagieren.

Aufgrund der Missbrauchsfälle braucht die Kirche nach Ansicht des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, einen Neuanfang. Die abscheulichen Verbrechen, die dunklen Seiten der Kirche sowie "die Dunkelheiten in uns" müssten in den Blick genommen werden, schreibt der Freiburger Erzbischof in seiner Osterbotschaft.

Trotz des Skandals sollten die Kirchenmitglieder jedoch engagiert für ihren Glauben eintreten, forderte Zollitsch: "Wer sich zurückzieht, fehlt der Kirche, wenn sie sich neu auf den Weg macht."