Verunsicherte Gläubige, ein Erzbischof, der "Aufklärung und Aufarbeitung" fordert - doch was denkt der Vatikan? Das offizielle Sprachrohr schreibt nun: die Kritik sei "übertrieben".
Es ist keine Frage des Glaubens, sondern der Glaubwürdigkeit: Einer Emnid-Umfrage zufolge geben 67 Prozent der deutschen Katholiken an, dass die katholische Kirche durch die jüngsten Aufdeckungen von Missbrauchsfällen an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, in der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil bei 71 Prozent.
Papst Benedikt XVI. predigte 2006 an alter Wirkungsstätte im Dom von Freising. Nun holt ihn die Vergangenheit ein weiteres Mal ein. (© Foto: dpa)
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Die in der Bild am Sonntag veröffentlichten Zahlen spiegeln sich in der immer lauter werdenden Kritik der Basis: Die Laienbewegung "Wir sind Kirche" hält inzwischen eine Entschuldigung von Papst Benedikt XVI. für überfällig. "Wir sind enttäuscht, dass der Papst bisher kein mitfühlendes Wort für eine Bitte um Vergebung und Versöhnung gefunden hat", sagte "Wir sind Kirche"-Sprecher Christian Weisner am Samstag.
Es gehe niemandem um Rücktrittsforderungen an den Papst. "Aber ein Zeichen der Buße und Umkehr von oberster Stelle ist nötig." Erklärungsbedarf des Papstes sieht die kirchenkritische Reformbewegung auch für dessen Zeit als Münchner Erzbischof von 1977 bis 1982.
Erzbischof Marx: Täter sollen sich "Verantwortung stellen"
Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, kündigte eine umfassende Aufarbeitung und Gerechtigkeit für die Opfer an. Marx sagte Bild am Sonntag: "Unsere Linie ist: Aufklärung und Aufarbeitung! Die Täter müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Den Opfern soll Gerechtigkeit widerfahren. Wir sehen uns darin von Papst Benedikt XVI. bestärkt." Marx fügte hinzu: "Wir wollen uns gemeinsam mit anderen Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen der vor uns liegenden Aufgabe stellen, Missbrauch zu verhindern, die Prävention zu verstärken und die Sorge um das Wohl der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen."
Der Erzbischof zeigte sich bestürzt über die bekanntgewordenen Vorfälle: "Als Volk Gottes erschrecken wir darüber, dass in unserer Mitte diese schrecklichen Vergehen passiert sind. Es gilt, diese schwere Stunde der Kirche als geistliche Herausforderung zu sehen."
Vatikanzeitung: Kritik ist "übertrieben"
In ihrer Sonntagsausgabe setzt sich die Vatikanzeitung Osservatore Romano gegen Angriffe auf die katholische Kirche und ihre Leitung zur Wehr. Es werde mit "Verbissenheit" versucht, Missbrauchsfälle als besonders häufig in der Kirche darzustellen. Dabei sei sie diejenige Institution, die am klarsten gegen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen vorgehe, heißt es in einem Gastkommentar von Giuseppe Versaldi auf der Titelseite. Versaldi, Mitglied des vatikanischen Obersten Gerichtshofs der Signatur und Bischof im italienischen Alexandria, verurteilte die Kritik an seiner Kirche im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen als "übertrieben". Die These, das Zölibat sein eine der Ursachen für Pädophilie, wies er ab und betonte: "Es ist erwiesen, dass keinerlei Kausalzusammenhang besteht."
Darüber hinaus sei sexueller Missbrauch, so Versaldi, bei Nichtklerikern und Verheirateten verbreiteter als bei ehelos lebenden Geistlichen. Priester, die pädophile Vergehen begangen hätten, hätten auch schon zuvor Probleme mit ihrer Ehelosigkeit gehabt.
Neue Missbrauchsfälle bekannt
Am Samstag hatten verschiedene Medien neue Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen ans Tageslicht gebracht. Der Spiegel berichtet, dass es im Internat der Regensburger Domspatzen noch bis mindestens 1992 zu sexuellen Übergriffen auf Schüler gekommen sei. Zuvor waren nur Fälle aus den 50er und 60er Jahren bekannt. Ein ehemaliger Internatsschüler berichtete von Vergewaltigungen durch ältere Schüler und Analverkehr zwischen Schülern in der Wohnung eines Präfekten.
Die Mittelbayerische Zeitung berichtet von Übergriffen auf Schüler durch Benediktiner im Internat des Klosters Plankstetten zwischen 1965 und 1967. Der Abt des Klosters bestätigte, dass 1967 ein Bruder des Klosters verwiesen wurde, von den Vorkommnissen höre er aber zum ersten Mal. Ein ehemaliger Schüler berichtete von Übergriffen im Schlafraum, im Sportunterricht, beim Spaziergehen oder beim Duschen. "Fünf oder sechs Buben" sei es genauso ergangen.
Der Donaukurier berichtete von Fällen in Ingolstadt und Eichstätt. Ein ehemaliger Schüler der Wirtschaftsschule sagte dem Blatt, er sei in den 1970er Jahren im Ingolstädter Kolpinghaus von einem Mitarbeiter der Einrichtung sexuell missbraucht worden. Auch im Ingolstädter Canisiuskonvikt und im Eichstätter Studienseminar soll es zu sexuellen Übergriffen auf Schüler gekommen sein.
Auch im Oldenburger Münsterland gibt es nun Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.Die Fälle stammten aus den 50er und 60er Jahren, sagte ein Sprecher des Offizialats im niedersächsischen Vechta am Samstag und bestätigte einen Bericht der Nordwest-Zeitung.
Instrumentalisierung gegen den Papst
Die Süddeutsche Zeitung hatte aufgedeckt, dass während der Amtszeit Joseph Ratzingers als Erzbischof von München und Freising ein wegen Kindesmissbrauchs vorbelasteter Priester in der Gemeindearbeit eingesetzt worden war. Einem Bericht der Mailänder Zeitung Corriere della Sera zufolge hatte Rom mit einer solchen Enthüllung gerechnet.
Kaum habe die Süddeutsche Zeitung Informationen zu dem Vorfall veröffentlicht, sei die Darstellung der Diözese zu den Vorgängen im Internet aufgetaucht "und sofort von Pater Lombardi wiederholt worden", so das Blatt. Im Vatikan spreche man von einer "klaren, gegen den Papst gerichteten Instrumentalisierung" des deutschen Skandals um sexuellen Missbrauch.
Der Vatikan wandte sich entsprechend deutlich gegen direkte Angriffe auf den Papst: "In den letzten Tagen gab es einige, die mit einer gewissen Verbissenheit in Regensburg und in München nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchsfragen mit hineinzuziehen", sagte Sprecher Federico Lombardi in Rom. Diese Versuche seien jedoch gescheitert, meinte Lombardi.
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Krankenkassen
in der katholischen Kirche predigte und uns 8-jährige explizit auf das Gebot der "Keuschheit" hinwies und diese in der Beichte abfragte, wurden in der Nachbargemeinde 3 Pfarrer gewechselt (in der SZ stand etwas von Austraghäußl pädophiler Pfarrer - treffende Bezeichnung). Einer von vielen Fällen, die die SZ "medial als Kampagnie aufbauscht" - diese Rhetorik mag der letzte Rettungsanker einer Organisation am Abgrund sein - für mich zementiert sie ihre Unglaubwürdigkeit und wirft einmal mehr die Frage auf, darf der Staat eine solche "Organisationen" finanziell unterstützen? Mehr als weihevolle Wortblasen werden von Seiten der Kirche wohl niemals folgen, darum kann man die Macht dieser "Organisation" nur finanziell beschneiden.
LvB@
Was die Erfahrungen bei den Domspatzen betrifft, muss ich ihnen ein wenig wiedersprechen. Einer meiner engsten Freunde, war bei den Domspatzen, und äußerte sich zwar lobend über Georg Ratzinger, erwähnte aber auch, dass dieser sehr berühmt und auch gefürchtet war, für seine cholerischen Ausbrüche. Da gab es nicht nur mal eine Ohrfeige, sondern es ist auch mal ein Stuhl, bei falsch Singen, in den Chor geworfen worden. Kinder wurden auch offen, vor den anderen erniedrigt, z.B. mit diskriminierenden Spitznamen.Wer nicht wirklich musikalisch war, konnte bei ihm auch eine schwere Zeit haben.
Doch man sollte bestimmte grausame Vorfälle, nicht Georg Ratzinger in die Schuhe schieben wollen.Denn an für sich muss er wohl als Chorleiter ein aufrechter Mensch gewesenen sein.Vielleicht nicht die Idealbesetzung für einen Kinderchor, aber wo gibt es schon Idealbesetzungen, für Leitungsposten in der r.k. Kirche.
Auch wenn mein Freund für vieles dankbar ist, was er von den Domspatzen mitnehmen konnte, so äußerte er sich über manches erlebte dort, nur sehr einsilbig, und sprach auch davon, dass einige Präfekten dort, richtige Schweine und Sadisten waren. Natürlich immer nur dann, wenn z.B. Herr Ratzinger gerade nicht anwesend war. Über vieles erlebte schweigt er sich ganz aus. Er sagte mir nur einmal, und diese war lange vor der Medienwelle, dass manches was dort passiert ist, furchtbar gewesen ist, und Kindern dort auch schreckliche Dinge angetan wurden. Er war er Domspatz in den 80er und 90er Jahren.
Ehrlich gesagt, würde ich mich als Papst auch zurück halten, denn was kann man zu solchen Scheußlichkeiten noch sagen. Klingt ja alles wie glatter Hohn! Auf Kommentare von der Seite jeglicher Art kann man verzichten. Wer erwartet denn im Ernst, dass er sich von der Institution Kirche distanziert, was er eigentlich müsste, weil noch längst nicht alles in die Öffentlichkeit gelangt ist.
Und es ist absoluter Blödsinn zu behaupten, dass die Zeit Wunden heilt, und dann alles wieder gut wird! Nichts wird wieder gut! Es bleiben immer Narben zurück, die die Opfer behindern.
Und die Aussage, dass irgendeiner dieser Typen immer so nett war und ein Neckopfer. Ja, wenn man den Leuten ihre kriminellen Handlungen ansehen würden, dann könnten sie ja nicht jahrelang das tun, was sie tun. Was für ein bescheuerter Kommentar!
Dass sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche und auch in anderen kirchlichen Einrichtungen stattfindet, die nicht katholisch sind, sind alleine mir schon seit dreißig Jahren bekannt. Ich habe in meinem Umfeld selbst immer wieder auf Merkwürdigkeiten hingewiesen und auf "bemerkenswerte" Äußerungen von Betroffenen, die Angst hatten mit zu teilen, was wirklich vorgefallen war. Ein Exfreund von mir und sein Bruder haben verdruckst von Vorfällen in der katholischen Jugendgruppe berichtet, von merkwürdigen Aufklärungsmethoden der Verantwortlichen. Beide waren in psychotherapeutischer Behandlung, in der man das Thema auch nicht anschauen wollte, weil auch nur wenige Psychologen damit umgehen können, vor allem nicht, wenn eine anscheinend immer noch derart machtvolle Institution wie die katholische Kirche darin verwickelt ist. Beide haben Selbstmordversuche hinter sich, mein Exfreund hatte leider Erfolg.
Niemand hat einem damals zugehört. Ich verstehe nicht, warum immer noch so viele Menschen die Augen vor dem Offensichtlichen verschließen. Vielleicht fällt es mir als Scheidungswaise, deren Eltern von der katholischen Kirche exkommuniziert worden sind, und die damals, wie viele andere Scheidungswaisen heute noch, von katholischen Einrichtungen und Anhängern diskriminiert und diskreditiert wurde, leichter, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen.
Das Umfeld, in dem die Kinder dort leben oder sich zeitweise aufhalten, ist genauso geprägt, wie Missbraucher es benötigen: Abgeschlossen, abgeschirmt und das ganze unterstützt von entsprechend blind gläubigen Eltern, die ihre Kinder, wären sie nicht so gläubig, eher in offeneren Institutionen unterbringen würden. Von diesen Eltern erfahren Missbrauchsopfer ebenfalls keine Unterstützung - wie denn auch, wenn sie nicht hinschauen (können).
Ich fasse es einfach nicht, dass die bereits erfassten und bewiesenen Täter immer noch nicht inhaftiert sind! Jeder andere bewiesene Sexualstraftäter landet im Kittchen. Ich bin der Auffassung: "Rein mit den Tätern und lasst sie nie wieder raus!" Gerechtigkeit gibt es in solchen Fällen nicht, denn die Opfer sind ein Leben lang gestraft. Warum sollen die Täter das nicht auch sein?
Ehrlich gesagt, würde ich mich als Papst auch zurück halten, denn was kann man zu solchen Scheußlichkeiten noch sagen. Klingt ja alles wie glatter Hohn! Auf Kommentare von der Seite jeglicher Art kann man verzichten. Wer erwartet denn im Ernst, dass er sich von der Institution Kirche distanziert,
Zwei Cousins meiner Frau waren zur Zeit von Georg Ratzinger Schüler im Domspatzengymnasium in Regensburg. Sie schildern die Zustände dort deutlich anders, als es jetzt in der Presse dargestellt wird.
Georg Ratzinger war nach ihren Aussagen wegen seiner Gutmütigkeit eher ständiges Neckopfer der Schüler. Einmal wurde ihm von Schülern sogar der Stuhl weggezogen, worauf Georg Ratzinger stürzte und eine Gehirnerschütterung erlitt. Einer der beiden Buben hat einmal beide Ratzinger-Brüder im Flur des Domspatzengymnasiums flach gelegt, als er rennend um die Kurve bog und dabei die im Gespräch vertieften Josef und Georg Ratzinger frontal umrannte.
Die beiden Buben (jetzt erfolgreich als Gymnasiallehrer bzw. Dipl.-Ing.) äußerten übereinstimmend: Wenn es einmal eine Watschn gab, dann war sie voll berechtigt und war uns jedenfalls lieber als stundenlanges Strafarbeit schreiben. Sie schildern ihre Zeit bei den Domspatzen noch heute als eine ihrer schönsten Jugendjahre. Es war halt noch eine andere Zeit, in der Schülergewalt auf unmittelbare Lehrergewalt (Watschn, Ohrenziehen etc.) stieß. Und die wenigsten auf beiden Seiten hatten dabei ein gestörtes Gerechtigkeitsempfinden. Und die Eltern schon gleich gar nicht. Wenn ihre Kinder zuhause von einer erhaltenen Watschn erzählten, setzte es gleich noch eine hinterher.
Ohne vorsätzlich begangene Straftaten in kirchlichen Einrichtungen verharmlosen zu wollen, darf daher bei der Beurteilung einiger heute aufgetischten Misshandlungsgeschichten getrost von Übertreibung und Wichtigtuerei ausgegangen werden.
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