Von Thorsten Schmitz

Nahost hat Angela Merkel einen Strich durch die Rechnung gemacht: Ihre Visite in Israel sollte eigentlich den Mix eines rosigen Antrittsbesuchs aus freundlichen Worten, entspannten Momenten und schönen Bildern erfüllen. Daraus wurde nichts - eine Reportage, wie die Kanzlerin sich auf heikelstem Terrain bewegte.

Im Seitenflügel des vornehmen Jerusalemer King David Hotels hat sich eine Armada von mehr als hundert Fotografen und Kameramännern eingefunden, auch Reporter aus Japan und Argentinien sind erschienen. Man könnte meinen, US-Präsident George W. Bush und Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin stünden gleich Rede und Antwort.

Olmert, Merkel, AFP Bild vergrößern

Israels amtierender Regierungschef Ehud Olmert mit Angela Merkel. (© Foto: AFP)

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In Wahrheit ist es die deutsche Bundeskanzlerin, der das große Aufgebot gilt. Unprätentiös und geschäftsmäßig biegt sie um die Ecke, eilt aufs Podium, nickt ihrem Gastgeber zu, Israels amtierendem Regierungschef Ehud Olmert.

Dann wollen die Schmeicheleinheiten kein Ende nehmen. Viermal sagt Olmert, wie glücklich er sei, dass Merkel in Israel sei. Die betont ebenso oft, dass sie glücklich sei, in Israel zu sein. Dabei sprechen ihre Gesichter eine ganz andere Sprache. Beide sehen todunglücklich aus.

In Israel wird Angela Merkel in diesen Tagen oft mit dem früheren Außenminister Joschka Fischer verglichen, dessen Steckenpferd der Nahost-Konflikt war. Im Sommer 2001 war Fischer durch Zufall in die Rolle eines Nahost-Vermittlers geschlüpft.

Aus dem Schatten des Platzhirsches

Bei seinem damaligen Besuch in der Region wurden unweit seines Hotels 22 Jugendliche vor einer Diskothek am Strand von Tel Aviv von einem palästinensischen Selbstmordattentäter getötet. Nur Fischers Pendeldiplomatie zwischen Ramallah und Jerusalem war es zu verdanken, dass Israel zunächst von militärischer Vergeltung Abstand nahm.

In Jerusalem hat es den Anschein, dass Merkel Fischers vakanten Job fortsetzt. Dabei ist sie darauf bedacht, aus dem Schatten des Platzhirsches zu treten. Sie kommt nicht nur als Kanzlerin, sondern auch als sehr gut informierte Außenpolitikerin.

Ihre Visite in Israel sollte eigentlich den Mix eines rosigen Antrittsbesuchs aus freundlichen Worten, entspannten Momenten und schönen Bildern erfüllen. Doch Nahost hat Merkel einen Strich durch die Rechnung gemacht. Regierungschef Ariel Scharon liegt nach einem Schlaganfall im Koma, in Israel stehen Neuwahlen für Ende März an, und in den Palästinensergebieten regiert demnächst die Terrorgruppe Hamas.

Aus den schönen Bildern wird nichts. Die Reise ist ein Härtetest für Merkel. Als gelte es, keine Zeit zu verlieren, zählt sie im Stakkato die Bedingungen auf, die Hamas erfüllen müsse, um weiter mit Geld aus EU-Töpfen zu rechnen. Merkel und Olmert bilden in dieser Haltung eine Symbiose.

Ein Gesicht, das nicht lügt

Noch nie wurde die Reise eines deutschen Politikers in den Nahen Osten so aufmerksam verfolgt wie die 24-Stunden-Tour der Kanzlerin. Noch bevor sie einen Fuß auf den Boden des Internationalen Flughafens von Tel Aviv gesetzt hat, hatte es ein Bombardement aus Forderungen, Ratschlägen und Tipps aus der deutschen Heimat gehagelt.

Mitglieder aller Bundestagsfraktionen rieten Merkel, mit wem sie reden müsse, welche Aussagen sie treffen dürfe. Hinter allen Ratschlägen stand die Furcht, sie könne den Test der Israel-Tauglichkeit vermasseln. Es heißt, Merkel begehe keinen Fehler zweimal. Während ihrer Antrittsreise macht sie gar keinen.

Sie bewegt sich in Jerusalem und Ramallah, als sei schon immer Kanzlerin gewesen. Mit der ihr eigenen Unbestechlichkeit absolviert sie das dichte israelische Programm, spricht mit dem Präsidenten, dem amtierenden Regierungschef, mit Oppositionspolitikern und nimmt sich (zum Verdruss des Protokolls) mehr als zwei Stunden Zeit für das neu gestaltete Museum der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem.

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