Merkel gegen Steinbrück Dialog statt Duell

93 Minuten, zwei Kandidaten, kein klarer Sieger: Wie das Fernsehduell eher zum Gespräch zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück wurde - in dem die Zuschauer die Moderatoren eigentlich nicht gebraucht hätten.

Von Nico Fried, Berlin

Ganz am Schluss kann er es dann doch nicht lassen. Stefan Raab wird persönlich. Er versucht, Peer Steinbrück zu überreden, auch Vizekanzler unter Frau Merkel zu werden, dann könne er ihn vielleicht doch noch wählen. Steinbrück will sich darauf nicht einlassen, es geht hin und her.

Der Kandidat will die Wahl nicht wegen der schlechten Umfragen vorzeitig verloren geben und findet, Raab könne ihn "nach dieser Veranstaltung" - er meint das TV-Duell - auch so wählen. Aber das will Raab offensichtlich nicht. Die Frage an Steinbrück ist nachvollziehbar, aber Raab überdreht dann doch in der Art, die seine Kollegen wohl befürchtet haben dürften: Er macht sich selbst wichtiger als die Sendung.

Dabei war es bis zu diesem Zeitpunkt kein schlechtes Duell, weitaus lebendiger als vor vier Jahren zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, wenn auch mit weniger Pointen als in den Duellen, die Gerhard Schröder in seiner Kanzlerschaft absolvierte. Das inhaltliche Niveau war hoch, zu hoch vielleicht an manchen Stellen, sehr viele Fakten, auf die Schnelle schwer nachprüfbar, zumal die Kontrahenten sich von den Moderatoren nicht wirklich führen ließen.

Als es losgeht, greift der Herausforderer sofort an. Steinbrück breitet seine Vorstellung von Deutschland aus, fast so, als fürchte er, nicht alles in die Sendung zu bekommen, was er sagen will. Es ist ein Land des angeblichen Stillstands, das er wieder in Bewegung bringen möchte. Seine ersten Worte klingen eigentlich schon wie sein Schlusswort. Und er warnt die Zuschauer, dass es das Land, das Angela Merkel nach ihm beschreiben werde, gar nicht gebe.

Die Kanzlerin Merkel versucht es mit einem Anflug von Humor

Merkel schildert als Antwort Erfolge ihrer Regierungszeit, wirkt dabei aber zunächst etwas nervöser, verhaspelt sich gleich drei Mal, gewinnt erst nach einigen Minuten an Gelassenheit. Auf die Frage, ob ihr Steinbrück wegen seiner Schwierigkeiten im Wahlkampf leidtue, antwortet sie dann mit einem Anflug von Humor: "Das hat Herr Steinbrück doch gar nicht nötig."

Der Herausforderer dagegen wirkt ernst, fast streng. Er zählt weiter Missstände in Deutschland auf, mal als Beschreibung, mal als Fragen: prekäre Arbeitsverhältnisse, hohe Mieten. Anne Will erlaubt sich nach einigen Minuten mit Recht einen ersten kritischen Hinweis, dass bis dahin vor allem Antworten zu hören gewesen seien, die nicht unbedingt viel mit den gestellten Fragen zu tun gehabt hätten.

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Doch so richtig bekommen die Moderatoren ihre Gäste auch im weiteren Verlauf nicht in den Griff. Im Gegenteil: Immer wieder mal werden die Rollen getauscht, nicht zwischen Merkel und Steinbrück, sondern zwischen Politikern und Moderatoren. So ist Raab der erste, der eine wirkliche Vision ins Spiel bringt: Solle man nicht zum Abbau von zwei Billionen Euro jetzt eine Milliarde zurückzahlen - und zwar jeden Monat? Die Vision ist so unrealistisch, dass die Kontrahenten sie glatt ignorieren.

Wenn die Moderatoren die Politik übernehmen, denkt sich Steinbrück stattdessen, kann er doch auch mal Moderator spielen - und kriegt tatsächlich als Erster an diesem Abend eine klare Antwort: Obwohl CSU-Chef Horst Seehofer gesagt hat, er werde einen Koalitionsvertrag ohne Pkw-Maut nicht unterschreiben, legt sich Merkel auf wiederholte Nachfrage Steinbrücks fest: Eine Pkw-Maut werde es mit ihr nicht geben. Spaltpilz in die Union gehauen - Punkt für den Herausforderer.

Nur kurz ein Thema, aber keine Kontroverse

Es gibt später noch so einen Wortwechsel zwischen dem Interviewer Steinbrück und der Kanzlerin. Es geht dabei um Griechenland. Es könne ein neues Paket geben, "aber kein Mensch weiß, wie groß das ist", sagt Merkel. Steinbrück kritisiert daraufhin den Rettungskurs für Griechenland als gescheitert. Da macht Merkel auf wiederholte Vorwürfe Steinbrücks hin einen Punkt: Es sei schwer nachvollziehbar, dass die SPD wegen eines bereits vor Monaten angekündigten dritten Pakets für Griechenland plötzlich die gesamte Rettung für gescheitert erkläre, an der sie doch jahrelang mitgearbeitet habe.

Auch Merkel braucht nach einiger Zeit eigentlich keine Moderatoren mehr. Als Steinbrück an einer Stelle seine Ausführungen beendet hat, setzt sie schon zu einer Antwort an, unterbricht sich dann aber doch noch mal kurz und sagt zu Anne Will: "Ich höre mir Ihre Frage noch an." Sehr freundlich.

Nach 39 Minuten macht sich Maybrit Illner dann erstmals Sorgen um die Ausgeglichenheit bei der Redezeit, statt sich an einer eigentlich recht lebhaften Diskussion zu erfreuen. Merkel redet länger als der Herausforderer - der redet allerdings auch schneller. Ihrem eigentlichen Job kommen die Moderatoren hingegen nicht immer so penibel nach. Peter Kloeppel stellt in einer Frage an Steinbrück eine Behauptung zu dessen früherer Position beim Mindestlohn auf. Als der widerspricht, schweigt der RTL-Moderator, statt seine Frage mit Fakten zu unterlegen.

Beim Thema Altersversorgung verheddert sich Steinbrück in Äußerungen, die Merkel ihm zu einer Drohung gegen Pensionäre interpretiert. Beim NSA-Skandal behält der Herausforderer knapp die Oberhand. Der mögliche Militärschlag in Syrien ist nur kurz ein Thema, keine Kontroverse. Als alles vorbei ist, geht Merkel auf den Konkurrenten zu. Händedruck. Aus.