Migranten in der Politik "Du scheiß Araber, geh zurück in die Türkei!"

Das ist bei Omid Nouripour anders. Bei ihm laufen solche Wellen auf, Dutzende, Hunderte Mails, je nach Anlass. Nouripour wurde in Iran geboren. Als er 13 Jahre alt war, kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Seine Mutter hatte zuvor ihren Posten am Teheraner Flughafen gekündigt, das Mullah-Regime hatte den Kopftuchzwang eingeführt. Man sieht den grünen Wehrexperten derzeit öfter im Fernsehen als Kritiker des Verteidigungsministers in der Drohnen-Affäre. Auf seinem Schreibtisch im Bundestagsbüro steht eine Hessen-Flagge, dahinter hängt eine Fahne seines Fußballvereins, der Eintracht. "Frankfurt forever" steht da. Seit Ende Mai ist er Mitglied im Reservistenverband. Auf seiner Facebook-Seite liest man dennoch solche Einträge: "Einer mit dem Namen Nouripour sollte mal besser die Finger von deutschen Militärangelegenheiten lassen."

Der Frankfurter Abgeordnete kann nach sieben Jahren im Bundestag gut einordnen, was wann so reinregnet. Am meisten Hass kommt nach Fernsehauftritten bei ihm an, an zweiter Stelle stehen Online-Medien, auf Gedrucktes reagieren die Leute weniger aggressiv. Den meisten Mist senden Rechtskonservative und Rechtsextreme, aber auch Linke, denen er nicht links genug ist, Islamisten und Exil-Iraner, die ihn "Landesverräter" nennen. Er darf sich von allen Seiten beleidigen lassen. Von rechts fasst man eine schlichte Botschaft in immer neue Variationen: Ein "Ausländer" darf hier nicht mitreden, er soll gehen, "zurück ins Ali Land".

Am heftigsten reagiert die Klientel, wenn sich Nouripour der deutschen Geschichte annimmt. Wenn er fordert, Kasernen nicht nach dem Wehrmachts-Helden Erwin Rommel zu benennen, "geht die Post ab". Humor hilft, sagt Nouripour, der Deutsch-Iraner hat eine Lieblingsbeschimpfung, die eines Ahnungslosen: "Du scheiß Araber, geh zurück in die Türkei!" Nicht alles prallt an ihm ab, es gibt auch Dinge, die kränken. "Die Unterstellung, ich mache etwas nur aufgrund meiner Herkunft und nicht, weil ich denken kann." Manchmal kommen ältere Herrn im Straßenwahlkampf auf ihn zu, um ihre Vorbehalte gegen Ausländer zu erläutern. Nouripour reagiert darauf ganz anders als Özoguz. Sein Ziel ist, den anderen "auf den Baum kriegen", wie er sagt. Zum Beispiel mit dem Satz: "Sie sind doch selber Ausländer - nein? Wollen wir mal ihre Ahnen durchgehen?" Sogar der britische Prinz William habe angeblich indische Wurzeln, wie ein DNA-Test kürzlich gezeigt haben soll.

Islamhasser schicken Briefe mit vollem Namen und Adresse

Da schimpft nach Nouripours Erfahrung viel bürgerliches Publikum, Islamhasser schicken Briefe mit vollem Namen und Adresse. Nur Bedrohungen und Volksverhetzendes leitet er an die Ermittler weiter. Vor diesen Hetzern hat er keine Angst. Wenn er sich bedroht fühlt, dann von Dschihadisten. "Die bringen die meisten Einzeltäter hervor", sagt er. Nouripour hat einen Beitrag geschrieben für das Buch "Wenn Gott schläft" von Shahin Najafi. Der iranische Musiker wurde von iranischen Regimevertretern zum Ketzer erklärt, ein Kopfgeld von 100.000 Dollar ausgesetzt. So hat auch Nouripour Hass auf sich gezogen. Außerdem sagt der Abgeordnete, er trinke Bier, esse Schweinefleisch und sei trotzdem Muslim. Das ist nicht unbedingt Mehrheitsmeinung unter Islamisten. Darum hat Nouripour immer wieder Herren aus den Sicherheitsbehörden zu Gast, um die Gefahr einzuschätzen.

Auch das zählt zum Migranten-Dasein im Bundestag. Manche Zuwanderer im Volk haben ganz eigene Erwartungen, wie sich ein Muslim, einer aus Iran, aus der Türkei, einer "von uns" zu verhalten hat. Serkan Tören kennt das. Er ist in der Türkei geboren, in Deutschland aufgewachsen, integrationspolitischer Sprecher der FDP und im Innenausschuss des Bundestages. Als Salafisten vergangenen Frühling Polizisten angreifen, fordert er, die Extremisten auszubürgern. Sein Name mit Foto taucht auf einer Islamisten-Hassseite auf, ein polizeibekannter Salafist bedroht ihn, das Bundeskriminalamt nimmt sich der Sache an. Andere Beschimpfungen, meist aus der fremdenfeindlichen Ecke, putzt einer seiner Mitarbeiter weg, die Mails, die so reinkommen, wenn sich Tören mal wieder gewagt hat zu äußern zum Burka-Verbot oder zur Straffreiheit von Beschneidungen. Tören, die "hochgradig psychopathische Drecksfigur", wie einer schreibt.

Diesen Müll schaut sich Tören selbst meist gar nicht an. Man muss Tören schon drängen, überhaupt darüber zu sprechen. Er hat seine eigenen Konsequenzen gezogen aus diesem hässlichen Grundrauschen, das migrantische Abgeordnete begleitet. Politiker und Migrantenverbände sollten endlich aufhören, sich wegen solcher Anfeindungen als Opfer darzustellen. So sieht er das: "Wir müssen raus aus dieser Opfermentalität. Damit macht man sich nicht viele Freunde." Die Hassmails zeigten doch nur ein Zerrbild, sagt er: "Die Gesellschaft akzeptiert Vielfalt, das ist die Mehrheit." Im Wahlkreis, im Alltag, in der Partei, nirgends fühlt sich Tören angefeindet, weil er türkische Eltern hat. Ein paar Etikette aber würde er gerne loswerden: dass er "Deutsch-Türke" sei, er, der im Alter von zehn Monaten nach Deutschland kam. Oder die Betonung, er sei Muslim. Das sei alles so nebensächlich, sagt er. "Ich bin Deutscher - Punkt. Aus Stade."