Kanzlerin Merkel hat vor dem US-Kongress eine sehr deutsche Rede präsentiert - klare Antworten blieb sie schuldig.
Große Reden sind teutonischen Politikern wesensfremd, zumal auf fremdländischem Parkett. Die deutsche Geschichte mahnt stets zu Bescheidenheit, und eine eher biedere Langeweile bildet gewöhnlich den Grundton germanischer Fest-Rhetorik.
"Große Ehre": Angela Merkel sprach vor dem US-Kongress (© Foto: AP)
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Deutschlands Freunde in Europa wissen dies längst, und auch in den Vereinigten Staaten erwartet niemand ein Feuerwerk, wenn die Berliner Kanzlerin in Washington ans Pult tritt. Insofern hat Angela Merkel am Dienstag eine sehr anständige, sehr deutsche Rede präsentiert - und der Kongress hat ihr dafür mit Wohlgefallen gedankt.
Die ostdeutsche Pastorentochter klingt eben bis heute überzeugender als viele Westdeutsche, wenn sie 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer Amerika Dank sagt - für dessen Einsatz als westliche Schutzmacht im Kalten Krieg, sowie auch dafür, dass Washington 1989 (klarer als etwa Paris oder London) die historische Chance der Wiedervereinigung Deutschlands und des alten Kontinents erkannte.
Amerika vertraute zu Recht in die demokratische Reife der Deutschen.
Doch wie weiter? Dazu mochte die Kanzlerin nur wenig Verbindliches preisgeben. Ihre Washingtoner Rede beschwor westliche Werte und Bündnissolidarität.
Und ihre Metapher von den aktuellen Mauern (zwischen Arm und Reich, zwischen verschwenderischem Lebensstil heute und verbrannter Erde morgen) beschreibt die Herausforderungen richtig. Am Hindukusch wie im Nahen Osten, auf dem Balkan wie in Brüssels EU-Betrieb - überall wird Deutschlands Beitrag gebraucht.
Und überall erwartet die Welt konkretere Antworten von der Bundesrepublik, als Merkel sie am Dienstag zu geben bereit war.
Zoff im Bundesgerichtshof: Eine Personalie führt zu heftigen Verwerfungen – die Akte Karlsruhe. Seite Drei Jetzt lesen ...
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(SZ vom 4.11.2009/plin)
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@Zielsicher: Danke für Ihren treffenden Beitrag.
Ergänzung zu den Merkel zuteilgewordenen "standing ovations" (Beifall, zu dem man sogar aufsteht).
Die sog. "standing ovations" sind in den USA quasi der Normalfall. Den Beifall im Sitzen gibt es fast nicht mehr.Man gehe nur mal in die Oper in New York. Der letzte Ton ist noch nicht verklungen, und die Amis springen auf die Füße, klatschen und schreien, so sehr, daß ich immer sage, die Amis meinen, für das Entgelt der Eintrittskarten hemmungslos Lärm machen zu dürfen...Andere Länder, andere Sitten.Man sollte den angeblich frenetischen Beifall für Merkelinchen im Kongress im richtigen Licht, d.h. dem kulturellen Kontext sehen.
Auch andere Politiker bleiben im Ungefähren. Also muss Merkel nicht zu allem etwas "Genaues" sagen.
Was sie aber sagt, sollte Hand und Fuß haben. Neben Allgemeinplätzen und üblichen Schönwetter-Floskeln blieb nicht viel übrig. Man sieht es ja in Sachen GM / OPEL. Was sagt mehr über die Beziehungen USA / EUROPA bzw USA / D aus als solche wichtigen Fälle.
Halbwegs vollzogenen Mega-Beschaffungen des Pentagons wurden zurückgenommen. Europa guckt durch die Röhre. GM ist nicht fähig, aus OPEL was Vernünftiges zu machen.
Die halbe Welt beschäftigt sich fortan mit Opel. Und jetzt heisst es plötzlich: Kommando zurück.
Das sind doch die Possen von Narren.
Nur nochmals zu den standing ovations für Merkel. Ich habe es mir angesehen, als Blair dort auftrat oder später auch Sarkozy. Es war im Prinzip das Gleiche. Eigentlich hatte Blair noch viel mehr Beifall, und "Sarko" kaum weniger. Natürlich hatten die einiges auch zu bieten. Z. B. "Sarko", dass es ohne die Hilfe Frankreichs für die USA beim Unabhängigkeitskrieg gegen England keine USA geben würde und auch, dass die Freiheitsstatue ein Geschenk Frankreichs war. Alles natürlich recht schön und kunstvoll in andere Aussagen "verpackt".
Weil Merkel einer starken Polit-Lobby in den USA "gut in den Kram passt", werden dort die weniger guten Seiten, neben der Schoko-Perspektive, einfach weggedrückt. Meinungsmache per Fakten-Selektion. Angriff gegen Iran, klares Pro-Israel-Bekenntnis, kein Sterbenwort zur Siedlungspolitik, Aufruf zum Kampf gegen Terrorismus, Lobhudelei für Karzai, das volle Programm der Dankesserie an die USA. Die Art der Berichterstattung und der Kommentarschreibe nähert sich wieder der Diktion aus den Zeiten des Kalten krieges an. Neue Themen sind allerdings Klimaschutz, Meereserwärmung, entwicklungspolitische Gedankensplitter, ein etwas verschämter Aufruf zu mehr Wirtschaftsmoral und etwas Eigen-PR in Sachen Sozialer Marktwirtschaft.
Für einen avarage Joe aus Iowa oder Kansas oder eine Doris aus Ohio oder Wisconsin war die Rede abgehoben. Eine um sich selbst kreisende politische Klasse in den USA und auch im Bundestag hat andere Probleme. Jeder dritte Abgeordnete im Kongreß, wenn nicht mehr, ist Vermögensmillionär. Auch in Union und FDP kann man jede Zweite / jeden Zweiten (Bundestag) als weit überdurchschnittlich vermögend ansehen. Im Bundestag sitzen rd. 200 wohlbestallte Juristen und Verwaltungsbeamte. Hinzu kommen noch andere privilegierte Gruppenzugehörige. Keine echte Volksvertretung.
Ist mir das peinlich! Soooo peinlich, daß ich Mutti bitten möchte, mich zur Adoption freizugeben. Wenn das so weitergeht, werde ich mich im Ausland nur noch mit hochgeschlagenem Kragen, breitkrempigem Hut und Sonnenbrille bewegen. Vielleicht wäre auch ein blickdichtes Ganzkörperkondom besser; überleg ich mir noch.
Merkels Schmachtrede vor beiden Kammern des US-Kongresses war gezielt auf die Oberflächlichkeit der weitgehend unpolitisch denkenden US-Amerikaner. Selbst die Kongress-Abgeordneten, Senatoren und Gouverneure haben kein realistisches Bild von der deutschen Gesellschaft und Politik. Nach Merkels Rede schon gar nicht...
Merkel hat ihre Ostzonen-Biografie als Mittel der gefühlsmäßigen Überzeugung eingesetzt, ohne auch zu sagen, dass Deutschland den USA nicht nur einiges "verdankt" sondern auch durch die Politik der USA - z. B. die Politik des vormaligen Präsidenten Bush geschädigt wurde.
Der Fall der Mauer vor 20 Jahren war originär nicht den Alliierten oder den USA zu verdanken - er war vielmehr die Folge von Willy Brandts Ostpolitik, die von Kohl bitter bekämpft worden war und von der ausgerechnet dieser Kohl profitierte, der sich fortan als "Kanzler der Einheit" feiern ließ.
Dass die in propagandistischer Wirkung gut bewanderte Kanzlerin im Kongress mit Standing Ovations belohnt wurde, ist genauso kitschig wie das ganze US-amerikanische
Empfinden für Deutschland und Europa.
Zitat :"Und überall erwartet die Welt(!) konkretere Antworten von der Bundesrepublik, als Merkel sie am Dienstag zu geben bereit war."
Und das , wo doch "...überall... Deutschlands Beitrag gebraucht " wird ! Am Hindukusch zum Beispiel ... äääh ja eigentlich nicht , oder ? Oder hat der SZ-Thinktank darauf etwa eine schlüssige Antwort , die wir nicht kennen ? Bitte - nur keine vornehme Zurückhaltung !
Tja und "die Welt" - die schwurbelt sich derweil auch so durch : sie fährt auf Sicht - ...
in die Katastrophe !
Paging