Mildere Strafen, vorzeitige Entlassungen Unmenschliche Isolationshaft als Mittel gegen Gefängnisgangs

Mindestens ebenso populär wie "life without parole" war in den letzten Jahrzehnten die Isolationshaft. Bis zu 80.000 Gefangene erdulden sie über Jahre und Jahrzehnte, zwei Häftlinge in Louisiana sogar seit 40 Jahren. 23 Stunden täglich verbringen die Gefangenen in meist fensterlosen, schallisolierten und videoüberwachten Zellen. Fernsehen, Radio und Lektüre sind verboten. In der einen Stunde, in der sie die Zelle verlassen dürfen, tragen sie Handschellen. Viele von ihnen haben keinerlei menschlichen Kontakt. Ernesto Lira, der acht Jahre im kalifornischen Hochsicherheitsgefängnis Pelican Bay eingesperrt war, beschreibt es so: "Man nimmt einen Menschen, zieht ihm die Haut ab und macht ihn zu einem Stück rohen Fleisch in einem Grab. Alles was er hat, ist sein Hirn."

Die entsetzlichen Folgen hat Alexis de Tocqueville schon 1821 nach einem Besuch im Gefängnis in Auburn, New York beschrieben. Man glaubte dort, die gnadenlose Konfrontation des Häftlings mit sich selbst sei die wirksamste Methode, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Doch "diese absolute Einsamkeit . . . übersteigt die Stärke jedes Menschen. Sie verschlingt den Kriminellen unaufhaltsam und ohne Gnade. Sie reformiert ihn nicht, sie tötet ihn", schreibt er, und erzählt von Selbstmorden, Wahnsinn und Tod. Zwei Jahre später wurde die Einzelhaft abgeschafft.

Doch knapp 100 Jahre später war sie wieder da. Ein Staat nach dem anderen ließ sich ein "Supermax"-Gefängnis bauen. Schon der Name - kurz für "super-maximum security" - klingt nach dem sadistisch gefärbtem Eifer, mit dem man "die Schlimmsten der Schlimmen" einbetonierte. Nicht um Buße und Bekehrung ging es hier, sondern darum, den Häftlingsgangs in den übervollen Strafanstalten beizukommen.

In Kalifornien allein waren Gang-Mitglieder voriges Jahr für rund 1800 Morde und gewaltsame Angriffe gegen Wachleute und Mithäftlinge verantwortlich. Doch über Gangzugehörigkeit und Gefährlichkeit entscheiden nicht Gerichte, sondern das Gefängnispersonal. Verurteilt wurde Ernesto Lira für läppische drei Gramm Methamphetamin. In Isolationshaft kam er, weil man in seiner Zelle ein Bild mit Gang-Symbolen fand. Das Bild, so stellte sich später heraus, enthielt weder diese Symbole, noch hatte er es gezeichnet.

Schon 1996 verurteilte ein UN-Bericht Supermax-Gefängnisse als "unmenschlich und entwürdigend". Die Autoren einer Studie der wichtigsten amerikanischen Juristenvereinigung, der New York Bar Association, schrieben, die Haftbedingungen dort kämen "nach internationalem Recht der Folter" gleich. Auch der UN-Sonderberichterstatter für Folter Juan Mendez kam zu diesem Schluss. Die USA seien das einzige Land, das diese Strafe auch für mittelschwere Verbrechen verhänge, und das über längere Zeiträume als irgendwo sonst.

Werden Menschen wie Tiere behandelt, benehmen sie sich auch so

Die American Civil Liberties Union (ACLU) rief sogar zu internationalen Protesten auf. Wirksamer war jedoch die Klage gegen Christopher Epps, den Leiter der Gefängnisbehörde von Mississippi. 2007 explodierte im Hochsicherheitstrakt Unit 32 in Parchman die Gewalt. Wie gewohnt reagierten die Aufseher mit drakonischen Maßnahmen. Sie montierten die Deckenventilatoren ab und ließen die Häftlinge tagelang nicht aus ihren Verließen. Als Psychiater und Sachverständige das Gefängnis auf die Klage hin inspizierten, waren sie entsetzt: Die Häftlinge hatten die Zellenwände mit Exkrementen beschmiert, schrien nachts und litten an Halluzinationen. Jeder Zehnte von ihnen war geisteskrank.

Das Gericht zwang Epps daraufhin zu einem radikalen Weg: Er lockerte die Haftbedingungen, ließ die Häftlinge gemeinsam essen und Basketball spielen. Epps glaubte kaum, was er sah: Die Lage entspannte sich umgehend, die Probleme lösten sich von selbst. "Wenn Sie Menschen wie Tiere behandeln, werden sie sich auch so benehmen", sagt Epps heute. 2010 wurde Unit 32 geschlossen.

Der Staat inhaftiert Kriminelle und entlässt Monster

Dabei beginnen die wirklichen Probleme oft erst nach der Freilassung, wenn die seelischen Wracks meist ohne Betreuung aus den Isolationszellen ins Leben gestoßen werden. Ehemalige Supermax-Häftlinge werden öfter wieder straffällig und neigen zu gewaltsameren Verbrechen als andere Gefangene. Der Staat inhaftiert Kriminelle und entlässt Monster.

Selbst Kalifornien, der Staat mit den meisten Isolationshäftlingen, hat begonnen, seine Praxis zu überdenken. Wenn auch nicht freiwillig: Es bedurfte zweier Hungerstreiks in Pelican Bay, bis die Vollzugsbehörde erklärte, dass "die Anliegen der Häftlinge einige Berechtigung" hätten. Anderswo überzeugten auch hier wieder ökonomische Argumente: Ein Supermax-Häftling in Virginia kostet 90 Dollar am Tag, ein normaler Gefangener nur 60. Mittlerweile haben Colorado, Illinois, Maine, Ohio und Washington begonnen, ihre Supermax-Gefängnisse zu leeren.

Auch vom unmenschlichsten Instrument der amerikanischen Justiz, der Todesstrafe, rückt das Land nach und nach ab. Der Prozess vollzieht sich schleppend. Doch dass viele der mehr als 3000 Verurteilten, die auf der "death row" warten, eines natürlichen Todes sterben werden, ist eine gute Nachricht. 1999, 23 Jahre nach der Wiedereinführung der Todesstrafe, wurde mit 96 Gefangenen die größte Zahl von Urteilen vollstreckt, seitdem ist die Rate auf 43 im vergangenen Jahr gesunken. Noch dramatischer geht die neuer Verurteilungen zurück: 1995 waren es 312, 2011 nur noch 78.