Von Thorsten Denkler, Berlin

Ihre Vorgänger hatten noch Visionen. Angela Merkel arbeitet ihre Aufgaben Punkt für Punkt ab. Über den überraschend ernüchternden Auftritt einer Regierungschefin.

Rot das Blouson, schwarz die Hose. Angela Merkel weiß, was sie tut. Darum kommt so eine Farbzusammenstellung nicht von ungefähr. Heute will sie reden über das politische Jahr 2008. Will reden über die vielen Projekte, die die Große Koalition noch voranbringen will. Merkels Botschaft: Hier sitzt die Kanzlerin, und die hat noch ein bisschen was vor in diesem Jahr. Trotz schwieriger werdender weltwirtschaftlicher Lage.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel. (© Foto: ddp)

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Das Jahr 2008 sei das "entscheidende Jahr für den Erfolg der Großen Koalition", sagt sie. An anderer Stelle spricht sie vom "Schlüsseljahr". Am Vormittag sprach Fraktionsgeschäftsführer Norbert Röttgen auch vom "Ergebnisjahr". Damit bloß nicht der Eindruck entsteht, der christdemokratische Teil der Bundesregierung wolle jetzt Dauerwahlkampf bis 2009 machen.

Zum siebten Mal stellt sich die Kanzlerin den Fragen der Journalisten vor der Bundespressekonferenz. Zum zweiten Mal kommt sie alleine. Der Termin war eigentlich für Ende Februar angesetzt, auf jeden Fall nach den drei Landtagswahlen in Hessen, Niedersachsen und Hamburg. Sie hat den Termin kurzfristig vorgezogen.

Merkel zählt auf: Bahnprivatisierung, Erbschaftsteuerreform, Gesundheitsfonds, ja, auch innere Sicherheit, weil das die Menschen bewegt. Dann noch Mindestarbeitsbedingungsgesetz, High-Tech-Strategie, Bürokratieabbau, Föderalismusreform. Außerdem sollen die Menschen endlich auch vom Aufschwung profitieren. Darum: Arbeitslosigkeit weiter senken und Arbeitnehmer über Investivlohn an den Unternehmensgewinnen beteiligen. Angela Merkel zitiert ihre To-do-Liste.

Ihre Vorgänger gehörten noch zu denen, die mit einer gewissen Vorstellung darüber ihr Amt antraten, was später einmal in den Geschichtsbüchern über sie stehen sollte. Kohl lebte für die europäische Integration, Schröder wollte das Land modernisieren, globalisierungsfest machen. Über Merkel wird geschrieben werden: Sie war die erste Frau. Sie hat erfolgreich To-do-Listen abgearbeitet.

Der Vorteil dieser Listen ist: Ist ein Punkt abgearbeitet, steht ein neuer längst drauf. Probleme brauchen Lösungen. Visionen braucht es da nicht. Realpolitik in ihrer reinsten Form. Merkel nennt die to do's, "die zu erledigenden politischen Maßnahmen". Und sie glaube, die Koalition habe "die Kraft, die Verantwortung und auch den Willen, die gemeinsamen Projekte zu verwirklichen."

Dass es derzeit kräftig ächzt und kracht im Gebälk der Großen Koalition, scheint sie nicht weiter zu stören. Koch macht mal wieder Wahlkampf auf Kosten der Ausländer. Jugendgewalt ist sein Thema, vor allem die Kriminalität von unter 21-Jährigen mit Migrationshintergrund. Die SPD regt das so auf, das Fraktionschef Peter Struck sich zu einem "Die Union kann mich mal" hinreißen ließ. Selten haben Landtagswahlkämpfe Bundespolitiker so in Rage gebracht.

Für Merkel kein Grund zur Aufregung. "Ich sage ja nicht, das wir die harmonischsten Zeiten haben, in denen die schwierigsten Kompromisse gefunden werden können". Das macht aber auch nichts. Wichtiger ist, klappt es im Kabinett? "Ja." Mit Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier? "Ja."

Außerdem: Im Wahlkampf ist es gut, auch mal die Unterschiede herauszuarbeiten, sagt Merkel. "Es kann in Wahlkämpfen keine Tabuthemen geben." Koch hat dafür "die Unterstützung der gesamten CDU". Andererseits glaubt sie, "dass die Bürger mehr Harmonie vertragen können, als die Parteien manchmal denken."

Aber darum geht es heute ja nicht. Es geht um das entscheidende Jahr 2008. Was Merkel "umtreibt", wie sie sagt, ist, dass manche "aus dem guten Verlauf des vergangenen Jahres" einfach schließen, "dass das so weitergeht". Wird es aber nicht. Das Wachstum wird weniger kräftig sein, prophezeit Merkel. Das mache Politik schwieriger. Und dafür wolle sie heute ein wenig sensibilisieren.

Schlechter Stil im Wahlkampf? Interessiert sie nicht. "Jeder pflegt da so seinen Stil." Pause. "Und ich guck mir das an." Merkel grinst. Und schiebt hinterher: "Von Zeit zu Zeit gespannter, von Zeit zu Zeit entspannter."

So ein Satz wirkt, als habe sich die Kanzlerin von der Politik entkoppelt. Irgendwie schwebt sie über den Dingen. Auch über den Fragen: Ein Journalist will wissen, ob sie Schwarz-Grün weiter für eine gute Idee hält. Merkel antwortet, dass sie Ole von Beust darin unterstützen werde, die absolute Mehrheit zu verteidigen. "Das war jetzt aber nicht die Frage", sagt der Journalist. Merkel: "Ja, hmm, das war aber jetzt die Antwort."

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(sueddeutsche.de/gba/maru)