Missbrauchs-Debatte "Was ich lese, übersteigt mein Vorstellungsvermögen"

Sie bereitet die Entschädigungen für Missbrauchsopfer vor: Christine Bergmann spricht über schockierende Briefe und erklärt, warum Jugendarbeiter ein Führungszeugnis vorlegen sollten.

Interview: S. Höll und D. Stawski

Die SPD-Politikerin Christine Bergmann, war Bundesfamilienministerin und Berliner Bürgermeisterin. Nachdem eine Serie von Missbrauchsvorwürfen Kirchen und weltliche Träger der Jugendarbeit erschütterte, wurde die 70-Jährige von der Bundesregierung zur Beauftragten für Aufklärung, Prävention und Entschädigung ernannt. (Die kostenfreie Hotline lautet: 0800-22 55 530)

SZ: Was erfahren Sie von den Opfern?

Christine Bergmann: Ich sitze nicht an den Beratungstelefonen. Aber ich lese die Briefe, alle sehr eindringlich, oft handgeschrieben, manche 20 Seiten lang. Ich bin siebzig Jahre alt und glaubte zu wissen, wie es im Leben zugeht. Aber was ich nun lese, übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Die meisten wurden nicht nur ein Mal, sondern oft missbraucht, von einem Täter oder mehreren. Manche suchten Hilfe und fanden sie nicht. Ein Mann von 80 Jahren schrieb, er habe nur Ablehnung erfahren, sei als Nestbeschmutzer verunglimpft worden. Das geht unter die Haut.

SZ: Wer meldet sich bei Ihnen?

Bergmann: Manche Junge, viele Ältere. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 50 Jahren. Bei den meisten liegt der Missbrauch lange zurück. Mehr als die Hälfte von ihnen spricht bei uns das erste Mal über ihr Leid. Erst meldeten sich die, die in Institutionen missbraucht wurden. Inzwischen auch öfter solche, denen Leid in ihren Familien widerfuhr.

SZ: Worum bitten die Betroffenen?

Bergmann: Die Gesellschaft soll anerkennen, dass ihnen schlimmstes Unrecht widerfuhr. Sie wollen, dass die Täter und deren Schuld benannt werden. Und immer wieder kommt die Botschaft: Schützt die Kinder künftig besser.

SZ: Wie können Sie helfen?

Bergmann: Die Fachleute am Telefon führen intensive Gespräche; manchmal dauern sie zwei Stunden. Wir versichern, dass die Berichte einfließen in die Arbeit des runden Tisches. Die Erfahrung der Betroffenen, die ja Expertinnen und Experten sind, ist wichtig für die Erarbeitung von Empfehlungen. Wir können keine Therapie anbieten, auch keine Rechtsberatung. Aber wir nennen Adressen, an die man sich wenden kann.

SZ: Was fordert man von der Politik?

Bergmann: Da ist der Wunsch nach leichterem Zugang zu Therapien und Beratung. Und nach Verlängerung der Verjährungsfristen. Manche wollen sie ganz aufgehoben sehen.

SZ: Künftig soll es für Institutionen verbindliche Regeln zum Umgang zwischen Kindern und Erwachsenen geben.

Bergmann: Wir brauchen solche Regeln unbedingt. Ich plädiere auch für die Einführung eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses für Menschen, die mit Kindern arbeiten. Ich verstehe die langen Diskussionen darüber nicht. Niemand wird unter Generalverdacht gestellt, sondern der Kinderschutz wird verbessert.

SZ: Die Debatte um Missbrauchsfälle wird leiser. Schwindet das Interesse der Öffentlichkeit?

Bergmann: Ich hoffe nicht. Als die spektakulären Fälle aus kirchlichen und weltlichen Einrichtungen bekannt wurde, war die Diskussion sehr intensiv. Jetzt geht es eher um Konsequenzen aus diesen Vorfällen, das ist sehr notwendig, aber nicht mehr so aufsehenerregend. Und es gibt das Bedürfnis, nicht mehr so viel über diese schrecklichen Vorfälle und das lange Verschweigen zu hören. Missbrauch ist kein angenehmes Thema, stimmt. Aber gerade deshalb muss man weiter darüber reden. Das dient dem Schutz der Kinder.

SZ: Kampf gegen Missbrauch ist nicht zum Nulltarif zu haben.

Bergmann: Es mangelt an Beratung, vor allem auf dem Land, vor allem für Männer. Viele Einrichtungen leben von Spenden, die nicht planbar sind, man muss sie absichern. Gerade jetzt suchen mehr Missbrauchte Rat, mehr Institutionen Fortbildung.