Misereor-Chef zur Hungerkrise in Ostafrika Dürre im Hirn

Haben wir gar nichts dazugelernt? Schon 1984 gab es in Afrika eine "Jahrhundertkatastrophe", waren abgemagerte Menschen in allen Medien. Es zeigte sich, dass nicht nur der ausbleibende Regen schuld ist an dem Leid, sondern auch der Mensch. Doch vorbeugende Maßnahmen sind eben nicht beliebt, obwohl sie kostengünstig sind. Soforthilfe ist spektakulär - aber sie kommt zu spät.

Gastbeitrag von Martin Bröckelmann-Simon

Sind wir eigentlich zu dumm? Jeder Mensch lernt auf der Grundlage seiner früheren Erfahrungen. Er muss aber auch fähig sein, sich zu erinnern und vorher erworbenes Wissen abzurufen. Schon einmal - 1984 - war der Hunger in Afrika als "Jahrhundertkatastrophe" groß in unseren Schlagzeilen, erreichten Bilder von abgemagerten Menschen die Weltöffentlichkeit. Schon einmal wurde über die Ursachen des Hungers debattiert und philosophiert. Erschreckend ist: Die heutigen Analysen der Ursachen decken sich mit der von damals. Haben wir denn gar nichts dazugelernt?

Extreme Trockenheit gibt es immer wieder in Ostafrika. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden am Horn von Afrika insgesamt 18 Hungersnöte gezählt. Sie sind vor allem zurückzuführen, dass die dort lebenden Viehhalter die immer wiederkehrende Dürre kaum verkraften. Sie machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus und sind halbnomadisch, das heißt sie verbringen nur einen Teil des Jahres in festen Wohnsitzen.

Im Nordosten Kenias etwa gab es im 20. Jahrhundert alle fünf bis acht Jahre Dürrezyklen. Nicht selten starb in den Jahren der Trockenheit die Hälfte der Viehbestände. In der Regel reagieren Hirtenvölker auf solche Erfahrungen "betriebswirtschaftlich" durchaus rational, indem sie zwischen den Dürrejahren möglichst große Herden anlegen, um dann während der Dürre einen Teil ihrer Tiere zu verkaufen.

Aus ökologischer Sicht ist das allerdings zunehmend problematisch, weil das Weideland zu stark beansprucht wird. Vor allem der Klimawandel verschärfte zuletzt die Krise dramatisch: Die wiederkehrenden Dürren beschränkten sich im vergangenen Jahrhundert meist auf ein Jahr. In den letzten fünf Jahren aber blieb in vielen Regionen am Horn von Afrika drei bis vier Mal die kurze Regenzeit, die normalerweise zwischen Oktober und Dezember herrscht, ganz aus. Die lange Regenzeit war zum Teil erheblich verkürzt. Hinzu kamen zunehmende Konflikte um Wasser und Land - auch aus kommerziellen Gründen.

Was folgte dieser Warnung? Nichts!

Die jetzige Krise kam nicht überraschend. Schon vor einem Jahr haben die internationalen Frühwarnsysteme Alarm geschlagen. Und laut der FAO hätten bereits im Januar 2011 in Ostafrika schon 6,3 Millionen Menschen Nothilfe benötigt. Und was folgte dieser Warnung? Nichts!

Darin zeigt sich eine doppelte Problematik. Zum einen wird die Welt erst aufmerksam, wenn die emotionale Wucht der Hungerbilder groß genug ist. Zum anderen ist es dann eigentlich schon zu spät.

Vorbeugende Maßnahmen sind zwar stets kostengünstiger als humanitäre Soforthilfe - man spricht von einem Verhältnis von eins zu sieben. Doch diese Arbeit lässt sich schwerer vermitteln, sie ist zu wenig spektakulär, die Veränderungen vollziehen sich zu langsam.

Verdienen Hungerflüchtlinge in den Lagern des somalischen Grenzgebiets mehr Beachtung als die kenianischen Pokot-Nomaden, die am gemeinsamen Bau von Wasserrückhaltetanks und der Organisierung von Wasserkomitees arbeiten? Niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen, Notsituationen in dieser Form miteinander zu vergleichen oder gar gegeneinander aufzurechnen. Aber dennoch werden die einen gegenüber den anderen bevorzugt.

Langfristige Entwicklungszusammenarbeit kann sich eben nur schwer mediale Aufmerksamkeit verschaffen. Die aktuelle Not in Ostafrika zeigt dabei erneut: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Allerdings sind es die Helfer, die zu spät kommen. Und die Strafe erleiden jene, die ohnehin schon die Schwächsten der Schwachen sind.

Hinzu kommt, dass die Schwachen auch die Rechnung dafür bezahlen müssen, dass über Jahre hinweg der ländliche Raum - und dabei vor allem die sehr spezifische Wirtschaftsweise der Viehhirten - systematisch vernachlässigt und beeinträchtigt wurden.

Massive zusätzliche Investitionen in Risikominderungsstrategien wären notwendig gewesen. Das hat schon die Tragödie von 1984 gezeigt. Aber bis heute kam es zu keiner hinreichenden Umsetzung.

Es fehlt an: wasserrückhaltenden Systemen, dem Aufbau regionaler Nahrungsmittelreserven. Es braucht Geld für staatlich geförderte Veterinärsysteme, die gezielte Subventionierung von Tierfutter und die systematische Planung und Instandhaltung von Weiderouten. Man hätte von den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte lernen können. Und man hätte um die Konsequenzen wissen müssen.

Hirtenvölker haben keine starke Lobby

Aber Hirtenvölker haben keine starke Lobby - ihre Lebensform wird von den Nationalstaaten und internationalen Organisationen oft als unflexibel und nicht offen für "moderne" Entwicklungsansätze gesehen. Sie gilt als archaisch und ihre Mobilität als unproduktiv. Rechte und Bedürfnisse von Viehhirten spielen weder in nationalen Entwicklungsstrategien (zum Beispiel in Kenia und Äthiopien) noch in den internationalen Geberstrategien eine angemessene Rolle.

Dabei zeigen Studien seit den 1990er Jahren zunehmend, dass Nomaden vielfach auf produktive, lokal angepasste Weise semiaride Gebiete nutzen, die ansonsten nicht bewirtschaftet werden könnten. Wandernde Tierhaltung ist in Trockengebieten (die in Kenia bis zu 80 Prozent des Landes ausmachen) produktiver als standortgebundene.

Dafür braucht sie natürlich Bewegungsfreiheit, die jedoch zunehmend eingeschränkt wird. Am Horn von Afrika ändern sich die Landnutzungssysteme rapide. Damit nimmt auch die Nutzungskonkurrenz bei Wasser und Land zwischen sesshaften Bauern und Nomaden zu. Ausländische Investitionen in Land und Rohstoffexploration verschärfen die Konflikte zusätzlich. Die kriegerischen Auseinandersetzungen und Grenzkonflikte tun ein Übriges - den Hirten bleiben damit immer weniger Wanderwege und Weidemöglichkeiten.

Schon einmal - nämlich 1984 - wurde festgestellt: Die entscheidenden Faktoren für eine Hungersnot sind politischer und sozialer Natur, sie sind beeinflussbar. Nicht der ausbleibende Regen macht die Not zur Katastrophe, sondern der Mensch. Und der scheint nicht lernen zu wollen. Die Dürre herrscht im Hirn.

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