Von Von Sönke Wiese

Die CDU-Chefin Angela Merkel war ein politischer Star - nun zeigen die Zeitungen sie als verbitterte Verliererin.

Es ist noch nicht lange her, da war Gerhard Schröder ein Kanzler auf dem Weg nach unten und Angela Merkel die Frau auf der Leiter nach oben. Hatte sie es nicht in der Zeit nach Helmut Kohl den Granden der Union so richtig gezeigt?

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Gestützt auf ein fein gesponnenes Netzwerk, das auch andere Frauen wie Sabine Christiansen, Friede Springer, Liz Mohn und Patricia Riekel umfasste, schien sie beste Chancen zu haben, 2006 erste Kanzlerin der Republik zu werden. Selbst der katholisch geprägte Männerbund von CDU/CSU begann sich damit abzufinden, dass eine ostdeutsche Protestantin den Sprung schafft.

Und die Medien schrieben fleißig mit, an dieser Erfolgsgeschichte von "Lady Unbefangen" (Zeit) aus der Uckermark. "Kohls 'Mädchen' ist flügge", merkelte der Münchner Merkur.

Nun aber sieht alles ganz anders aus. Schröder hat die Hartz-Gewitter irgendwie überstanden - und nun wird in den Zeitungen, fast lustvoll, die Heldin von einst demontiert. Geeignete Fotos gibt es genug, und viele scheinen geradezu herauszubrüllen: "Wenn es Nacht wird in Mecklenburg-Vorpommern!"

Fraktionsvize Friedrich Merz also war ausgebüchst, Wolfgang Schäuble hatte abgesagt und die Umfragewerte für die Opposition sind sowieso schlecht. "Ein bitterer Tag für CDU-Chefin Angela Merkel", titelte Bild auf Seite zwei und zeigte die typische Nahaufnahme der neuen Verliererin: Augen zu, Kopf gesenkt, Mundwinkel nach unten.

Die Boulevardzeitung der Axel Springer AG, die es früher eng mit Kohl hielt, präsentierte sie auf düsterem Hintergrund - wo sich doch im Original offenbar positives Himmelblau findet, wie dem Aufmacherfoto der Berliner Zeitung ("Merkels letztes Aufgebot") zu entnehmen war.

Ausdrucksstark im Negativen auch Springers Welt, die Merkel fast dämonisch groß im Zwielicht unter einem roten Punkt zeigte - das konnte mit Abenddämmerung oder mit roter Ampel assoziiert werden. Die taz zeigte eine sinister dreinblickende CDU-Chefin aufrecht stehend neben Schäuble im Rollstuhl: "Schäuble lässt Merkel sitzen."

"Bildsprache wird auch für seriöse Zeitungen wichtiger"

Wer lässt hier wen sitzen? Die politische Berichterstattung nähme einen "immer boulevardeskeren Stil an", findet die Hamburger Journalistikprofessorin Irene Neverla. Der Fall Merkel sei ein gutes Beispiel dafür, wie Politik auf Psychodramen reduziert werde. Und bei Frauen stellten die - männlichen - Redakteure viel mehr auf Optik ab.

Hans-Peter Hill, Bildchef der Deutschen Presseagentur, sagt: "Die ausdrucksstarke Bildsprache wird auch für seriöse Zeitungen wichtiger, weil sie sich am Kiosk über die Optik verkaufen müssen."

Nahaufnahmen ("Close-ups") würden für Aufmerksamkeit sorgen. Als Gegenbeispiel nennen Hill und Neverla die Frankfurter Allgemeine, die nicht die leidende Person Merkel in den Vordergrund gerückt habe, sondern ein eher sachliches Großmotiv von der Pressekonferenz brachte.

Es symbolisierte Einsamkeit, nicht Verzweiflung. Gern aber wurde, egal ob bei bösen oder weniger bösen Fotos, ein aktuelles Merkel-Zitat als Bildzeile unterlegt: "Ich fühle mich gut unterstützt."

Es handele sich um das "übliche Auf und Ab" in der politischen Berichterstattung, erklärt Bernd Gäbler, Chef des Grimme-Instituts in Marl: Das sei eine regelrechte "Themen-Konjunktur". Jetzt sei eben Angela Merkel dran. In den Redaktionen wird dementiert, dass es eine Lust am Niedergang der Angela Merkel gäbe.

Herdentrieb mit der Neigung zur Selbstverstärkung

"Bild hat sich bei der Berichterstattung der vergangenen Tage auf aktuelle Aufnahmen der Fotoagenturen gestützt. Lediglich in unserer Montagsausgabe haben wir ein Archivbild gewählt - dieses zeigte aber eine lächelnde, freundliche Angela Merkel", so Sven Gösmann, stellvertretender Chefredakteur. Eine generelle Tendenz, sie bei der Fotoauswahl negativ darzustellen, könne er "weder bei Bild noch in anderen Blättern wie der SZ erkennen".

Die Redaktion der FAZ habe die Merkel-Fotos nach den üblichen Kriterien ausgewählt, sagt Herausgeber Berthold Kohler. Und er fügt an: "Auch der Journalismus ist nicht gänzlich frei von einem Phänomen, das man Herdentrieb mit der Neigung zur Selbstverstärkung nennen könnte. Angela Merkel wurde bei anderer Gelegenheit von vielen journalistischen Händen in den Himmel gehoben - gegenwärtig erfährt sie das Gegenteil."

Inszenierung würde er das nicht nennen, die Politik führe auch in diesem Stück Regie: "Etwas mehr Theaterkritik in der Presse würde aber nicht schaden." Die Fotoauswahl erfolge "streng nach dem Nachrichtenwert der jeweiligen Geschichte", erklärt die taz.

Durchaus im Sinne der Leser könne es sein, wenn Zeitungen in Fotos emotionale Körpersprache ausdrückten, findet Wibke Fleischer vom Trendbüro Hamburg. So gesehen hat der Spiegel ("Flüchtige Macht: Der einsame Kampf der Angela Merkel") das richtige Bild gefunden: Er zeigt eine Riege christdemokratischer Anzug- und Würdenträger, die klatschen und hintersinnig grinsen - während im Hintergrund die auf der Leinwand illuminierte Angela Merkel fast zum Strich verkleinert und verzerrt ist. So, als ob sie sagen wolle: "Beam me up, Gentlemen!"

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(SZ vom 20. Oktober 2004)