Ausgeschlossen, dass sie etwas ausschließt: Hannelore Kraft war immer gegen eine Minderheitsregierung und wird nun doch Chefin einer solchen. Immerhin hat sie einen Fehler vermieden.
Hannelore Kraft schließt nichts, aber auch gar nichts aus. Zumindest nicht in ihrem politischen Leben. Natürlich ist nicht ganz auszuschließen, dass die nordrhein-westfälische SPD-Landeschefin ganz privat schon einmal ausgeschlossen hat, mit Jürgen Rüttgers ein Bier trinken zu gehen.
Bild vergrößern
"Wir sind in einer wichtigen Phase für Nordrhein-Westfalen. Wir müssen eine tragfähige, stabile Regierung bilden, keine Minderheitsregierung", sagte Hannelore Kraft nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen. Ausgeschlossen hat sie nichts. Das Foto zeigt sie bei Sondierungsgesprächen hinter verschlossenen Jalousien. (© ap)
Anzeige
In der Politik aber hat die Beinahe-Gewinnerin der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen und Vielleicht-bald-Ministerpräsidentin des Landes von Andrea Ypsilanti gelernt. Die hessische Parteifreundin hatte vor der Landtagswahl in Hessen im Jahr 2008 ein Bündnis mit den Linken ausgeschlossen und nach der Wahl ein Bündnis mit den Linken angestrebt. Diese Wende ging so dramatisch daneben, dass die einst hoffnungsvollste SPD-Politikerin sich von dieser Pleite wohl nie mehr erholen wird.
Wohl auch deshalb schloss Kraft, die derzeit hoffnungsvollste SPD-Politikerin, weder vor noch nach der Wahl irgendetwas aus. Eine Koalition mit den Linken genauso wenig wie eine rot-grüne Minderheitsregierung. Gleichzeitig ließ Hannelore Kraft keine Gelegenheit aus, zu betonen, wie wenig attraktiv ihr diese Möglichkeiten erscheinen: Die Linke ist pfui und eine Minderheitsregierung ist es auch.
Erst als die FDP bald nach der Wahl signalisierte, an einer Ampelkoalition kein Interesse zu haben, wagte sich die SPD-Landeschefin in Koalitionsgespräche mit der Pfui-Partei. Sie hatte ja nichts ausgeschlossen. Doch schon nach dem ersten Treffen stand für Kraft fest: "Wir sind zu der Einschätzung gelangt, dass die Linkspartei weder koalitions- noch regierungsfähig ist."
Ähnlich verhielt sich Kraft in Sachen Minderheitsregierung. Nach der Wahl, als klar war, dass Rot-Grün nur eine Stimme im Parlament für eine eigene Mehrheit fehlt, geisterte das Phantom Minderheitsregierung plötzlich durch die Medien und durch die Flure des politischen Betriebs in Düsseldorf und Berlin. Klar, Ampel, große Koalition, das waren die realistischen Optionen und die ausgesprochenen Favoriten der SPD. Aber Hannelore Kraft schloss nichts aus.
"Wir sind in einer wichtigen Phase für Nordrhein-Westfalen. Wir müssen eine tragfähige, stabile Regierung bilden, keine Minderheitsregierung, die von einer Tolerierung anderer abhängt", gab sie in einem Interview drei Tage nach der Wahl zu Protokoll. Die Sozialdemokraten buhlten dann hartnäckig um die FDP und hofften für einige Zeit sogar, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in der CDU zu entmachten und Kraft irgendwie zur Ministerpräsidentin einer großen Koalition machen zu können.
Doch als all diese Träume platzten und auch die Koalition mit den Linken, da wuchs der Druck aus der Bundespartei, doch eine Minderheitsregierung einzugehen. Denn solange die schwarz-gelbe Landesregierung in Düsseldorf noch im Amt ist, haben Union und FDP eine Mehrheit im Bundesrat. Am Montag ermunterte Parteichef Sigmar Gabriel seine Parteifreundin erstmals öffentlich, eine Minderheitsregierung in Erwägung zu ziehen - spätestens wenn der Bundesrat im Herbst über die Laufzeiten für Atomkraftwerke entscheidet.
Im Video-Interview mit sueddeutsche.de bereitete Kraft am Mittwoch dann ihre Kehrtwende in Sachen rot-grüner Minderheitsregierung rhetorisch vor. Eine Minderheitsregierung sei eine schwierige Situation. Das müsse man sich genau überlegen, sagt sie - und schiebt dann nach: "Es kann notwendig sein, wenn es um Inhalte geht. Es kann notwendig sein, wenn es darum geht, Schaden von Nordrhein-Westfalen abzuwenden. Dann muss man das tun."
Jetzt tut sie es. Ausgeschlossen hat es Hannelore Kraft ja nie.
- Minderheitsregierung Regieren in der Unterzahl 17.06.2010
- Nordrhein-Westfalen SPD plant Minderheitsregierung 17.06.2010
- Gabriel und Roth für NRW-Minderheitsregierung Nicht ohne die Roten 14.06.2010
- Koalitionspoker NRW ohne stabile Regierung 12.06.2010
- Hannelore Kraft Die Ja-aber-Frau 18.06.2010
- Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen Merkel wirft Kraft Verantwortungslosigkeit vor 12.06.2010
- Landtagswahl in NRW Wählt noch einmal! 11.06.2010
(sueddeutsche.de/bavo)
Szene München
Was kann Kraft?
"Die SPD ist wieder da"
Dieser Artikel ist für alle informativ, die die oberflächlichen Spekulationen des Autors über Befindlichkeiten unter den politischen Akteuren mehr interessieren als Aussichten auf reale Optionen, die NRW wieder auf einen erfolgversprechenden Weg bringen können.
So bleibt die Information genauso seicht wie die Versprechungen der nun mit wenig überraschenden Entscheidungen sich über Wasser haltenden "Kraft"truppe.
So bleiben unsere Blicke noch eine Weile von der grellen Bühnenbeleuchtung mit künstlichen Blitzlichtern vor der erschreckenden Wirklichkeit geschützt, die in uns alles andere wecken würde als die Lust, weiter zuzuschauen und nur kommentierend die Zeit zu vertreiben.
Die tragende Decke unter diesem illustren Schauspiel wird immer dünner. Wenn sie einbricht, wird niemand mehr ernsthaft lachen können.
Die Parteisoldatin opfert sich. Sie wusste schon, warum sie das nicht wollte. Wenn sie mit dem Projekt scheitert, war es ihr Scheitern. Berlin profitiert wegen anderer Verhältnisse im Bundesrat.
Vielleicht hat sie ja Glück mit den Linken( wären die doch wie in Berlin, unauffällig regierend)
Die Parteisoldatin opfert sich. Sie wusste schon, warum sie das nicht wollte. Wenn sie mit dem Projekt scheitert, war es ihr Scheitern. Berlin profitiert wegen anderer Verhältnisse im Bundesrat.
Vielleicht hat sie ja Glück mit den Linken( wären die doch wie in Berlin, unauffällig regierend)