Migrationsforscher zu Pegida Vielfalt bitte nicht vor meiner Haustür

Muslime gehören zu Deutschland: Die Illusion eines ethnisch homogenen Nationalstaats ist nicht mehr zeitgemäß.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)
  • Der Rat für Migration (RfM) ruft dazu auf, Pegida ernst zu nehmen.
  • Steckt hinter den Demonstrationen Angst, die entkräftet werden muss? Die Forscher widersprechen: Die Demonstranten seien getrieben von Vorurteilen.
  • Ihre Vorstellung von einem homogenen Nationalstaat sei nicht mehr zeitgemäß, finden die Forscher. Und fordern eine "Leitbild-Kommission", die ein modernes Deutschland definieren soll.
Von Hannah Beitzer, Berlin

17 500 Menschen waren es zuletzt, die in Dresden gegen eine angebliche "Islamisierung" Deutschlands auf die Straßen gingen. Den umstrittenen Pegida-Demonstrationen könne nicht allein mit kurzfristigen Appellen begegnet werden, sagt nun Werner Schiffauer, der Vorsitzende des Rates für Migration. Im RfM organisieren sich Migrationsforscher verschiedener Fachrichtungen.

Der Kulturwissenschaftler aus Frankfurt an der Oder beschreibt einen Riss, der durch die Gesellschaft gehe. Gemeinsam mit seinen Kollegen Andreas Zick vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Naika Foroutan von der Humboldt-Universität Berlin ruft er dazu auf, Pegida ernst zu nehmen. "Hier kommt etwas zum Tragen, was eine längere Vorgeschichte hat."

Steckt hinter Pegida Angst?

Wie also umgehen mit Pegida? Fremdenfeindlichkeit ablehnen, die Ängste der Demonstranten jedoch ernst nehmen? So fordern es einige. "Es wird oft davon geredet, dass Abstiegsängste eine islamfeindliche Stimmung erzeugen", sagt der Konfliktforscher Zick. "Wir haben uns da eingerichtet in diesem gemütlichen Bild." Das führe zum Beispiel häufig zu Mitleid mit den Pegida-Sympathisanten. In Wahrheit seien allerdings schlicht Vorurteile das Problem.

Vorurteile wie diese zum Beispiel: "Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt", denken 42 Prozent der Befragten der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Oder: "Sinti und Roma neigen zur Kriminalität." (38 Prozent). Und immerhin 18 Prozent der Befragten in der Studie ZuGleich der Stiftung Mercator sagen: "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet."

Die Kriminalität unter Ausländern und die oft zitierte "Einwanderung in unsere Wirtschaftssysteme" überschätzten viele dramatisch, sagt Zick. Doch solche Vorurteile zu entkräften ist schwierig. "Wenn jemand sehr stark an sie glaubt, dann dauert es lange, bis sich das ändert." Verstärkt werde das dadurch, dass Fremdenfeindlichkeit dort besonders ausgeprägt ist, wo die Bevölkerung wenig direkten Kontakt zu Migranten hat.

"Wir Deutschen" gegen "die Muslime"

Hinter der Zustimmung eines Teils der Bevölkerung zu den Thesen von Pegida stecke vielfach außerdem der Wunsch nach autoritären Strukturen - zum Beispiel nach einer Partei, die "die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert". Einer These, der in der Mitte-Studie immerhin 23 Prozent der Befragten zustimmen. In eine ähnliche Richtung weist die 36-Prozent-starke Zustimmung zu der Aussage: "Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben."

Aber wer ist eigentlich dieses "Wir", von dem viele der Befragten sprechen? Mit dieser Frage hat sich die Forschungsgruppe "Junge Islambezogene Themen in Deutschland" (Junited) an der HU Berlin in einer Studie beschäftigt - zum Beispiel bei Aussagen wie: "Muslime sind aggressiver als wir" (Zustimmung: 27 Prozent). Als eigene Gruppe werde dabei "die deutsche Bevölkerung" oder "die deutsche Gesellschaft" genannt.

"Muslime werden sukzessiv aus dem deutschen Wir ausgeschlossen", sagt Naika Foroutan, die Leiterin der Forschungsgruppe. Da stehen sich dann eben "wir Deutschen" auf der einen, und "die Muslime" auf der anderen Seite gegenüber.

Anerkennung häufig nur auf abstrakter Ebene

67 Prozent der nicht-muslimischen Bevölkerung geben in der Befragung von Junited an, wenig über Muslime zu wissen. Tatsächlich überschätzen 70 Prozent der Befragten zum Beispiel den Anteil von Muslimen an der Gesamtbevölkerung. Er beträgt etwa fünf Prozent. Ein Viertel der Befragten geht sogar von einem Anteil von über 20 Prozent aus.

Dabei äußerten sich die nicht-muslimischen Befragten durchaus ambivalent zu Muslimen, sagt Foroutan. Eine deutliche Mehrheit von 67 Prozent findet, dass es das gute Recht von Muslimen in Deutschland ist, Forderungen zu stellen. Ebenso viele finden, man solle den Muslimen mehr Anerkennung entgegenbringen.

Gleichzeitig sinke die Zustimmung, sobald es um konkrete Minderheitenrechte gehe. So wollten 60 Prozent der Befragten das Beschneiden von Jungen verbieten, fast die Hälfte findet, dass Lehrerinnen das Tragen eines Kopftuches verboten werden solle und 42 Prozent wollen den Bau von Moscheen einschränken.

Bild einer vorherrschenden Gesellschaftsform ist veraltet

Vielfalt ja - aber bitte nicht vor meiner Haustür. So fasst Foroutan die Einstellung zusammen. "Wir brauchen ein neues Leitbild für Deutschland", sagt Werner Schiffauer deswegen. "Die Illusion eines ethnisch homogenen Nationalstaats ist nicht mehr zeitgemäß." Bereits jetzt sei die Akzeptanz von Pluralismus besonders in den großen Städten gewachsen - vor allem dort, wo bereits eine konkrete Auseinandersetzung mit Migration stattgefunden habe.

"Die Vorstellung, dass Integration gleich die Anpassung an eine vorherrschende Gesellschaftsform ist, ist veraltet", sagt auch Zick. Denn in einer wirklich pluralistischen Gesellschaft gebe es eben keine solche vorherrschende Form. "Wir müssen das Bild einer heterogenen Gesellschaft vermitteln."

Dazu gehöre auch, sich von einer Kosten-Nutzen-Maximierung in der Zuwanderungsdebatte zu verabschieden. "Wir haben da, rabiat gesagt, eine Sklavenmarktmentalität", sagt er. Welcher Zuwanderer bringt der deutschen Mehrheitsgesellschaft etwas? Und welcher nicht? Denn das darin enthaltene "wir Deutschen" - "ihr Migranten" sei ja gerade Teil des Problems.