Merkels Spitznamen Von Kohls Mädchen zur ewigen Kanzlerin

"Mein Mädchen" nannte Kanzler Helmut Kohl Angela Merkel, die er 1991 mit 36 Jahren zur Ministerin für Frauen und Jugend machte. Die Bezeichnung sollte ihr lange anhängen.

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Während ihrer langen politischen Laufbahn wurde Angela Merkel so manches Etikett angeheftet. Einige nur für kurze Zeit, andere hielten sich erstaunlich hartnäckig. Ein Überblick.

Von Barbara Galaktionow und Anna Reuß

Zum vierten Mal ist Angela Merkel an diesem Mittwoch zur Kanzlerin gewählt worden. Während ihrer politischen Laufbahn hat sie eine Vielzahl von Beinamen und Etiketten erhalten, die ihr Wesen, aber auch ihr politisches Wirken beschreiben. Ein Überblick.

Kohls Mädchen

Der politische Aufstieg der Ostdeutschen Angela Merkel im wiedervereinigten Deutschland verläuft steil. 1990 wird sie per Direktmandat zur Bundestagsabgeordneten im ersten gesamtdeutschen Parlament gewählt - und von Bundeskanzler Kohl überraschend zur Ministerin für Frauen und Jugend ernannt. 36 Jahre ist Merkel da alt. Drei Jahre später wechselt sie an die Spitze des Umweltressorts. "Mein Mädchen" nennt ihr politischer Mentor Merkel - eine Bezeichnung, die ihr lange anhaften wird. Erst im Zuge der Parteispendenaffäre distanziert sich Merkel - mittlerweile CDU-Generalsekretärin - 1999 öffentlich von ihrem politischen Ziehvater. Er wird es ihr dauerhaft übel nehmen.

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Angie

Es war 2005, als die Wahlkampfstrategen der CDU es offenbar für gut befanden, Auftritten der eher trocken wirkenden Klassikliebhaberin Merkel mittels der Rockballade "Angie" von den Rollings Stones mehr Pep zu verleihen. Wie es scheint, hatte man den Song allein nach dem Titel ausgesucht und den Inhalt nicht näher ins Auge gefasst. Denn darin kommen ganz und gar Wahlkampf-untaugliche Zeilen vor wie: "All the dreams we held so close, seems to all go up in smoke" (Alle Träume, die uns so nahe waren, scheinen sich in Rauch aufzulösen) oder "Ain't it time we said goodbye" (Ist es nicht Zeit, auf Wiedersehen zu sagen?). Als die britischen Rockstars davon erfuhren, waren sie zudem not amused und untersagten der CDU die Nutzung des Songs. Erstaunlicherweise setzte sich die Bezeichnung "Angie" für Merkel trotz der Diskrepanz von Person und Song doch irgendwie durch.

Die Opposition spottete über die "Reisegruppe Merkel/Gabriel", die 2007 in Grönland die Folgen des Klimawandels in Augenschein nahm.

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Klimakanzlerin

Im Jahr 2007 unternahm Kanzlerin Angela Merkel mit dem damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Reise nach Grönland, um sich selbst ein Bild von den drastischen Folgen der Erderwärmung zu machen. Vor allem aus der grünen Opposition war leichter Spott über die "Reisegruppe Merkel/Gabriel" zu vernehmen. Und doch prägte das Bild von Merkel und Gabriel in roten Anoraks vor schmelzenden Gletschern maßgeblich das Image von der "Klimakanzlerin". Damals gab Merkel das Ziel aus: Bis 2020 solle Deutschland 40 Prozent weniger Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen. Auch international setzte Merkel den Klimaschutz auf die Agenda. Beim G-8-Gipfel in Heiligendamm sorgte sie im gleichen Jahr dafür, dass sogar die USA und Japan ein Bekenntnis zum Kampf gegen die Erderwärmung unterzeichneten. Auf der internationalen Bühne hat die Kanzlerin sich seitdem immer wieder für das Thema stark gemacht. Und doch bröckelte das Bild von der Klimakanzlerin zusehends, zeigte sich doch, dass gerade in Deutschland das selbstgesetzte Klimaziel nicht erreicht werden wird. In vielen Medien mutierte Merkel daher zur "Klimakanzlerin a. D.".

Bildungskanzlerin

"Ein Riesenschritt in Richtung Bildungspolitik" nannte Merkel das, was sie und die damaligen Ministerpräsidenten beim Bildungsgipfel 2008 festlegten: Die Zahl der Jugendlichen ohne Berufsabschluss sollte bis 2015 auf die Hälfte schrumpfen. Dazu sollten zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung fließen. Doch woher die Milliarden dafür kommen sollten, wurde nicht präzisiert. Heraus kam nicht viel mehr als ein vages Versprechen, dass Deutschland irgendwann einmal mehr Geld für Schulen und Hochschulen ausgeben werde. Merkel klammerte aus, dass Bildung Ländersache ist und so verkündete sie zwar: "Wir wollen Bildungsrepublik werden." Nur sie selbst konnte wenig dafür tun. Nun soll das Kooperationsverbot gekippt werden.

Mutti

Die Bezeichnung "Mutti" soll angeblich von CSU-Mann Michael Glos stammen. Er soll sie in seiner Zeit als Wirtschaftsminister, die von 2005 bis 2009 dauerte, geprägt haben. Andere männliche Weggefährten Merkels übernahmen wohl den spöttisch Beinamen. Auch Philipp Rösler, FDP-Chef und Vizekanzler von 2011 bis 2013, soll von Merkel als "Mutti" gesprochen haben - er allerdings voller Bewunderung, wie es hieß. Erstaunlicherweise gelang es Merkel, das abschätzige Etikett in etwas Positives umzuwandeln. Manch einer behauptet sogar, der Spitzname sei das Beste, was ihr passieren konnte: Denn auch der Wähler denke an sie als "sparsame und besorgte Mutter", angelehnt an das Ideal der "schwäbischen Hausfrau", wie die Geschlechterforscherin Dorothee Beck im SZ Magazin erklärte. Merkel, die "mit sanfter Hand über ihre politische Familie und ihr Land wacht", wie die Bunte schrieb, hat sich erfolgreich von ihrem Übervater Helmut Kohl emanzipiert - und mit Kochtipps für Kartoffelsuppe den Mythos von sich selbst als "Mutter der Nation" gefestigt.