Merkels Statement in Moskau "Ver . . . brecherisch"

Wladimir Putin und Angela Merkel bei ihrem gemeinsamen Pressestatement am Sonntag in Moskau.

(Foto: AP)

Angela Merkel wird zum 70. Jahrestag des Kriegsendes überdeutlich. Gegenüber Russlands Präsident Putin nennt sie die militärischen Aktionen in der Ostukraine "verbrecherisch". Doch ein genauer Blick auf ihren Text legt nahe: Es war ein Versehen.

Von Nico Fried

Man kann auf den Fernsehbildern sehen, dass die Kanzlerin die Sache selbst bemerkt. Angela Merkel steht am vergangenen Sonntag im Kreml neben Wladimir Putin, beginnt in ihrem Statement einen neuen Satz, der von den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland handeln soll - und dann passiert es. Merkel blickt auf ihren Sprechzettel, sagt die erste Silbe "ver...", zögert kurz, blickt wieder auf den Zettel - doch dann ist der Mund schneller als das Gehirn, und die Kanzlerin sagt: "...brecherische". Der ganze Satz lautet schließlich: "Durch die verbrecherische und völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die militärischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine hat diese Zusammenarbeit einen schweren Rückschlag erlitten."

So hart hatte Merkel die Annexion zuvor noch nie verurteilt. Völkerrechtswidrig - das war ihr Wort von Anfang an. Aber verbrecherisch? Um zu verstehen, warum dieses Wort diplomatisch einem Affront gleichkommt, muss man nur in den restlichen Text von Merkels Moskauer Statement schauen. Dort taucht der Begriff nur noch an einer Stelle auf, diesmal als Substantiv, als die Kanzlerin von den "Verbrechen des Holocaust" spricht.

Auch der Historiker Heinrich August Winkler hat das Wort in seiner Rede im Bundestag vergangene Woche benutzt, als er über den "verbrecherischen Charakter" des Hitler-Regimes sprach und an die Verbrechen von SS und Wehrmacht erinnerte, "die aus der kollektiven Erinnerung der betroffenen Völker nicht zu löschen sind". Als Beispiel hatte er die Belagerung Leningrads genannt. War Merkels Wertung also Absicht oder Versehen?

Die einfachste Erklärung wäre, dass Merkel in der Zeile verrutscht ist und sich verlesen hat. Doch dafür steht der Satz zum Holocaust zu weit entfernt von der Krim-Passage. Denkbar wäre, dass Merkel in einem Moment der Unachtsamkeit den historischen Anlass ihres Moskau-Besuches und die aktuelle Krise überblendete - dass sie, salopp gesagt, noch an die Wehrmacht damals dachte, als es schon um die russische Armee von heute ging. Regierungssprecher Steffen Seibert wollte die Frage, ob Merkel das Wort schlicht rausgerutscht ist, am Montag nicht kommentieren. Er betonte aber, dass sich an der Position der Kanzlerin nichts geändert habe, wonach die Annexion der Krim völkerrechtswidrig sei.

So bleibt Spekulation. Das letzte Mal, dass Merkel durch eine härtere Wortwahl auffiel, war am Rande eines Staatsbesuches in Sydney, dem ein mehr als vierstündiges, ergebnisloses Gespräch mit Putin vorausgegangen war. Damals kritisierte sie Russland für "altes Denken in Einflusssphären, das internationales Recht mit Füßen tritt". Inzwischen gibt es das Minsker Abkommen, auch wenn der Frust über dessen schleppende Umsetzung bei der Kanzlerin tief sitzt. Aber dass sie ausgerechnet den Jahrestag des Kriegsendes ausgewählt haben könnte, um den Ton gegenüber Russland erneut zu verschärfen, ist unwahrscheinlich.

Putin hätte ihr am Sonntag einen anderen Satz aus Sydney vorhalten können: "Wir wissen auch (. . .) aus der Geschichte, dass man Worte schon ernst nehmen sollte und genau hinhören sollte." Doch der Kreml-Chef reagierte überraschend auf Merkels Wort: gar nicht.