Missbrauchsfälle in katholischer Kirche Das Schweigen der Hirten

Neue Details im Missbrauchsskandal um einen katholischen US-Priester: Kirchliche und staatliche Einrichtungen sollen die Opfer ignoriert haben. In Deutschland ist ein weiterer Fall bekannt geworden.

In den USA gibt es neue Enthüllungen über Missbrauchsfälle unter dem Dach der Kirche. Wie die New York Times berichtet, haben sich mehrere gehörlose Jungen, die in den vergangenen Jahrzehnten von einem katholischen Priester missbraucht wurden, an kirchliche und staatliche Behörden gewandt - vergeblich.

Dort sei man ihren Klagen nicht weiter nachgegangen. Die Gehörlosen hätten bei anderen Priestern, bei mehreren Bischöfen sowie bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft um Hilfe gesucht, schreibt das Blatt unter Berufung auf Dokumente und Aussagen der Missbrauchten.

In dem Fall geht es um bis zu 200 Missbrauchsopfer einer Gehörlosenschule im US-Bundesstaat Wisconsin. Im Mittelpunkt steht den Angaben zufolge der 1998 gestorbene Priester Lawrence Murphy. 1996 habe der Erzbischof von Milwaukee, Rembert G. Weakland, den damaligen Chef der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, in zwei Briefen informiert, der spätere Papst habe aber nicht geantwortet.

Vertreter des Vatikans vor US-Gerichten?

Der Osservatore Romano bestätigte in dem Leitartikel, dass Murphy sich 1998 auch selbst an Ratzinger wandte. In dem Brief habe er mit Verweis auf seine angeschlagene Gesundheit darum gebeten, ein kricheninternes Verfahren gegen ihn einzustellen. Auf das Schreiben reagierte demnach Ratzingers damaliger Stellvertreter Tarcisio Bertone. Er habe den Erzbischof von Milwaukee darum gebeten, in dem Fall eine "Wiedergutmachung" zu erreichen.

Murphy hatte laut New York Times von 1950 bis 1974 in der Schule für gehörlose Kinder gearbeitet. Nach den Vorwürfen wurde er versetzt, durfte aber weiter mit Kindern arbeiten. Die Zeitung stützt sich auf Dokumente, die sie von Anwälten von Missbrauchsopfern erhielt. Murphy starb 1998, ohne dass er je seines Kirchenamtes enthoben wurde.

"Dieser Mann hätte für lange Zeit im Gefängnis sein sollen", klagte ein Opfer. "Pater Murphy dachte dauernd an Sex mit Kindern, und er ist damit durchgekommen."

Demnächst könnten möglicherweise auch Vertreter des Vatikans vor US-Gerichte geladen werden. Bei Bundesgerichten in zwei Bundesstaaten lägen derzeit Missbrauchsklagen gegen den Kirchenstaat vor, schreibt die Washington Post . Zunächst habe aber der Supreme Court über diese Klagen zu entscheiden. Auch die Regierung habe ein Wort mitzureden, ob der Vatikan als ausländischer Staat Immunität genießt.

Neuer Missbrauchsverdacht im Bistum Osnabrück

Unterdessen ist im katholischen Bistum Osnabrück ein neuer Missbrauchsverdacht gegen einen Geistlichen bekanntgeworden. Ein Priester aus dem Emsland sei von seinen Ämtern entbunden worden, sagte ein Sprecher der Diözese. Der Geistliche habe am Freitag in einem Gespräch mit Bischof Franz-Josef Bode die Vorwürfe eingeräumt und sich auch der Staatsanwaltschaft gestellt. In einem Brief an die Gemeinden schrieb Bischof Bode, er sei erschüttert und voller Trauer über diesen Fall: "Vertrauen ist gebrochen. Es ist schwer, die Gedanken und Gefühle zu ordnen. Auch darum ist es gut, dass eine unabhängige Instanz das Geschehene prüft." Das Opfer des Priesters hatte sich bei der Bistumsleitung gemeldet.

Kurienkardinal fordert "Großreinemachen"

Umkehr und Buße tun - vor dem Hintergrund der zahlreichen Missbrauchsfälle in aller Welt muss die katholische Kirche nach Ansicht des deutschen Kurienkardinal Hans Kaspers verlorenes Vertrauen wiedergewinnen. Und das wiederum gehe nur mit einer "Kultur der Aufmerksamkeit und des Mutes und ein Großreinemachen". Der Weg der Erneuerung sei unumkehrbar, sagte Kasper der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera. Zugleich aber nahm er Papst Benedikt XVI. in Schutz. Dieser sei der erste gewesen, der die Notwendigkeit einer härteren Haltung gegenüber Tätern erkannt habe. Angriffe gegen ihn gingen über die Grenzen von Gerechtigkeit und Loyalität hinaus, sagte Kasper, der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ist.

Auch Vatikansprecher Federico Lombardi betonte in Radio Vatikan, die Autorität des Papstes sei durch die Missbrauchsskandale nicht erschüttert worden. Die Disziplinarbehörden des Vatikans hätten "Unterstützung und Führung der Bischöfe bei der Bekämpfung und dem Vernichten der Schande des Missbrauchs, wo immer sie geschieht, bestätigt". Die Art und Weise, in der sich die Kirche dem Problem stelle, sei entscheidend für ihre moralische Glaubwürdigkeit.