Merkel und Gabriel im Bürgerdialog Gabriel - der Politpädagoge

Vizekanzler Sigmar Gabriel stellte sich am Montag in Jena den Fragen der Bürger.

(Foto: Rainer Jensen/dpa)

Gabriel, der frühere Volkshochschullehrer mit dem ruhenden Vertrag, gibt aber auch den Politpädagogen. Egal, wie die Sache mit TTIP ausgehe, müsse sich Deutschland auch um Standards im internationalen Handel bemühen, sonst würden sie andere setzen. "Einfach nur Nein sagen, wird nicht reichen". Der Mann mit dem silbernen Bart schüttelt einmal den Kopf, dreimal ruft er dazwischen. Gabriel widerspricht ihm jedesmal. Dann schlägt er vor, dem Mann zu den verbliebenen Streitpunkten eine Mail zu schreiben. "Und Sie schreiben mir dann zurück, warum Sie das alles Quatsch finden."

Gabriel redet ausführlich und pointiert. Manchen Vorhalt kontert er mit Ironie, zum Beispiel als ihn ein Bürger dafür verantwortlich macht, dass die sozialdemokratische Schwesterpartei Pasok sich in Griechenland an der Ausbeutung des Staates beteiligt habe. Er möge ihm nicht zu viel Einfluss zusprechen, antwortet Gabriel, "den habe ich ja nicht mal in der SPD". Gabriel hat es leichter in Jena als Merkel in Marxloh, weil er die politischen Diskussionen führt, die er aus dem Alltag kennt: Steuergerechtigkeit, Altersarmut, Energiewende.

Der Vizekanzler muss sich beschimpfen lassen

Andererseits wird Merkel in Duisburg sehr freundlich behandelt. Der Vizekanzler in Jena muss sich hingegen beschimpfen lassen, zum Beispiel von einem jungen Lockenkopf, der das "Spardiktat" für Griechenland kritisiert, der Gabriel vorwirft, er richte Griechenland zugrunde, und der schließlich das Mikrofon nicht mehr hergeben will. "Ich war auch mal 20", sagt Gabriel gelassen, "ich weiß, wie man solche Veranstaltungen aufmischt."

Nur ein älterer Mann, der ihn erst als "Arbeiterverräter" begrüßt und später noch als "Kriegstreiber" tituliert, bekommt den Zorn des SPD-Chefs zu spüren: "Pass mal auf, nu' is gut.", sagt Gabriel und baut sich fast bedrohlich vor dem sitzenden Mann auf: "Das ist eine Unverschämtheit." Die Veranstalter haben zuvor grüne und rote Karten unter den 60 Teilnehmern verteilt, mit denen sie jederzeit Zustimmung (grün) oder Protest (rot) signalisieren können. Jetzt gehen doch einige grüne Karten hoch. Nur eine rote.

Kein Patentrezept gegen Verrohung

In Marxloh geht es mittlerweile um die Atmosphäre im Stadtteil. "Ich habe das Gefühl , dass immer mehr Menschen hassen", sagt eine Frau. Ob die Politik nicht gegen diese Emotion kämpfen könne, fragt sie. Merkel antwortet: "Sie haben das sehr treffend gesagt: der Hass". Dann referiert die Kanzlerin, wie Hass entstehe, durch Scheitern und Frustration. Was man dagegen machen könne, sagt sie nicht so genau. Ein Mann von der Freiwilligen Feuerwehr beklagt, dass selbst ehrenamtliche Helfer im Einsatz angegriffen würden. Was man gegen diese Verrohung machen könne, wird Merkel gefragt. "Da habe ich jetzt auch kein Patentrezept", sagt die Kanzlerin.

Kurz vor Schluss meldet sich eine junge Frau. Sie hat in Marxloh einen Verein initiiert, der leer stehende Wohnungen übernimmt und jungen Menschen überlässt, wenn die im Gegenzug Bildungspatenschaften für benachteiligte Kinder im Stadtteil übernehmen. Die junge Frau sagt, ihr Verein habe einige Ideen, wie man Sozialprogramme sinnvoller und einfacher gestalten könne. Deshalb habe sie eine Bitte an die Kanzlerin: "Schicken Sie mir Leute her, mit denen wir das in Ruhe besprechen können." Merkel sagt zu. Die junge Frau fügt hinzu: "Aber bitte ohne Presse, ganz heimlich."

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