Ein Kommentar von Christian Wernicke

Kanzlerin Merkel hat vor dem US-Kongress eine sehr deutsche Rede präsentiert - klare Antworten blieb sie schuldig.

Große Reden sind teutonischen Politikern wesensfremd, zumal auf fremdländischem Parkett. Die deutsche Geschichte mahnt stets zu Bescheidenheit, und eine eher biedere Langeweile bildet gewöhnlich den Grundton germanischer Fest-Rhetorik.

"Große Ehre": Angela Merkel sprach vor dem US-Kongress (© Foto: AP)

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Deutschlands Freunde in Europa wissen dies längst, und auch in den Vereinigten Staaten erwartet niemand ein Feuerwerk, wenn die Berliner Kanzlerin in Washington ans Pult tritt. Insofern hat Angela Merkel am Dienstag eine sehr anständige, sehr deutsche Rede präsentiert - und der Kongress hat ihr dafür mit Wohlgefallen gedankt.

Die ostdeutsche Pastorentochter klingt eben bis heute überzeugender als viele Westdeutsche, wenn sie 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer Amerika Dank sagt - für dessen Einsatz als westliche Schutzmacht im Kalten Krieg, sowie auch dafür, dass Washington 1989 (klarer als etwa Paris oder London) die historische Chance der Wiedervereinigung Deutschlands und des alten Kontinents erkannte.

Amerika vertraute zu Recht in die demokratische Reife der Deutschen.

Doch wie weiter? Dazu mochte die Kanzlerin nur wenig Verbindliches preisgeben. Ihre Washingtoner Rede beschwor westliche Werte und Bündnissolidarität.

Und ihre Metapher von den aktuellen Mauern (zwischen Arm und Reich, zwischen verschwenderischem Lebensstil heute und verbrannter Erde morgen) beschreibt die Herausforderungen richtig. Am Hindukusch wie im Nahen Osten, auf dem Balkan wie in Brüssels EU-Betrieb - überall wird Deutschlands Beitrag gebraucht.

Und überall erwartet die Welt konkretere Antworten von der Bundesrepublik, als Merkel sie am Dienstag zu geben bereit war.

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(SZ vom 4.11.2009/plin)