Als Angela Merkel in Sotschi Russlands Präsidenten trifft, bleibt keine Zeit für warme Worte: Erst teilt Medwedjew heftig aus, dann muss er kräftig einstecken.
Zwischen den Badeort Sotschi am Schwarzen Meer und das Gebirgsstädtchen Zchinwali im Kaukasus passen auf einer Landkarte gröberen Maßstabs höchstens zwei Fingerbreit. Es mag also so wirken, als suche Bundeskanzlerin Angela Merkel ganz bewusst die Nähe zu einem Konflikt, um den ohnehin kein westlicher Staatsführer mehr herumkommt, als sie an diesem Morgen in subtropischer Schwüle ihrem Airbus entsteigt.
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Die Stimmung zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew ist merklich abgekühlt. (© Foto: AFP)
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Doch ganz so ist es nicht, zum Treffen in Sotschi hatte Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew schon zu einer Zeit geladen, als von Zchinwali in den Weltnachrichten noch keine Rede war.
Medwedjew wollte eigentlich in der Ruhe seiner Sommerfrische der Kanzlerin seine bisher etwas neblige Idee einer europäischen Sicherheitsarchitektur erklären, über Wirtschaftskontakte plaudern und vielleicht ein paar Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi präsentieren.
Aber nichts von alledem interessiert die Kanzlerin, als sich ihre Autokolonne am Ufer entlang und stets im Fokus der Handykameras russischer Touristen der Sommerresidenz des Präsidenten nähert. Was als höfliche Visite gedacht war, hat der Georgien-Krieg in ein Krisentreffen verwandelt.
Und so fällt, obwohl die Klimaanlage im Pressezentrum normal arbeitet, die gefühlte Zimmertemperatur auf minus 25 Grad, als Merkel und Medwedjew den Saal betreten. Die Lage ist ernst, niemand soll aus den Mienen der beiden etwas anderes lesen. Hinter ihnen liegt ein anderthalbstündiges Gespräch, zu dessen Beginn Medwedjew anhand einer Landkarte Kriegsbericht erstattete.
"Wir konnten nicht anders, als über die tragischen Ereignisse zu sprechen, zu denen die georgische Aggression geführt hat", beginnt der Kreml-Chef seinen Pressevortrag, den die Kanzlerin mit einem ans Sauertöpfische grenzenden Ausdruck verfolgt. "Die gesamte Verantwortung trägt die georgische Führung", fährt Medwedjew fort. Er wird später noch kräftigere Ausdrücke gebrauchen, solche, wie man sie eher aus dem Munde seines Ziehvaters Wladimir Putin kennt.
Die Vorstellung, die Kanzlerin und Kreml-Chef hier geben, ist denkwürdig. Nicht deshalb, weil Meinungsverschiedenheiten offen angesprochen werden. Das ist früher schon geschehen. Da aber erschien es noch, als hielten sich Zwist und Gemeinsamkeiten die Waage. In Sotschi widersprechen sich Merkel und Medwedjew in fast jedem Punkt.
"Es ist selten, dass nur einer Schuld hat", sagt die Kanzlerin. Sie steht unter dem Eindruck der Nachrichten aus Georgien, wo sich auch am Freitag die Russen in Städten abseits von Südossetien als Besatzer aufführen. Keinen Zweifel lässt sie daran, dass sie Russlands Vorgehen "für nicht verhältnismäßig" hält und die Präsenz der Soldaten in Georgien für "nicht vernünftig". Dass diese dort rasch verschwinden, ist ihr dringendstes Anliegen.
Einig sind sich die beiden eigentlich nur darin, dass der von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vorgelegte Sechs-Punkte-Plan zur Entschärfung des Konflikts in Kraft gesetzt werden soll. Er sieht unter anderem Gewaltverzicht, den Rückzug der georgischen wie auch der russischen Truppen auf ihre Standorte vor Ausbruch der Feindseligkeiten und internationale Gespräche darüber vor, wie Sicherheit und Stabilität in Abchasien und Südossetien wiederhergestellt werden können. Spätestens da endet die Einigkeit auch schon wieder.
Merkel betont wiederholt die territoriale Integrität Georgiens. "Nach dem, was vorgefallen ist, können Südosseten und Abchasen kaum mehr mit den Georgiern zusammenleben", doziert hingegen Medwedjew. Als Schutzmacht werde Russland sich nach deren Wünschen richten. Das klingt nach Unabhängigkeit und das soll es auch.
Hier zückt Merkel eine naheliegende Karte: "Nicht jedes Volk auf der Welt, das einen Staat verlassen will, kann das auch tun - Russland kennt das ja", sagt sie. Gemeint ist Tschetschenien, ein Hinweis, den Medwedjew geflissentlich überhört. Putin, das weiß Merkel gut, wäre an dieser Stelle explodiert.
Dennoch imitiert Medwedjew den Vorgänger durchaus - in der Weise, wie er Worte betont oder wie er versichert, Russland werde Michail Saakaschwili keine weiteren "Idiotien" durchgehen lassen. An Georgiens Präsidenten lässt er ausrichten, er möge auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. Am Sonntag könnte Merkel das überbringen. Dann wird sie in Tiflis erwartet. Von Sotschi liegt das 20 Flugminuten entfernt, oder, je nach Blickwinkel, Welten.
(SZ vom 16.08.2008/ssc)
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