Zu oft noch legt die Kirche den Mantel gnädigen Schweigens über die Sünder. Aber: Sie darf nicht warten, bis sich ein Täter selbst anzeigt. Es geht nicht um den schönen Schein, es geht darum, dass nicht noch ein Kind missbraucht wird. Gehorsam und Demut dürfen nicht wichtiger sein als kritisches Denken und Rückgrat.

Anzeige

Doch die Kirche windet sich. Hohe Würdenträger relativieren den Missbrauch, indem sie darauf verweisen, dass vieles schon lange her und deswegen verjährt sei. Viele erklären, sie hätten nichts gewusst. Nun soll es der Papst richten und sich mit Deutschland befassen - als wenn einzig aus dem Vatikan Aufklärung kommen könnte.

Das Krisenmanagement erschöpft sich in diesem Ruf nach Rom. Sonst fällt den Verantwortlichen nicht sehr viel ein. Es drängt sich das Gefühl auf, dass wichtiger als die Aufklärung immer noch ist, wer wem etwas sagen darf - zum Beispiel wenn sich der oberste Benediktiner Notker Wolf und der Münchner Erzbischof Reinhard Marx darüber streiten, wer die Leitung des Benediktinerklosters Ettal zum Rücktritt zwingen durfte.

Mittlerweile bemüht sich der Staat stärker um Schadensbegrenzung als die Kirche. Bundes- und Landesministerinnen wie Annette Schavan, Kristina Schröder und Beate Merk fordern Konsequenzen oder schlagen die Einrichtung runder Tische vor. Es sind fast verzweifelte Aufrufe an eine Gemeinschaft, die sich zunehmend nur noch mit sich selbst beschäftigt.

Die katholische Kirche reagiert selbst auf leise Kritik mit höchster Erregung. Ultimativ wurde eine Entschuldigung gefordert, als Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger anmerkte, die Kirche müsse bei Missbrauch besser mit den Staatsanwälten zusammenarbeiten. Und der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller wirft Kritikern schlicht vor, sie versuchten, die Kirche zu kriminalisieren. Es sind Totschlagargumente, die nur von Hilflosigkeit zeugen.

Dabei wäre eine Wertegemeinschaft wie die katholische Kirche in einer Zeit, in der alles beliebig und alles machbar erscheint, dringend nötig. Doch um mit ihren Mahnungen durchzudringen, bräuchte die Kirche Autorität. Sie müsste Teil der Gesellschaft sein, die sie kritisiert. Doch die Kirche verschanzt sich. So gewinnt sie nicht Autorität, sie verliert sie.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Der kirchliche Makel
  2. Sie lesen jetzt Denken statt Demut
Leser empfehlen 

(SZ vom 08.03.2010/woja)