Merkel zu Besuch in Großbritannien Camerons Herzensdame

Man versteht sich: Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Mann Joachim Sauer mit dem britischen Premier David Cameron (Mitte) auf Schloss Meseberg.

Wenn Kanzlerin Merkel beim britischen Premier Cameron in London eintrifft, wird ihr der "roteste der roten Teppiche" ausgerollt. Der Grund dafür ist simpel.

Von Christian Zaschke, London

Bemerkenswert gut gelaunt hat sich David Cameron am Mittwoch durch die allwöchentliche Fragestunde im Parlament geplaudert. Fidel wehrte der britische Premier halbherzige Angriffe der Opposition ab, und als er gefragt wurde, ob er nicht von Kanzlerin Angela Merkel lernen sollte, dass man im Grunde mit jeder Partei koalieren könne, sagte er jovial: "Meine Bewunderung für Angela Merkel ist enorm, sie hat viel erreicht. Zum Beispiel: Sie ist wiedergewählt worden."

Das war einer dieser Momente nahezu klassischer britischer Selbstironie, denn dass Cameron im kommenden Jahr wiedergewählt wird, ist derzeit nicht unbedingt wahrscheinlich. Der Premier genoss die teils hämischen, teils belustigten Lacher. Dann fügte er an: "Aber meine Bewunderung geht nicht so weit, dass ich nach ihrem Vorbild eine große Koalition eingehen würde."

Diese Form der gelassenen Heiterkeit ist dem britischen Parlament sehr zu eigen, und es wird interessant sein zu sehen, ob sich die von Cameron so bewunderte Angela Merkel an diesem Donnerstag ebenfalls in dieser Disziplin versuchen wird.

Die deutsche Regierungschefin reist für einen Tag nach London, wo man ihr, wie die Times anmerkt, den "rotesten der roten Teppiche" ausrollt. Auf dem Programm steht unter anderem eine Rede im Parlament in Westminster. In der Royal Gallery wird Merkel sowohl zu Unter- als auch Oberhaus sprechen. Das ist eine Ehre, die nur ausgesuchten Staats- und Regierungschefs zuteil wird.

Cameron zielt auf eine Reform der EU

Die bisher einzigen Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg im britischen Parlament sprechen durften, waren 1970 Bundeskanzler Willy Brandt und 1986 Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der eine sehr weit gefasste, exzellente Rede hielt. Unter anderem lobte er seine Gastgeber: "Was wir an Ihnen schätzen, ist, nicht unnötig früh über Prinzipien zu debattieren, sondern die Vernunft über die Ideologie zu stellen, zum klugen Verzicht auf Rechthaberei fähig zu sein, kompromissbreit zu verhandeln, aber auf der Grundlage eigener, fester Überzeugungen im Endspurt genügend Reserve zu haben." Am Ende erhielt er minutenlangen Beifall.

Merkel wird ihre Rede wohl einerseits ebenfalls weit fassen müssen, zumal sie 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs spricht, der im historischen Bewusstsein Großbritanniens eine enorm wichtige Rolle spielt.

Sie wird andererseits aber nicht umhinkommen, auch auf die Tagespolitik einzugehen, denn Cameron erweist der Kanzlerin auch deshalb die Ehre, weil er in ihr eine Verbündete in seinen Bemühungen um eine Reform der Europäischen Union sieht.

Die britischen Kommentatoren werden Merkels Rede Wort für Wort darauf abklopfen, ob Cameron auf Unterstützung hoffen kann, wenn er Kompetenzen von Brüssel zurück in die nationalen Parlamente verlagern will. Der britische Premier will das Verhältnis des Vereinigten Königreichs zur EU grundsätzlich neu verhandeln; auf Grundlage des Ergebnisses soll es 2017 eine Volksabstimmung über die Mitgliedschaft in der EU geben.

Innerhalb dieses Plans ist Merkel von herausragender Bedeutung für Cameron. Wenn er dem europaskeptischen Teil seiner Partei und der Wählerschaft glaubhaft vermitteln kann, dass er mit Hilfe der Kanzlerin eine wirkliche Veränderung des Status quo zu erreichen vermag, erhöht das seine Chancen auf eine Wiederwahl 2015 beträchtlich. Da Merkel ihm bei diesem Vorhaben nicht im Wege stehen will, wird sie wohl zumindest Wohlwollen signalisieren. Die konservative Presse ist sich allerdings darin einig, dass Cameron den Willen Merkels überschätze, ihm bei einer groß angelegten EU-Reform zu helfen.

Sonderbehandlung für Merkel

Wie wichtig dem britischen Premier die deutsche Kanzlerin ist, zeigt der Blick aufs Protokoll: Merkel landet am Vormittag in Heathrow, wo sie vom Europaminister abgeholt wird. Nach ihrer Rede im Parlament isst sie mit Cameron in dessen Privaträumen in 10 Downing Street zu Mittag. Es soll über außenpolitische Brennpunkte gesprochen werden und natürlich über die EU. Die Einladung in die private Wohnung des Premiers soll ausdrücklich ein Zeichen der Freundschaft sein. Merkel hatte Cameron im vergangenen Jahr mit der gesamten Familie nach Schloss Meseberg eingeladen. Es heißt, die beiden verstünden sich gut.

Für den Nachmittag hat Cameron der Kanzlerin noch einen besonderen Termin organisiert: Merkel ist in den Buckingham Palace geladen, wo Königin Elisabeth II. sie zum Tee erwartet. Zwischen Lunch und Tee hat die Kanzlerin noch ein Treffen mit Oppositionschef Ed Miliband gequetscht.

Nur gut sechs Stunden hält sich Merkel in London auf, doch deutlicher kann Cameron ihr nicht demonstrieren, wie bedeutend sie für ihn ist. Das Ausmaß der Vorzugsbehandlung wird besonders deutlich, wenn man sich den Besuch des französischen Präsidenten François Hollande von Ende Januar vergegenwärtigt. Den führte Cameron zum Lunch in ein ländliches Pub, was Hollande sichtlich irritierte. Wenig später, auf einer nachmittäglichen Pressekonferenz, wurde Hollande von der britischen Boulevardpresse genüsslich mit Fragen zu seinem Privatleben gequält. Cameron stand neben seinem unglücklichen Gast, und es gelang ihm tatsächlich fast, einen unschuldigen Gesichtsdruck zu wahren.