Merkel und Ackermann Machtmenschen zwischen Nähe und Distanz

Sie verbindet eine merkwürdige Geschichte: Wie Kanzlerin Merkel und Deutsche-Bank-Chef Ackermann einen wohlkalkulierten Kontakt pflegen.

Von Nico Fried

Wahrscheinlich wollte Josef Ackermann der Kanzlerin einen Gefallen tun, als er erzählte, wie sie ihm mal einen Gefallen tun wollte. Das ging schief. Die Sache mit dem Geburstagsessen, dem "wunderschönen Abend" (Ackermann), hat beiden geschadet.

Der Chef der Deutschen Bank steht als Hochstapler da, seitdem die Kanzlerin seiner Version widersprach, er habe 30 Freunde einladen dürfen. Merkel muss sich verteidigen gegen den Vorwurf der Mauschelei.

Angela Merkel und Josef Ackermann verbindet eine merkwürdige Geschichte aus Nähe und Distanz, Fehlern und Missverständnissen. Sie respektieren sich in ihren Ämtern und in guten Zeiten lassen sie ihre Gewährsleute auch von Sympathie reden.

Beide sind Opernfans. Sie kooperierten gegen die Finanzkrise und gerieten darüber in Streit. Ihren besonderen Reiz erhält diese Beziehung aus den Begegnungen einer Politikerin, die auf das öffentliche Wohlwollen angewiesen ist, mit einem Banker, der vielen als Inbegriff des raffgierigen Kapitalisten gilt.

Diese Geschichte beginnt 2003. Josef Ackermann hat mit Merkel schon Kontakt, als sie noch Oppositionsführerin ist. Er wird später sagen, dass er unter anderem ihre Art schätzt, sich auch einen komplizierten Sachverhalt so lange erklären zu lassen, bis sie ihn wirklich verstanden hat.

Als Ackermann 2003 wegen des Vorwurfs der Untreue im Fall Mannesmann angeklagt wird, sieht Merkel darin einen "Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland". Sie zeigt sich überzeugt von der "persönlichen Integrität" Ackermanns. Wie Merkel dazu kommt, schon vor dem Prozess ein Urteil zu fällen, bleibt ihr Geheimnis. Als Ackermann mit einem Victory-Zeichen in den Ruch der Überheblichkeit gerät, steht Merkel ziemlich einsam da.

Nachdem sie Kanzlerin geworden ist, sprechen Ackermann und Merkel in unregelmäßigen Abständen miteinander. Der Bank-Chef ist gut verdrahtet, trifft auch ausländische Regierungschefs. Merkel und er machen sich das Wissen des jeweils anderen zunutze. Es ist ein funktionales Verhältnis zweier Machtmenschen. Anfang 2008 lädt der Bankchef die Kanzlerin zur Feier seines 60. Geburtstages nach München ein.

Die Geschäfte liefen gut, Ackermann hat sein heftig kritisiertes Renditeziel von 25 Prozent übertroffen und verdient selbst etwa 13 Millionen Euro im Jahr. Durch die USA wabert indes eine Immobilienkrise. Merkel sagt ihre Teilnahme an der Feier im Kaisersaal der Residenz aus Termingründen ab. Stattdessen lässt sie später das Essen im Kanzleramt organisieren. Ackermann macht einige Vorschläge, die endgültige Gästeliste stimmt Merkel persönlich mit ihm am Telefon ab.

Im Herbst bricht dann der Finanzmarkt zusammen. In Deutschland muss die Hypo Real Estate (HRE) gerettet werden, der Staat muss helfen. In der entscheidenden Nacht Ende September, nur noch Stunden vor der Pleite der HRE, telefoniert Ackermann zuerst mit Finanzminister Peer Steinbrück, dann mit der Kanzlerin. Man einigt sich auf ein Rettungspaket.

Im HRE-Untersuchungsausschuss gibt Ackermann über das Telefonat mit der Kanzlerin später zu Protokoll: "Ihr ist es gelungen, noch 1,5 Milliarden mehr aus mir herauszupressen."

Die Kanzlerin entschied sich für Empörung

Aus dem Schock über die HRE entsteht in Finanzministerium und Kanzleramt die Idee eines staatlichen Rettungsschirmes für die Banken. Wenige Tage später verabschiedet das Parlament das 480-Milliarden-Paket. Ackermann hat daran mitgewirkt. Doch die Banken zögern, die Hilfe anzunehmen. Da wird ein Zitat Ackermanns bekannt, er würde sich schämen, staatliches Geld anzunehmen. Man kann diesen Satz auf unterschiedliche Weisen verstehen.

Die Kanzlerin und ihre Regierung entscheiden sich für Empörung, Merkels Vize-Regierungssprecher Thomas Steg darf den Ärger aus der Kabinettssitzung sogar öffentlich machen. Das spricht dafür, dass es sich um eine gezielte Eskalation handelt, um von wachsenden Zweifeln am Rettungsschirm abzulenken.

Ackermann muss als Sündenbock herhalten. Wenige Tage später verzichtet er auf einen "Zukunftspreis", den ihm eine CDU-nahe Initiative verleihen will, nachdem das Kanzleramt streuen ließ, Merkel distanziere sich von der Auszeichnung. Im April 2009 wird Ackermanns Vertrag als Chef der Deutschen Bank überraschend verlängert. Merkel lässt Berichte dementieren, sie habe ihm per SMS gratuliert. Vielleicht wollte Ackermann deshalb kürzlich im ZDF etwas Nettes über Merkel sagen. Etwas Versöhnliches. Das Ergebnis ist Funkstille. Es wird über sie und ihn geredet. Miteinander gesprochen haben sie bislang nicht.