Migranten Flucht vor dem Krieg, Suche nach Demokratie

  • Eine Umfrage unter Migranten, die in jüngerer Zeit nach Deutschland gekommen sind, zeigt: 70 Prozent sind vor Konflikten und Kriegen geflohen.
  • Deutschland ist vor allem wegen der Menschenrechte ihr Ziel.
  • Die meisten schätzen Demokratie und Gleichberechtigung ähnlich wie die Deutschen.
  • Den Autoren der Studie zufolge bestehen erhebliche Potenziale für die Integration in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt.
Von Markus C. Schulte von Drach

Etwa 1,1 Million Flüchtlinge sind seit Anfang 2015 bis September 2016 nach Deutschland gekommen. Das hat zu einer besonderen Herausforderung für die Gesellschaft geführt, in der die Schutzbedürftigen untergebracht und versorgt werden müssen. In einem Teil der Bevölkerung haben die Flüchtlinge sogar Angst und Ablehnung ausgelöst.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung befragt derzeit gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie dem Sozio-oekonomischen Panel Migranten, um eine repräsentative Datengrundlage über die Geflüchteten zu schaffen. Etwa 2300 Migranten haben inzwischen die rund 450 Fragen der Experten beantwortet, insgesamt wollen die Experten mindestens 4500 Flüchtlinge befragen.

Ein - vorläufiges - Ergebnis der Studie haben die Behörden jetzt vorgestellt. "Die zu uns kommenden Menschen sind gerade wegen unserer Werte und Bürger- sowie Minderheitenrechte nach Deutschland gekommen", sagte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) bei der Veröffentlichung. "Ich hoffe, dass diese Erkenntnisse zur Versachlichung der Debatte in Deutschland beitragen werden."

Wie es in der Studie heißt, sind die Geflüchteten "in Hinblick auf ihre Biografien, ihren Bildungshintergrund, ihre Wertvorstellungen und Persönlichkeitsmerkmale sehr heterogen". Es bestünden aber "erhebliche Potenziale für die Integration in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt".

70 Prozent der Migranten gaben als Fluchtursache Angst vor Konflikten und Kriegen an - das traf besonders für Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Iran zu. Weil sie verfolgt wurden, sind demnach 44 Prozent geflohen, 38 Prozent wegen Diskriminierung und 36 Prozent - insbesondere jene Flüchtlinge aus Eritrea - vor einer Zwangsrekrutierung als Soldat.

Dazu kamen - vor allem bei Menschen aus Westbalkan-Staaten - schlechte persönliche Lebensbedingungen (39 Prozent) und die wirtschaftliche Situation (32 Prozent).

Flucht nach Deutschland wegen der Menschenrechte

Warum sich die Migranten gerade Deutschland als Ziel ausgesucht hatten, begründeten fast drei Viertel mit der Achtung der Menschenrechte. Immerhin 43 Prozent gaben das Bildungssystem als Grund an, 42 Prozent sagten, das Gefühl, hier willkommen zu sein, hätte zu ihrer Entscheidung geführt.

Die wirtschaftliche Lage oder das Wohlfahrtssystem in Deutschland hat dagegen nur ein Viertel der Befragten bewegt, ausgerechnet hierher zu kommen.

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Für einen großen Teil der Migranten verlief die Flucht dramatisch: Ein Viertel gab an, Schiffbruch erlitten zu haben, 40 Prozent wurden Opfer von Gewalt. Ein Fünftel hatte Raubüberfälle erlebt. Und 15 Prozent der geflüchteten Frauen waren Opfer sexueller Übergriffe. Dazu wurden mehr als die Hälfte der Flüchtlinge auf der Flucht auf die eine oder andere Weise betrogen.

Demokratie, mächtige Experten oder starker Führer?

Angesichts der Befürchtung mancher Deutscher ist wohl vor allem die Frage nach dem Demokratieverständnis der Flüchtlinge von Bedeutung. "So stimmen 96 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass man ein demokratisches System haben sollte", sagte Jürgen Schupp vom Sozio-oekonomischen Panel am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Ein Vergleich mit entsprechenden Zahlen des World Values Survey, der derzeit umfangreichsten Umfrage über Werte weltweit, zeigt, dass der entsprechende Anteil in der deutschen Bevölkerung hier bei 95 Prozent liegt (Umfrage von 2010-2014).

Dagegen unterstützten 20 Prozent der Geflüchteten vollständig oder teilweise die Idee eines "starken Führers, der sich nicht um ein Parlament und um Wahlen kümmern muss". Und 55 Prozent fanden teils oder vollständig, dass Experten darüber entscheiden sollten, was für das Land das Beste ist, nicht die Regierung. Dem World Values Survey zufolge lag der Anteil der Deutschen mit dieser Meinung in beiden Fällen sogar noch höher als unter den Migranten.