Ein Kommentar von Nico Fried

Am Mittwoch hat Angela Merkel gen Afrika abgehoben. Die Kanzlerin ist viel unterwegs - doch das wichtigste Reiseziel meidet sie: Afghanistan.

Am Mittwoch hat Angela Merkel gen Afrika abgehoben. Demnächst fliegt sie nach Asien. Und im November zu George W. Bush nach Texas.

Angela Merkel ist in Äthiopien eingetroffen (© Foto: dpa)

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Alles wichtige Reisen, kein Zweifel, daran ändert auch der Dauervorwurf der SPD nichts, dass die polyglotte Kanzlerin ihr Heil in der Außenpolitik suche, statt sich endlich um Mindestlohn und Pflegereform zu kümmern. Umso bedauerlicher aber ist, dass im Kalender der Kanzlerin bislang das wichtigste Reiseziel fehlt: Afghanistan.

Sechs Jahre nach Beginn des Bundeswehr-Einsatzes am Hindukusch ist das deutsche Engagement umstritten wie nie. Allen unbestreitbaren Erfolgen zum Trotz fördern Bombenanschläge und Entführungen den Eindruck, die Befriedung des Landes komme nicht voran. Die wachsende Zahl ziviler Opfer hinterlässt in Deutschland bei vielen das Gefühl, an einem falschen Krieg beteiligt zu sein.

Eine Mehrheit der Bevölkerung ist für einen Rückzug der Bundeswehr.

In dieser Situation werden Merkel und ihre Regierung nächste Woche im Bundestag um die Verlängerung des Isaf- und des Tornado-Einsatzes werben und Anfang November um eine weitere Unterstützung der besonders kontroversen Anti-Terror-Operation Enduring Freedom.

Auch wenn die Kanzlerin sich in vielen Gesprächen gründlich informiert haben mag - nichts liefert bei diesem Thema glaubwürdigere Argumente als der persönliche Eindruck vor Ort. Merkel aber war in den ganzen zwei Jahren ihrer Regierungszeit noch nicht in Afghanistan.

Sicherheitsbedenken? Verständlich, aber doch schwer nachvollziehbar angesichts von mehr als 3000 deutschen Soldaten, die sich tagtäglich hohen Risiken ausgesetzt sehen. Terminschwierigkeiten? Eine Frage der Prioritäten:

Wer zwei Tage Zeit hat, auf Grönland schmelzende Gletscher zu begutachten, müsste auch im dichtesten Terminplan noch eine Lücke finden, um den derzeit gefährlichsten Einsatz deutscher Soldaten auch an Ort und Stelle zu würdigen.

Überflüssige Symbolpolitik? Merkel weiß genau, welche Rolle Symbole spielen. Sie nützt sie überall da, wo sie besonders öffentlichkeitswirksam sind und ganz nebenbei auch noch die Möglichkeit bieten, politischen Rivalen eins auszuwischen.

Sie sprach in diesem Jahr vor der UN-Generalversammlung, entdeckte das Ziel eines deutschen Sitzes im Sicherheitsrat für sich und überließ ihrem Außenminister die wirklich mühsamen Gespräche. Auch in der Klimapolitik bewahrt sie geschickt die Hoheit über ein populäres Thema und verdrängt den zuständigen Minister in eine Statistenrolle.

Wo es aber knifflig wird, gibt sich Merkel plötzlich als Teil des Regierungskollektivs. Schon in der Diskussion um Veränderungen der Afghanistan-Mandate hat die Kanzlerin nicht geführt, sondern nur die Differenzen zwischen Außen- und Verteidigungsministerium moderiert.

So aber setzt sich Merkel dem Verdacht aus, dass sie es sich nach ihren G-8- und EU-Erfolgen nun in weicheren Themen gemütlich machen will.

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(SZ vom 4.10.2007)