Von Reymer Klüver, Washington

Merkels Antrittsbesuch bei Obama nach fünf Monaten: Während George W. Bush einst kumpelte und schon mal eine Nackenmassage anbot, geht es US-Präsident Obama um Substanz und nicht um persönliche Beziehungen zu Staatschefs.

Es gab einmal Zeiten, da war Deutschland der wichtigste Partner Amerikas auf dem europäischen Festland. Das war keine Frage, und jeder wusste das in Washington. Die Zeiten sind längst vorbei. Zwei Jahrzehnte ist das her. Schon unter George W. Bush fanden die Amerikaner jedenfalls zeitweise neue Freunde im neuen Europa - eben nicht in Berlin, sondern in Prag oder Warschau.

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Sie haben sich schon getroffen, in Dresden, in London und Baden-Baden, doch an diesem Freitag macht die Kanzlerin ihren Antrittsbesuch beim US-Präsidenten in Washington. (© Foto: ddp)

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Das hat sich auch wieder geändert, als sich eine realistischere Einschätzung der Machtverteilung in Europa auch in Washington wieder durchsetzte. Dennoch ist seither klar, dass Amerika Deutschland nicht mehr automatisch als Partner Nr. 1 auf dem alten Kontinent sieht. Und daran hat sich mit dem neuen Präsidenten, der neuen Regierung in Washington nichts geändert. Eher im Gegenteil.

So werden in Deutschland wohl viele wieder auf die Körpersprache achten, wenn Angela Merkel am Freitag neben Barack Obama am Rednerpult im East Room des Weißen Hauses stehen wird, und beide vor den Medien ihre unverbrüchliche Freundschaft beschwören werden. Werden sie ein bisschen lockerer sein als bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz in Dresden? Vielleicht werden sie sich Mühe geben und sich am Arm fassen oder ein Lächeln wagen. Aber letztlich kommt es nicht darauf an.

Keine Nackenmassage von Obama

Weder Merkel noch Obama haben den etwas burschikosen Stil ihrer Vorgänger übernommen, mit Hilfe persönlicher Beziehungen politische Differenzen ausgleichen zu wollen. Obama könnte vom Typus her nicht verschiedener sein als George W. Bush, der selbst Staatsgäste am liebsten zu "buddies" machen wollte, also zu Kumpeln, mit denen man anstatt über Football halt über das Weltgeschehen schwatzte.

Berühmt-berüchtigt sind seine Aussetzer. Etwa seine positive Einschätzung Wladimir Putins, dem er tief in die Augen schaute - und vertraute. Oder seine Nackenmassage von Angela Merkel beim G-8-Treffen in St. Petersburg, die diese eher angestrengt denn amüsiert über sich ergehen ließ. So etwas wird Obama nicht unterlaufen.

Substanz nicht persönliche Beziehung

Ihm geht es um die Substanz, nicht um die persönliche Beziehung zum obersten Repräsentanten einer anderen Regierung. Die Briten haben das im Frühjahr als Erste gespürt beim Antrittsbesuch ihres Premierministers im Weißen Haus. Gordon Brown war vor den Kameras geflissentlich um Gunstbeweise Obamas bemüht, der darob fast peinlich berührt und ungelenk steif blieb.

Von eher untergeordneter Bedeutung für seine politischen Wünsche an die Berliner Regierung dürften also Barack Obamas Einstellungen zu Deutschland im allgemeinen und zur Kanzlerin im besonderen sein. Über sein Deutschlandbild weiß man ohnehin wenig.

Es gibt eine Passage in seiner Autobiographie "Ein amerikanischer Traum", in der er Klagen seiner kenianischen Halbschwester über Rassismus in Deutschland referiert. Und dann gibt es noch den berühmten Großonkel, der als US-Soldat das Zwangsarbeiterlager Ohrdruf befreien half. Aber das sind dann auch im Wesentlichen seine vorpräsidentiellen Berührungspunkte mit Deutschland. Und natürlich jener umjubelte Auftritt in Berlin, als die Deutschen Obama schon wie einen Präsidenten feierten.

Neue Sachlichkeit

Heute, nach dem langen emotionsgeladenen Wahlkampf, der Obama eben auch nach Europa und Deutschland führte, gibt es ohnehin eine neue Sachlichkeit im Umgang - und vor allem Interessen. Da sind drei politisch bedeutsame Komplexe, bei denen Deutschland offenkundig amerikanischen Wünschen nicht entgegenkommt. In Afghanistan würde Barack Obama gerne mehr deutsche Soldaten sehen. Und die Aufnahme von ein paar Gefangenen aus Guantanamo hätte ihm sehr geholfen. Als Reaktion auf die globale Wirtschaftskrise hätte sich Washington vom Exportmeister Deutschland auch mehr finanzielles Engagement gewünscht.

Doch das sind die Streitfragen aus den ersten Monaten der neuen Administration. Sie sind abgehakt oder auf Wiedervorlage beiseite gelegt. Jetzt geht es um die gegenwärtigen Krisen. Der Umgang mit Iran und der neue Versuch, den Nahostkonflikt zu beenden, dürften breiten Raum einnehmen. Und in beiden Fällen kann Washington tatsächlich Unterstützung aus Berlin gebrauchen.

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(SZ vom 25.06.2009/ehr)