Merkels Rede im israelischen Parlament "Ich verneige mich vor den Opfern der Shoah"

Historischer Moment: Auf Deutsch hält Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Knesset eine Rede und betont die besondere Beziehung zwischen Deutschland und Israel. Die Erinnerung an den Massenmord an den Juden präge "für immer" die Zusammenarbeit beider Staaten.

Bei ihrer Rede im israelischen Parlament hat Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, die Erinnerung an den in deutschem Namen verübten Massenmord an sechs Millionen Juden werde "für immer" die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel prägen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel neben der Präsidentin der Knesset, Dalia Itzik.

(Foto: Foto: dpa)

Merkel sprach zu Beginn ihrer Rede einige Sätze in hebräischer Sprache und dankte den Abgeordneten der Knesset für die Ehre, in ihrer Muttersprache vor dem Parlament sprechen zu dürfen. Die Bundeskanzlerin betonte, Deutschland und Israel blieben auf besondere Weise durch die Erinnerung an die Shoah verbunden.

Wörtlich sagte Merkel: "Die Shoah erfüllt uns Deutsche mit Scham. Ich verneige mich vor den Opfern. Ich verneige mich vor den Überlebenden und vor all denen, die ihnen geholfen haben, dass sie überleben konnten."

"Beispielloser Zivilisationsbruch"

Der Zivilisationsbruch durch die Shoah sei beispiellos und habe Wunden bis heute hinterlassen. Merkel plädierte dafür, jedem Versuch der Relativierung der Verbrechen der Nationalsozialisten entgegenzutreten. Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürften in Deutschland und in Europa nie wieder Fuß fassen.

Die Bundeskanzlerin appellierte an Deutsche und Israelis, eine Erinnerungskultur für die Zeit zu entwickeln, in der keine Überlebenden der Shoah mehr von den Schrecken berichten können. Hier sei vor allem die Jugend gefordert.

Laut Merkel können sich beide Staaten dabei auf eine Kraft verlassen, die auch in den vergangenen Jahrzehnten geholfen hat: "Es ist die Kraft zu vertrauen." Diese Kraft stütze sich auf die Werte, die Deutschland und Israel teilen - nämlich Freiheit, Demokratie und die Achtung der Menschenwürde.

Merkel: Israels Sicherheit ist nicht verhandelbar

Die Bundeskanzlerin sicherte Israel die deutsche Unterstützung zu, den Friedensprozess mit den Palästinensern zu einem Erfolg und zu dauerhaftem Frieden zu bringen. Merkel sagte, die Drohungen des iranischen Präsidenten gegen Israel und das jüdische Volk seien Anlass zur Sorge.

Das iranische Nuklearprogramm sei "eine Gefahr für Frieden und Sicherheit". Sollte Iran in den Besitz der Atombombe kommen, hätte dies "verheerende Folgen" für Israel, Europa und die Welt.

Merkel betonte, wie jede deutsche Bundesregierung und jeder deutsche Bundeskanzler sei sie der "besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet". Diese sei für sie "niemals verhandelbar". Die bilateralen Beziehungen bezeichnete die Kanzlerin als "ausgezeichnet" und "einzigartig". Nach Merkels Rede erhoben sich die Abgeordneten und klatschten Beifall.

Besondere Ehre für deutsche Kanzlerin

Merkel ist die erste Regierungschefin der Welt, die vor dem israelischen Parlament eine Rede hält. Dieses Recht ist sonst Staatsoberhäuptern vorbehalten. Für Merkel, die trotz des Protests einiger Abgeordneter auf Deutsch sprechen wollte, wurde eine Ausnahmeregelung getroffen.

Der jüdisch-nationalistische Abgeordnete Arieh Eldad kündigte im Armeerundfunk an, er werde den Saal aus Protest verlassen: "Ich weiß, dass die letzten Worte, die meine Großeltern und meine Onkel - die ich nie kennengelernt habe - gehört haben, auf Deutsch waren", sagte er in Erinnerung an seine in der NS-Zeit verschollenen Angehörigen.

Zwei Bundespräsidenten wurde die Ehre, auf Deutsch zu sprechen, bereits 2000 und 2005 zuteil: Johannes Rau und Horst Köhler. Beide hatten die besondere Bedeutung des in deutschem Namen an den Juden verübten Massendmordes für die bilateralen Beziehungen betont.

Vor ihrem Auftritt in der Knesset wurde Merkel von Staatspräsident Schimon Peres empfangen. Peres bezeichnete den Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel in seinem Land als beispiellos. Es sei "ein wirklich großer Beitrag" zu den Bemühungen, den Nahostkonflikt zu lösen und gegen terroristische Bedrohungen anzugehen, sagte Peres am Dienstag nach einem Treffen mit Merkel in Jerusalem. Europa könne eine wichtige Rolle im Nahost-Friedensprozess spielen.

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