Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Leutheusser-Schnarrenberger warnt vor "halbherziger Aufarbeitung"

Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sendet nach der gescheiterten Untersuchung sexueller Übergriffe in der katholischen Kirche einen Appell an die Bischöfe. Die FDP-Politikerin nimmt das Kriminologische Forschungsinstitut in Schutz, das der Kirche versuchte Zensur vorwirft. Die Kirchenoberen kontern ihrerseits mit Kritik.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche wegen Differenzen mit dem untersuchenden Institut gestoppt, nun schaltet sich Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in die Causa ein. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung forderte sie die Kirchenoberen zum Handeln auf. "Der Vorwurf, Zensur und Kontrollwünsche behinderten eine unabhängige Aufarbeitung, sollten durch den Vorsitzenden der Bischofskonferenz schnell aus der Welt geschafft werden", sagte sie.

Gleichzeitig betonte die stellvertretende FDP-Vorsitzende ihre Wertschätzung für das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), das die Missbrauchsfälle untersuchen sollte. Die Einrichtung sei eine "der ersten Adressen, um eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung auf Grundlage der Personalakten seit 1945 vorzunehmen", sagte die Ministerin.

Leutheusser-Schnarrenberger appellierte an die Kirche, die Missbrauchsfälle extern aufarbeiten zu lassen. "Es ist ein notwendiger und überfälliger Schritt, dass sich die katholische Kirche öffnet und erstmals kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Kirchenarchiven ermöglicht." Die dramatischen Erschütterungen des Jahres 2010 dürften nicht in einer "halbherzigen Aufarbeitung versickern", sagte die Liberale. Sie mahnte, sich ein Beispiel an anderen Ländern zu nehmen, in denen die Kirche sich unabhängiger wissenschaftlicher Aufarbeitung geöffnet habe.

Der Direktor des KFN, Christian Pfeiffer, hatte zuvor schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche erhoben. Das Projekt sei "an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Entgegen der ursprünglichen Vereinbarung habe die Kirche darauf beharrt, über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowie über die Auswahl der beteiligten Mitarbeiter mitbestimmen zu dürfen. Pfeiffer will nun eine eigene Untersuchung vorantreiben. Er rief dazu kirchliche Missbrauchsopfer auf, mit seinem Institut Kontakt aufzunehmen. Nachdem dieses bereits für eine andere Studie 500 Opfer von Missbrauch durch unterschiedliche Tätergruppen untersucht habe, sollten diese Ergebnisse mittels anonymer Befragung mit denen von Opfern kirchlichen Missbrauchs verglichen werden.

Die Kirche wies die Vorwürfe zurück und machte ihrerseits das KFN für das Scheitern verantwortlich. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Triers Bischof Stephan Ackermann, hatte die Aufkündigung damit erklärt, dass "das Vertrauensverhältnis zwischen dem Direktor des Instituts und den deutschen Bischöfen zerrüttet" sei. Vertrauen sei aber "für ein so umfangreiches und sensibles Projekt unverzichtbar". Die Bischofskonferenz werde sich einen anderen Partner für das Projekt suchen.

Widerspruch kam auch aus dem Erzbistum von München und Freising. "Von Zensurwünschen kann keine Rede sein", erklärte Generalvikar Peter Berr auf SZ-Anfrage. "Zensurwünsche entsprechen nicht dem Verständnis von Wissenschaftsfreiheit". Gleichwohl sei es der Erzdiözese München und Freising ein Anliegen darüber zu diskutieren, wie der "unbestreitbar vorhandene unbedingte Wille zur Aufklärung im Sinne der Opfer von Missbrauch mit der notwendigen Sorgfaltsverpflichtung sowie Fürsorgepflicht gegenüber kirchlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu vereinbaren" sei.

Die Sorge der Justizministerin, dass die Kirche die Missbrauchsfälle nicht umfassend aufarbeiten könnte, hält Beer für unberechtigt: "Das Erzbistum München und Freising hält am eingeschlagenen Weg und dem unbedingten Willen zur Aufklärung fest".