Migranten "Antisemitismus ist keine Randerscheinung"

Migranten müssen sich mit der zunehmenden Judenfeindlichkeit in ihren Reihen auseinandersetzen. Die ist mehr von Rassismus geprägt als manche glauben wollen.

Ein Gastbeitrag von Cem Özdemir

Mehr als drei Millionen Menschen muslimischer Herkunft leben in Deutschland. Seit den Terroranschlägen des 11.09.2001 werden sie und ihre Religion in der Öffentlichkeit besonders kritisch betrachtet. Während auf der einen Seite regelmäßig beklagt wird, dass Muslime beziehungsweise ihre Verbandsvertreter sich nicht eindeutig von Gewalt distanzieren würden, berichten Muslime auf der anderen Seite von Diskriminierungen, die sie im Alltag erfahren.

Auch wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft ein Widerspruch zwischen muslimischem Glauben und deutscher Identität postuliert. Wie könne jemand zugleich Muslim und Deutscher sein - diese Vorstellung überfordert manche leider noch immer.

Doch darf diese Form der Ausgrenzung nicht verdecken, dass auch in den Reihen der Menschen muslimischer Herkunft extremistische Positionen verbreitet sind. So finden sich antisemitische Einstellungen in Deutschland nicht nur am rechten Rand oder bei linken Anti-Imperialisten.

Alarmierend ist etwa die durch einzelne Studien und Befragungen gezeigte Verbreitung antisemitischer Denkweisen bei muslimischen Jugendlichen, die in Deutschland zur Schule gegangen sind. Auch Berichte der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zeigen, dass Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen keine Randerscheinung ist.

Besonders männliche arabische, türkische oder kurdische Jugendliche, die zum einen auf der Suche nach einer Identität sind und sich zum anderen von der Mehrheitsgesellschaft marginalisiert fühlen, sind offenbar für antisemitische Denkweisen anfällig. Vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts tragen nationalistische und islamistische Organisationen und ihre Akteure sowie in Deutschland verbotene Medien ihren Teil dazu bei, dass diese Jugendlichen sich islamistische, demokratie-verneinende und antisemitische Ideologien aneignen.

Wer jedoch diesen Antisemitismus auf den Nahostkonflikt verkürzen will, der muss sich nur eine Frage stellen: Würde der Antisemitismus unter Muslimen verschwinden, wenn der Konflikt quasi über Nacht gelöst würde? Wohl kaum, da sich die Denkweisen, Vorurteile und Verschwörungstheorien bereits zu sehr verselbständigt haben.

Auch kann die Frage gestellt werden, was am Antisemitismus von Muslimen konkret islamisch ist. Manche glauben, ihre Vorurteile tatsächlich aus der Religion ableiten zu können oder gar zu müssen, andere hingegen kommen unter dem Gewand des türkischen beziehungsweise kurdischen linken "Antizionismus" daher oder wittern, wie türkisch-nationalistische Jugendliche, eine "jüdische Weltverschwörung".

Auch ein türkischstämmiger Ultranationalist ist laut Geburtsurkunde Muslim und definiert sich gegebenenfalls auch als solcher. Sein Antisemitismus speist sich jedoch nicht so sehr aus der Religion als vielmehr aus rassistischen Vorurteilen. Diese Spielart unterscheidet sich jedoch nur in geringem Maße von linkem oder rechtem Antisemitismus unter Deutschen.

Die Diskussion über den konkreten ideologischen beziehungsweise religiösen Hintergrund ist berechtigt und für die Wahl geeigneter (pädagogischer) Gegenmaßnahmen vermutlich nicht unwichtig. Doch egal, was das Ergebnis letztlich sein mag: Es handelt sich um Antisemitismus, den wir nicht dulden können und schon im Ansatz bekämpfen müssen.

Auch die Moscheen sind gefragt

Es stellt sich die Frage, wie wir antisemitischen Denkweisen bei muslimischen Jugendlichen in Deutschland entgegenwirken können. Zum einen brauchen wir wirkungsvolle pädagogische Maßnahmen und Schulen, wo - im Ernstfall - auch gegen das soziale Umfeld der Kinder und Jugendlichen erzogen werden muss.

Zum anderen sind aber auch die Migranten und ihre Selbstvertretungen oder Repräsentanten gefragt. Im Grunde sollte das Thema Antisemitismus in jeder Moschee und jedem Verein auf der Tagesordnung stehen, damit sich die mehr oder weniger Gläubigen mit ihm auseinandersetzen können beziehungsweise müssen.

Denn pädagogische Maßnahmen sind eine noch wirkungsvollere Erziehung zur Demokratie, wenn Antisemitismus auch von Angehörigen der eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe verurteilt wird.

Wohl nur ein Zusammenwirken von pädagogischen Maßnahmen, zivilgesellschaftlichem Engagement und Vorbildern aus der eigenen Gemeinschaft können Vorfällen wie dem vom Mai 2005 vorbeugen, als Schüler eines jüdischen Gymnasiums von muslimischen Jugendlichen mit antisemitischen Äußerungen attackiert wurden - und sich dasselbe bei einem zweiten Treffen, das aus pädagogischen Gründen auf Anregung der Berliner Bildungsbehörde stattfand, sogar wiederholte.

Cem Özdemir ist Bundesvorsitzender der Grünen und Mitglied des Europaparlaments. Der Text ist der an diesem Montag veröffentlichen Studie: "Die Juden sind schuld - Antisemitismus in der Einwanderergesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus" entnommen. Sie wird herausgegeben von der Amadeu Antonio Stiftung. Die Studie kann hier heruntergeladen werden.