Michelle Obama über Waffengewalt Schulweg durchs Kriegsgebiet

"Ihre Familie hat alles richtig gemacht": In ihrer Rede zeigte sich Michelle Obama tief bewegt vom Schicksal der 15-jährigen Hadiya Pendleton.

(Foto: Imago Stock&People)

Hadiya Pendleton trat bei der Amtseinführung des Präsidenten auf. Eine Woche später wurde sie erschossen. Michelle Obama findet sich in der 15-Jährigen wieder: Geboren in Chicago, Musterschülerin, hart arbeitende Eltern. Tief bewegt fordert die First Lady Amerika auf, zu erkennen, dass der Tod auf der Straße in manchen Städten traurige Realität ist.

Von Matthias Kolb

Michelle Obama ist zurück in ihrer Heimatstadt Chicago und spricht über Hadiya Pendleton. Die 15-Jährige sei ihr sehr ähnlich gewesen: Afroamerikanerin, Musterschülerin, fleißige Eltern. Sie liefen sich fast über den Weg, die First Lady und die Schülerin aus Chicagos South Side, als Hadiya Pendleton bei der Amtseinführung von Präsident Barack Obama aufgetreten war. Doch nur eine Woche später wurde sie in einem Park erschossen, gerade einmal eine Meile entfernt vom Haus der Präsidentenfamilie in der Windy City. Während nun die Politik in Washington um strengere Waffengesetze ringt, fordert Michelle Obama im Angsicht dieses Falles ihre Landsleute auf, zu akzeptieren, dass manche Städte einem Kriegsgebiet ähneln.

"Ihre Familie hat alles richtig gemacht und trotzdem hatte Hadiya keine Chance", sagt die sichtlich bewegte Michelle Obama bei einer Veranstaltung in Chicago (hier im Video). Die 49-Jährige hatte bereits im Februar an Hadiyas Beisetzung teilgenommen. Ehemann Barack sprach in seiner "Rede zur Lage der Nation" über das schreckliche Schicksal der Eltern, die auf der Tribüne des Kongresses neben Michelle saßen.

Eindrücklich schildert Michelle in ihrer Rede im Hilton-Hotel die Zustände an der Harper High School im Stadtteil West Englewood. Dass Teenager zu Beerdigungen ihrer Freunde gehen müssten, sei dort "tragisch, aber alles andere als ungewöhnlich". Neue Lehrer hätten sich anfangs gewundert, dass die Schüler nach dem Unterricht nicht auf dem Gehweg liefen, sondern in der Straßenmitte. "So sehen sie am besten, ob irgendwo gekämpft oder geschossen wird und sie können am schnellsten weglaufen", schildert Michelle Obama den harten Alltag in manchen Teilen der drittgrößten Stadt Amerikas.

Sie fährt fort: "Hier spreche ich nicht über Vorgänge in einem Kriegsgebiet am anderen Ende der Welt, sondern über das, was in einer Stadt geschieht, die wir als unsere Heimat bezeichnen." Auch Hadiya musste sterben, weil andere Jugendliche sie für ein Mitglied einer verfeindeten Gang hielten - eine Kugel traf Hadiya in den Rücken, als sie mit Freunden nachmittags in einem Park unweit ihrer Schule stand.

"Reformen nach dem gesunden Menschenverstand"

Um solche Gefahren zu vermeiden, hatten Hadiyas Eltern ihre Tochter ermutigt, sich an Schulprojekten zu beteiligen - das Schulumfeld bietet einen raren Raum der Sicherheit. Sie war Cheerleaderin und machte beim Formationstanz mit. "Wer vor die Tür tritt, setzt sich einem Risiko aus", klagt Michelle Obama. Wenn sie an Hadiyas Leben denke, komme ihr vieles bekannt vor: "Hadiya war wie ich und ich war wie sie." Auch Michelle Obama wuchs als Tochter hart arbeitender afroamerikanischer Eltern in Chicagos South Side auf, war eine ehrgeizige Schülerin und ständig aktiv.

Sie habe Chancen bekommen, die Hadiya und Tausenden Teenagern verwehrt blieben: Sie konnte in Princeton studieren, die Law School in Harvard besuchen und eine erfolgreiche Karriere aufbauen. An die anwesenden Geschäftsleute appelliert Michelle Obama, den Jugendlichen die Chance zu geben, eine Ausbildung zu bekommen und gute Jobs zu finden. Die amerikanische Gesellschaft müsse das Problem der Waffengewalt endlich akzeptieren und entschlossen angehen.

Ihr Mann kämpfe "so hart wie er nur kann", um "Reformen nach dem gesunden Menschenverstand" umzusetzen, damit "unsere Kinder vor der Schusswaffengewalt geschützt werden", sagt Michelle. Sich noch expliziter in die aktuelle Debatte um ein strengeres Waffenrecht einzumischen, die durch einen überparteilichen Kompromissvorschlag zweier Senatoren vorangetrieben wurde, wäre unpassend gewesen: Die Ehefrauen der US-Präsidenten geben sich meist bewusst überparteilich.

Nach ihrer Rede besuchte die First Lady die Harper High School in Chicago.

(Foto: AP)

Doch natürlich ist es kein Zufall, dass die populäre Michelle (Hintergründe zu ihrer Rolle im Rampenlicht in diesem Blog-Beitrag) genau dann nach Chicago reist, um über das Thema Gewalt in Großstädten zu sprechen, wenn in Washington das Ringen um schärfere Gesetze in die entscheidende Phase geht.

Zwei der drei Vorschläge von Obama - das Verbot von Sturmgewehren und von Magazinen für besonders viele Patronen - sind längst chancenlos. Doch bei der Debatte über eine engere Überprüfung künftiger Waffenbesitzer, die sich in den kommenden Tagen entscheidet, könnte Michelles Hinweis auf das schreckliche Schicksal der 15-jährigen Hadiya Pendleton womöglich den einen oder anderen Abgeordneten zum Nachdenken anregen.

Linktipp: Drei Reporter von National Public Radio haben den harten Alltag der Schüler der Harper High School mehrere Monate lang begleitet. Die grandiose Reportage des Programmes "This American Life" ist online nachzuhören und bietet einen exzellenten Eindruck über die Folgen der allgegenwärtigen Waffen in US-amerikanischen Großstädten. Die Rede von Michelle Obama ist hier nachzulesen.