Missbrauchsskandal Der exemplarische Fall des Paters G.

Die Pflicht zur Aufklärung endet nicht. Dazu gehört es auch, Selbstrechtfertigungen zu widersprechen, auf die Betroffenen zu hören und ihren Zorn zu respektieren.

Von Matthias Drobinski

Was man verdrängt, ist nicht weg. Man kann in der Tiefe des Ichs wegsperren, was man nicht sehen, wissen, spüren will - doch dort schlägt es Wurzeln, wächst und gebiert Albträume. Eines Tages ist es wieder da, schwarz, unheimlich, groß und erschreckend. Es bleibt und lässt sich nicht mehr vertreiben.

Das erlebt die katholische Kirche seit sechs Jahren. Über Jahrzehnte hat sie nicht sehen, wissen, spüren wollen, welche körperliche und sexuelle Gewalt Priester und Ordensleute den ihnen anvertrauten Kindern angetan haben. Sie hat weggesperrt, was zum Skandal hätte werden, was die Sexualmoral, den Zölibat oder die Strukturen kirchlicher Macht hätte infrage stellen können. Nun ist das Weggesperrte wieder da. Und wer von den Kirchenverantwortlichen gehofft haben mag, dass es vorübergeht, hat sich getäuscht.

Der einstige Pater Georg aus dem Benediktinerkloster Ettal, der sich an diesem Donnerstag vor Gericht verantworten musste, ist gar kein spektakulärer oder herausgehobener Fall, er ist exemplarisch in seiner fürchterlichen Durchschnittlichkeit. Drei Kinder habe er sexuell missbraucht, hat der ehemalige Internats-Präfekt voriges Jahr zugegeben, als er das erste Mal vor Gericht stand. Während der Prozess noch lief, berichtete ein weiterer Schüler, wie der Pater ihn auf den Schoß gezogen und sich dann befriedigt habe. Der zweite Prozess wird wohl nun aus der Bewährungs- eine Haftstrafe machen.

Der Skandal hört nicht auf, die Pflicht zur Aufklärung endet nicht

Ein Täter, der nur zugibt, was ihm nachzuweisen ist. Ein Kloster, das zunächst trotz des Geständnisses die Zeugen und Opfer penibel auf ihre Glaubwürdigkeit überprüfen ließ - um dann bitter zu erkennen, dass der Mitbruder sie zehn Jahre lang angelogen hat. Die Betroffenen, die erst laut werden müssen, bevor etwas passiert, die ihre Demütigung noch einmal im Kopf erleben müssen, bevor der Täter bestraft werden kann: In verschiedenen Konstellationen taucht das immer wieder auf, wo Fälle sexueller Gewalt offenbar werden. Und dass sie heute immer noch auftauchen, lässt ahnen, über wie vielen Fällen immer noch die Decke des Schweigens und Verdrängens liegt.

Der Skandal hört nicht auf. Nicht in der katholischen Kirche und auch nicht dort, wo es ihn in der evangelischen Kirche gegeben hat; nicht bei der Odenwaldschule oder den Grünen in Berlin. Und so endet auch die Pflicht zur Aufklärung nicht und auch nicht die Schuldigkeit, die Bedingungen und Strukturen zu überprüfen, die den Missbrauch möglich machten. Dazu gehört auch eine schonungslose und umfassende Aufarbeitung, wie sie die katholische Bischofskonferenz mit einem großen Wissenschaftsprojekt immerhin versucht. Dazu gehört, den Selbstrechtfertigungen zu widersprechen, wie sie der Reformpädagoge Hartmut von Hentig gerade erst geliefert hat. Dazu gehört, auf die Betroffenen zu hören, ihren Schmerz und Zorn zu respektieren.

Nur so wird irgendwann vorbei sein, was da an die Oberfläche gekommen ist.